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Jerusalem : Wie ultraorthodoxe Juden sich auf Pessach vorbereiten

So reinigen Juden im ultraorthodoxen Viertel Mea Shearim ihr Geschirr von Brotkrumen. Während Pessach darf kein einziger Krümel übrigbleiben. Bild: Reuters

Die Küche schrubben, das Geschirr mit einem Ritual reinigen, ungesäuertes Brot backen: Die Vorbereitung auf das Pessach-Fest kostet ultraorthodoxe Juden in Jerusalem mehrere Wochen.

          3 Min.

          Auf den langen Tischen in der Gasse stapeln sich Töpfe und Schüsseln neben Bergen von Besteck. Ein zischender Gaskocher erhitzt Wasser in einer blauen Tonne. Es ist so heiß, dass es überschäumt. In einem Netz versenkt ein Junge die nächste Ladung in den heißen Fluten. Sekunden später sind die Küchenutensilien „koscher für Pessach“. Auch Leah Glaser hat ihr Geschirr zu den Männern gebracht, die den großen Bottich mit heißem Wasser vor ihrem Haus in Nachlaot aufgestellt haben, einem der ältesten ultraorthodoxen Viertel Jerusalems. Seit Wochen bereitet die Mutter von sechs Kindern ihr Haus auf das Fest vor.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Mit einem wochenlangen Großputz stellte sie sicher, dass kein einziger Brot- oder Gebäckkrümel übrigblieb – nicht einmal Spuren von „Chamez“. So heißt auf Hebräisch alles Gesäuerte, das Juden während des eine Woche dauernden Fests weder essen noch besitzen dürfen. Pessach erinnert an den Auszug der Juden aus Ägypten. Auf ihrer überstürzten Flucht hatten sie keine Zeit, den Teig für ihr Brot gehen zu lassen. Sie mussten sich mit ungesäuertem Brot begnügen.

          Das ist an den Feiertagen bis heute so. Von Freitag an verzichten alle gläubigen Juden auf alles, was sich aus Getreide herstellen lässt und unter der Einwirkung von Hitze und Feuchtigkeit zu gären beginnen könnte. Deshalb gibt es auch keine Nudeln und weder Kekse, und Kuchen noch Whiskey und Bier.

          Eine Woche für die Reinigung der Küche

          In den Wohnungen beginnt die Jagd auf den Chamez lange vor dem Fest. Für die penible Reinigung der Küche nimmt sich Leah Glaser für gewöhnlich eine Woche Zeit, für das Esszimmer zwei, für jedes Schlafzimmer mindestens einen Tag. Es geht nicht nur um Krümel. „Die Töpfe absorbieren, was in ihnen gekocht wurde“, sagt die fromme Frau, die um das Haar ein blaues Tuch geschlungen hat. Um ganz sicher zu sehen, werden sie deshalb in dem Fass mit kochendem Wasser „gekaschert“ und für Pessach tauglich gemacht.

          In den Gärten und auf den Straßen verbrennen Einwohner ihr letztes Chamez.
          In den Gärten und auf den Straßen verbrennen Einwohner ihr letztes Chamez. : Bild: Reuters

          In diesem Jahr stand Leah Glaser vor einer besonderen Herausforderung: Sie hatte von ihrer Mutter altes China-Porzellan geerbt. Es waren Familienstücke, die ihr Vater in England gekauft hatte, als er im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Alliierten kämpfte. „Es war mir sehr ans Herz gewachsen, war aber nicht koscher“, sagt sie. Die Familie konsultierte einen Rabbiner, der dazu riet, das Porzellan sicherheitshalber drei Mal dem „Hagala“-Ritual zu unterziehen. „Wir waren erleichtert, dass das alte und empfindliche Geschirr das heiße Wasser gut überstand“, sagt Leah Glaser.

          Selbst neue Teller und Töpfe müssen vor dem ersten Benutzen untergetaucht werden. Dafür reicht aber das kalte Wasser einer Mikwe. Eines dieser jüdischen Ritualbäder befindet sich in Nahlaot gegenüber von Leah Glasers Haus auf der anderen Straßenseite. Das Wasser darin muss wenigstens zum Teil aus einer Quelle gespeist sein – oder Regenwasser.

          Geschirr, von dem nur in der Pessachwoche gegessen wird

          Normalerweise dient das Wasser einer Mikwe für andere religiöse Waschungen: Frauen nehmen nach ihrer Monatsblutung ein Bad. Auch vor der Hochzeit und nach dem Übertritt zum Judentum sind sie vorgeschrieben. Vor dem Pessachfest hat sich vor dem kleinen Außenbecken der Mikwe eine Schlange gebildet. Für die Feiertage kaufen viele Familien neue Teller oder Töpfe, die mit dem Wasser erst koscher gemacht werden müssen. Um sich den Aufwand mit den Reinigungsritualen zu ersparen, gibt es in vielen Haushalten Geschirr, von dem nur in der Pessachwoche gegessen wird.

          Bei den Mahlzeiten spielen von Freitag an die Mazzen eine wichtige Rolle. Dieses ungesäuerte Brot, das nur aus Wasser und Mehl bestehen darf, aßen einst die Juden auf ihrer Flucht aus Ägypten. Die Haba-Bäckerei in der Jerusalemer Ussishkin-Straße hat im Jahr nur eineinhalb Tage geöffnet. Die Mazzen des Familienbetriebs, deren Vorfahren aus dem Irak eingewandert sind, gehören zu den besten in Jerusalem – und haben ihren Preis: Knapp zehn Euro kostet ein Stück des knusprig-braunen Fladenbrots.

          Das Geschirr wird für Pessach einem besonderen Reinigungs-Ritual unterzogen.
          Das Geschirr wird für Pessach einem besonderen Reinigungs-Ritual unterzogen. : Bild: Reuters

          Vom Donnerstagmorgen bis zum Freitagnachmittag wird durchgebacken. „Alle 18 Minuten ist Pause“, sagt Dan Gabai. Er ist einer von drei Rabbinern, der überwacht, dass alle religiösen Vorschriften in der Bäckerei eingehalten werden. Spätestens nach 18 Minuten müssen die Mazzen im Ofen sein. Sonst besteht die Gefahr, dass der Teig vorher aufgeht. Dann ist es nicht mehr ungesäuertes Brot und für Pessach unbrauchbar.

          Die Einwohner verbrennen ihr letztes Chamez

          An zwei blitzblank geputzten Edelstahltischen arbeitet ein Dutzend Männer mit weißen Plastikschürzen im Akkord. Ein Wecker stoppt die Zeit. Erst wird der Teig zu einer langen Rolle geknetet, von der ein Bäcker kleine Fladen abschneidet. Die anderen walzen die Fladen dann aus und versehen sie mit kleinen Löchern, bevor die Mazzen in den Ofen kommen. „Nur noch sieben Minuten“, ruft einer von ihnen. Nach 18 Minuten schrubben sie die Arbeitsflächen ab und waschen sich die Hände.

          Wenn sie wieder von vorn anfangen, sind die meisten Mazzen schon wieder verkauft. „Wir leisten sie uns fürs feierliche Seder-Mahl“, sagt einer der geduldig wartenden Kunden. Bevor es am Freitagabend so weit ist, riecht es in Jerusalem erst einmal nach geröstetem Brot. In den Gärten und auf den Straßen verbrennen Einwohner ihr letztes Chamez.

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