https://www.faz.net/-gum-7yyw6

„Gentleman Host“ Peter Nemela : „Kabinenbesuche bei Damen sind verboten“

  • Aktualisiert am

„Gentleman Host“ Peter Nemela bei der Arbeit: Tanzen auf dem Kreuzfahrtschiff. Bild: Neue Visionen Filmverleih

Lachen, tanzen, flirten. Das ist sein Job. Peter Nemela ist „Gentleman Host“ auf einem Kreuzfahrtschiff, ständig unter Frauen und doch solo.

          4 Min.

          Alles schwankt. Mehr ist es aber auch nicht, was an jenem Vormittag an Bord des Restaurantschiffs auf der Berliner Spree an die Atmosphäre eines Kreuzfahrtriesen erinnert. Vorgestellt wird hier der Film „Die letzten Gigolos“; die Kino-Dokumentation von Stephan Bergmann begleitet zwei ältere Herren bei der Arbeit auf der „MS Deutschland“ - zwei alleinstehende Rentner, die aus Lust am Reisen, Tanzen und, ja, auch auf der Suche nach einer Frau als „Gentleman Host“ angeheuert haben. Einer von ihnen ist der Peter Nemela, 76. Auch wenn er passend angezogen ist: Zeit für eine Runde im legendären Tanzlokal „Clärchens Ballhaus“ in der Hauptstadt hat er an jenem Abend nicht; er muss den Zug erwischen, zurück nach Hessen.

          Herr Nemela, Respekt - so auf Hochglanz polierte Schuhe sieht man in Berlin selten.

          Diese hier trage ich an Bord immer zum Tanzen, sie gehören dort zu meinem täglichen Outfit. Mit Ledersohle, wegen des Parketts. Und ein Paar Lackschuhe habe ich auch dabei, für den Smoking - davon habe ich schon einen verbraucht.

          Wie verbraucht man Smokings?

          Wenn man zwei Monate in der Welt unterwegs ist und ihn auf vielen Tanzabenden trägt, ist er durchgeschwitzt und muss in die Reinigung. Danach ist er nie mehr so gut wie vorher.

          Der Film über Sie heißt „Die letzten Gigolos“. Was gefällt Ihnen am besten: „Gigolo“ oder doch eher „Eintänzer“, „Kavalier“?

          Gentleman Host - weil es der offizielle Begriff für die Dienstleistung ist, die ich an Bord erbringe. „Eintänzer“ nannte man die Offiziere, die zwischen den Kriegen einsprangen, weil es zu wenig Männer gab. Die Bezeichnung „Gigolo“ muss man mit Augenzwinkern sehen, da denkt man an Frivolitäten, die wir uns nicht leisten können. Wir sind vertraglich gebundene Dienstleister.

          Welche Dienstleistungen sind das?

          Abgesehen vom Tanzen, müssen wir auch Shuffleboard spielen oder Ausflüge begleiten.

          Klingt nach viel Arbeit.

          Ab Donnerstag im Kino: Die Kino-Dokumentation „Die letzten Gigolos“ von Stephan Bergmann.

          Wie der Kreuzfahrtdirektor auch ist man an Bord eine öffentliche Person. Man wird immer beäugt, muss lächeln, aufrecht laufen, manchmal ziehe ich mich vier, fünf Mal am Tag um. Vier Jahre habe ich das gemacht, das ist auch anstrengend. Etwa wenn man erst abends von einem Landgang zurückkommt, nur schnell eine Suppe löffeln kann und dann schon wieder in den Abendanzug schlüpfen muss, ab auf die Bühne zum Tanzen. Wichtig ist, dass wir bestimmte Richtlinien in unseren Verträgen einhalten.

          Welche denn?

          Wir dürfen eigentlich nicht flirten.

          Wie bitte?

          Das ist ein schmaler Grat, der natürlich dauernd überschritten wird. Aber Kabinenbesuche bei Damen sind verboten. Im Ernstfall würde ich am nächsten Hafen ausgesetzt. Ist natürlich auch schon passiert.

          Erzählen Sie!

          Nicht mir. Auf dem Schiff gibt es viele alleinstehende Frauen, die schon mit ihren Ehemännern auf Kreuzfahrt gingen und nun alleine mitfahren, weil sie wissen, dass sie so sicher reisen können und ihnen nichts passiert. Auch nichts Frivoles. Das muss ich bedenken. Aber Flirten macht das Leben angenehmer, es ist aufregend, wenn es knistert. Und es bleibt umso spannender, wenn man das in der Schwebe halten kann und die Sache erst nach der Reise weiterspinnt.

          Sie machen das also wegen der Frauen?

          Nein, es ist das Gesamtpaket. Mein Honorar ist, dass ich mitreisen darf, Kost und Logis sind frei - dazu gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung. Aber natürlich wünscht man sich eine neue Partnerin. Meine Frau ist verstorben, sonst könnte ich das gar nicht machen. Meinen Ehering habe ich natürlich abgelegt, der Kreuzfahrtdirektor bat darum. Sonst denken die Damen noch: Der ist verheiratet und tanzt dauernd mit anderen. Und mit jeder Dame darf ich sowieso nicht flirten.

          Wieso nicht?

          Eigentlich darf ich als Gentleman Host nur mit Singlefrauen tanzen. Es ist natürlich auch schon vorgekommen, dass die Dame doch verheiratet war - die eine oder andere erzählte mir hinterher, dass ihr Mann etwas eifersüchtig geworden sei und seither wieder jeden Abend mit ihr tanze. Grundsätzlich muss aber alles von der Dame ausgehen. Schließlich kommt man sich beim Tanzen sehr schnell sehr nah. Der Wiener Walzer war ja sogar mal verboten, weil er zu intim ist.

          Reservieren Sie manche Tänze für bestimmte Frauen?

          Wenn ich höre, dass die Musik für Wiener Walzer einsetzt, suche ich mir am liebsten Damen, mit denen ich schon vertrauter bin. Das ist mein Lieblingstanz. Er hat so etwas Festliches, und man darf einer Frau sogar einen Handkuss geben, das finde ich toll.

          Ganz die alte Schule.

          Das ist das oberste Gebot. Aber die Damen müssen einen auch Kavalier sein lassen. Ich finde, sie geben einem zu wenig Gelegenheit.

          Wie meinen Sie das?

          Schauen Sie, zum Saal führen zwei Treppenstufen hoch, das Schiff wackelt ein bisschen. Als Dame würde ich vor der Treppe stehen bleiben und warten, bis mir ein Kavalier die Hand reicht. Oder wenn ich meinen Mantel ablege, würde ich eine Sekunde zögern. Nichts gegen Selbständigkeit, natürlich kann die Dame das alles auch alleine. Früher ließ sie ein Taschentuch fallen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Weil das mit Papiertaschentüchern nicht geht, muss sie sich eben etwas anderes ausdenken.

          Was haben Sie früher gemacht?

          Ich bin Diplom-Malermeister und Restaurator, war 24 Jahre lang Geschäftsführer meiner eigenen Firma mit 60,70 Angestellten. Ich bin viel gereist, habe Kirchen, Paläste und Villen restauriert.

          Wie groß ist der Unterschied zu Ihrem Job an Bord?

          Früher konnte ich alles selbst bestimmen, auf dem Schiff muss man sich eben in die Hierarchie einfügen, die dort herrscht.

          Und wo gehören Sie in dieser Hierarchie dazu?

          Unterhaltung an Bord: Auf Kreuzfahrtschiffen scheint alles immer schön, extremer als im wirklichen Leben. „Eine künstliche Welt“, so Nemela.

          Ich bin zwar einerseits Teil der Crew, juristisch gehöre ich aber zu den anderen Gästen, mit denen ich auch esse. Eine schon etwas ältere Dame, die nicht mehr so gut auf den Beinen war, sagte mal: Mit Ihnen zu reden war so gut wie getanzt. Bei der übernächsten Reise ist sie leider verstorben. Das wollte sie immer, auf dem Schiff sterben. Das hat mich sehr berührt. Der Tod auf einem Luxusschiff ist doppelt so tragisch. Man denkt immer: Hier ist alles so schön, viel extremer als im wirklichen Leben, hier kann nichts Schlimmes passieren. Als jene Dame am Hafen in Lissabon das Schiff verließ, stand ich an der Reling. Da ging eine Klappe auf, der mit Flagge bedeckte Sarg wurde rausgetragen, der Kapitän in seiner weißen Uniform salutierte.

          Haben Sie auch diesen Wunsch: auf dem Schiff sterben?

          Nein. Aber Kreuzfahrtschiffe sind eben nun einmal voller älterer Menschen, die ihr Leben gelebt haben - dass unterwegs jemand stirbt, passiert ab und an. Zu sehen, wie Frauen alleine mit den Koffern das Schiff verlassen, weil ihr Mann an Bord gestorben ist, ist sehr ergreifend. Man kann das nur verstehen, wenn man in einem bestimmten Alter ist, so wie ich.

          Wollen Sie manchmal auch nur weg vom Schiff?

          Der Gedanke kommt schon mal auf - aber nur weil das Bordleben so eine künstliche Welt ist. Zum Schluss sehne ich mich richtig nach einer einfachen Scheibe Vollkornbrot. Wenn man zwei Monate nicht zu Hause war, heißt es: Ach, dich haben wir gar nicht erst eingeladen, du bist doch sowieso immer weg. Das gibt einem zu denken. Auch deswegen habe ich mir ein Jahr Pause ausbedungen, um meine Sachen in Ordnung zu bringen.

          Weitere Themen

          Es ist ein Kreuz!

          Pariser Ballett im Streik : Es ist ein Kreuz!

          Die Pariser Tänzer kämpfen um eine Regel aus dem Jahr 1698. Nur weil sie heutzutage nicht mehr bald nach dem Erreichen des Rentenalters sterben, kann man sie nicht zum Fußvolk der Theaterbeschäftigten machen.

          Topmeldungen

          Helene Fischer in Düsseldorf

          F.A.S. exklusiv : Aufstand der Stars

          Die großen Plattenfirmen in Deutschland bekommen Ärger. Manager zahlreicher Rock-, Pop- und Schlagerstars wollen, dass die Musiker stärker an den sprudelnden Einnahmen aus dem Musikstreaming beteiligt werden.
          In diesem Haus in Starnberg wurden die Leichen gefunden.

          Mord statt Suizid in Starnberg : „Passt das zu den Spuren?“

          Nach dem gewaltsamen Tod einer Familie in Starnberg hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen. Ein 19 Jahre alter Bekannter des getöteten Sohnes hat das Verbrechen gestanden. Wie kam die Polizei ihm auf die Spur?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.