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Peter Gauweiler : Der Mann mit dem Feuer-Atem

  • -Aktualisiert am

Die wilden Jahre sind vorbei: Peter Gauweiler ist ein höflicher älterer Herr geworden Bild:

Tagsüber schreibt er zärtliche Essays, abends im Bierzelt gibt er den rhetorischen Kraftlackl. Peter Gauweiler gilt als Vorzeigebayer, Ruhestörer, parlamentarischer Hofnarr und weißer Ritter von Maastricht. Doch wer ist dieser CSU-Mann eigentlich?

          6 Min.

          Eine Verabredung mit Peter Gauweiler erfordert starke Nerven. Während der Besucher in Gauweilers Münchner Anwaltskanzlei wartet, verabschiedet die Empfangsdame einen Herrn mit einem lässigen „tschüss“ - und schon befällt einen große Unruhe. Was wird aus all den schönen Etiketten, mit denen man sich für das Gespräch bewaffnet hat? Zu deren schönsten die „Bavarität“ gehört, ein Lieblingsbegriff Gauweilers, um Bayern als „moderne Willensnation“ zu kennzeichnen. Was in etwa bedeutet, dass jeder den Aufstieg zum Bayern schaffen kann, wenn er sich nur gehörig anstrengt und anständig „griaß God“ und „pfia God“ sagt. Und da sollte kein Passus in den Arbeitsverträgen der Mitarbeiter Gauweilers sein, dass die Abschiedsformel „tschüss“ zum sofortigen Rausschmiss führt?

          Schlagartig wird dem Besucher klar, auf welches Abenteuer er sich eingelassen hat bei seiner Exkursion in den Gauweilerschen Kosmos. Auf dem Glastisch bei den Besuchersesseln liegt nicht die „Bayerische Staatszeitung“ aus, sondern ein Frankfurter Presseerzeugnis. Eine misstrauische Nachfrage ergibt, dass die Lektüre nicht eigens für den Besucher arrangiert worden ist. Und es kommt noch schlimmer: Ein weiteres Exemplar liegt in Gauweilers Arbeitszimmer - und es stellt sich im Gespräch heraus, dass er sogar schon das Feuilleton des Tages ausführlich studiert hat.

          Meisterschüler des Parteipatriarchen Strauß

          Jetzt ist der Besucher vollends verunsichert, weil er sich bei Gedanken ertappt, die für Journalisten unziemlich sind: Da könnte also in der Staatskanzlei am Münchner Hofgarten - wenn die bayerische Weltgeschichte etwas anders verlaufen wäre - ein Ministerpräsident sitzen, der nicht nur Akten und Vermerke, sondern das Feuilleton liest! Gauweiler gehörte einst zu den Meisterschülern des Parteipatriarchen Strauß, die für die höchsten Ämter bereitstanden, welche die CSU zu vergeben hatte. Ja, manche glaubten sogar, wenn Gauweiler, der in den Achtzigern bayerischer Innenstaatssekretär war, besonders forsch gegen die Pest des zwanzigsten Jahrhunderts, die Immunschwächekrankheit Aids, zu Felde zog, den jungen Strauß zu hören.

          Er kann aber noch immer anders: In Karslruhe klagte er vergebens gegen den Lissabon-Vertrag
          Er kann aber noch immer anders: In Karslruhe klagte er vergebens gegen den Lissabon-Vertrag : Bild: dpa

          Die wilden Jahre Gauweilers liegen lange zurück. Jetzt sitzt einem ein älterer Herr gegenüber, der in einer altmodischen Höflichkeit auf das Wohlergehen des Besuchers bedacht ist. Der ihm den bequemsten Sessel überlässt, der eifrig darüber wacht, dass die Kaffeetasse sich immer wieder füllt; der den Kammerton der Konversation bevorzugt gegenüber der politischen Formelsprache. Und den auch nicht aus der Ruhe bringt, dass der Besucher zunächst gar nicht über Gauweilers Verfassungsbeschwerde gegen ein Regelwerk sprechen will, dessen offizielle Bezeichnung jeden Liebhaber bürokratischer Monstrositäten verzücken muss: „Gesetz zur Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungsmechanismus“, vulgo Euro-Rettungsschirm genannt.

          Der zärtliche Essayist

          Nein, es soll zuerst um Agnes Bernauer gehen, die Augsburger Baderstochter, deren Liebe zu einem bayerischen Fürstenspross ein tödliches Ende fand. Herzog Ernst, der Vater ihres Geliebten, sah seine dynastischen Pläne bedroht und ließ sie in der Donau ertränken. Gauweiler hat über die schöne Bernauerin einen seltsam zarten Essay geschrieben, voller Empathie für dieses Frauenschicksal, voller Empörung über die Schergen und ihren Auftraggeber. 1995 griff er zur Feder, ein Jahr nachdem er aus dem Amt des bayerischen Umweltministers gedrängt worden war. Ihm war vorgeworfen worden, er habe während seiner Ministerzeit in unzulässiger Weise den Mandantenstamm seiner Anwaltskanzlei verpachtet. Später bekam er bescheinigt, rechtmäßig gehandelt zu haben; da war die politische Machtfrage aber längst entschieden, Gauweiler der Weg an die Spitze der CSU und Bayerns auf Dauer versperrt.

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