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Peter Ensikat im Gespräch : „Das Volk hat ein Recht auf Dummheit“

  • Aktualisiert am

Der Kabarettist Peter Ensikat kann jeder Krise etwa abgewinnen, wenn dabei gute Witze entstehen Bild: Christoph Busse

Wegen eines Textes über die Stasi hatte er Auftrittsverbot. Gleichzeitig nahm er 1988 für seine Arbeit von Honecker den DDR-Nationalpreis entgegen. Der Berliner Kabarettist Peter Ensikat über lächerliche Nostalgie, Stasi-Biographien und Humor in der Krise.

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          Er gilt als der „Dieter Hildebrandt des Ostens“: Peter Ensikat arbeitete als Autor, Schauspieler, Regisseur und Kabarettist. Wegen eines Textes über die Stasi sollte er ausgewiesen werden, weigerte sich aber, das Land zu verlassen. Wenn RTL und ZDF sich in DDR-Nostalgie verlieren, findet der ehemalige Leiter der Berliner „Distel“ das eher lächerlich, aber nicht gefährlich. Die deutsche Einheit hält er erst dann für vollendet, wenn sein Freund Dieter Hildebrandt „der Ensikat des Westens“ genannt wird.

          Nach dem spektakulären Aktenfund über Karl-Heinz Kurras und seine Tätigkeit für die Stasi wird heftige Kritik geübt an Marianne Birthler und der Stasi-Unterlagen-Behörde. Teilen Sie diese Kritik?

          Ich kenne Marianne Birthler noch aus der Zeit, bevor sie diesen Posten innehatte, da waren wir uns oft einig. Aber ein solches Amt verändert, es macht aktengläubig, und das kann auch gar nicht anders sein. Deshalb war ich dafür, dass diese Akten kein Betroffener verwaltet, sondern jemand von außen, etwa ein Mann wie Egon Bahr. Frau Birthler und Herr Gauck aber sind Betroffene und haben, obwohl sie das immer zurückweisen, eine enorme Macht.

          Peter Ensikat mit Außenminister Steinmeier und Kollege Wolfgang Schaller bei der Einweihung ihrer Satire-Sterne in Mainz

          Ist diese Macht tatsächlich immer noch groß?

          Mit den Akten, die angelegt worden sind, um Menschen zu zerstören, kann man auch heute noch Menschen zerstören. Anfang der neunziger Jahre sah ich einen ehemaligen Dissidenten im Fernsehen, der sagte: ,Wir kriegen euch alle, bis zum Letzten.' Die Stasi wollte auch den Letzten kriegen. Es ist ein Problem, wenn wir mit der Absicht, das Böse zu bekämpfen, selbst sehr böse werden. Die DDR ist dafür das beste Beispiel. Unter dem Deckmantel des Antifaschismus entstand auch viel Böses.

          Sind Sie dafür, einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung zu ziehen?

          Das geht gar nicht, ausgeschlossen. Aber wir sollten statt pauschaler Urteile besser persönliche Schuld feststellen. Der Vorwurf etwa, bei der Stasi gewesen zu sein, bedarf ja heute gar keines Beweises mehr. Das macht es den wirklichen Schergen leicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Im Übrigen ist der Versuch, die Vergangenheit nur aus den Stasi-Akten zu rekapitulieren, untauglich. Da wurde auch so viel Schwachsinn notiert. Im Dresdner Kabarett „Herkuleskeule“ etwa hat sich die Stasi ewig damit beschäftigt, ob mein Kollege Wolfgang Schaller der Rädelsführer war oder ich. Am Ende haben sie sich auf mich geeinigt, ich kam aus Berlin, und so konnten die Genossen in Dresden die Verantwortung abgeben.

          Andererseits hatten Sie 1999 mit Gisela Oechelhaeuser an der Distel in Berlin selbst einen IM-Fall und haben sich nach Aktenlage von ihr getrennt.

          Natürlich. Ich kann nicht den Umgang mit der Vergangenheit beklagen, wenn ich an dieser Vergangenheit selbst übel beteiligt war. Da sehe ich nach wie vor keine Möglichkeit, zumindest nicht in diesem Beruf.

          Wird Ihnen trotzdem manchmal vorgeworfen, die Vergangenheit zu verharmlosen?

          Das kommt vor. Aber ich verharmlose keineswegs, sondern rücke einiges zurecht. Gut und böse gibt es nur im Märchen. Diese DDR war weder schwarz noch weiß, sie war grau, und zwar in jeder Beziehung. Das Land war mit sehr menschlichen Mängeln behaftet, Neid, Missgunst, Wichtigtuerei und Verrat. Das Problem war ganz klar, dass die DDR den Verrat institutionalisierte.

          Derzeit wird wieder heftig darüber diskutiert, ob die DDR ein Unrechtsstaat war.

          Dass die DDR eine Diktatur war, ist doch unbestreitbar, ebenso, dass dort Recht gebeugt wurde. Aber Unrechtsstaat ist mir zu einfach: Was soll das heißen? Auch der Rechtsstaat Bundesrepublik beinhaltet gewisse Ungerechtigkeiten. Vom Rechtsstaat Gerechtigkeit zu erwarten ist einfach zu viel verlangt.

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