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Studiengang „Sterben“ : „Tod und Geburt verlangen den Menschen Ähnliches ab“

Besucherin des Mainzer Hauptfriedhofs: Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit Bild: Michael Kretzer

Ein neuer Studiengang befasst sich mit dem Sterben und unserem Umgang damit. Ein Interview mit Moraltheologe Rupert Scheule, der die „Perimortale Wissenschaft“ in Regensburg leiten wird.

          2 Min.

          Herr Scheule, vom kommenden Wintersemester an gibt es an der Universität Regensburg den Studiengang „Perimortale Wissenschaften“. Was lernen die Studenten bei Ihnen?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Uns ist es wichtig, dass die Studenten zunächst eine Selbstkompetenz erwerben. Wenn sich jemand dauerhaft beruflich mit dem Tod beschäftigen will, braucht es die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit.

          Und weiter?

          Das Studium ist interdisziplinär. Es geht um medizinische und juristische Fragen rund um den Tod und um die gesellschaftlichen Strukturen, in denen Sterben, Tod und Trauer stattfinden. Aber auch nicht zuletzt darum, eine gute Traueransprache zu halten. All das dient einem Ziel: Die Studenten sollen lernen, Menschen im perimortalen Raum zu begleiten, also Sterbende und Trauernde, aber auch Profis, die ihrerseits für Betroffene da sind. An die Fachleute in Krematorien, Friedhofs­verwaltungen oder Bestattungsinstituten wird zu wenig gedacht. Sie haben wissenschaftliche Aufmerksamkeit und gute Begleitung verdient.

          Neulich habe ich gelesen, dass der Mensch nach seinem Tod noch hören kann. Wissen wir über den Tod schlechter Bescheid, als man denken könnte?

          Wir wissen, dass beim Tod normalerweise zuerst das Herz stillsteht. Drei bis zwölf Sekunden später wird die Person bewusstlos, die Atmung erlischt. Gehirnströme gibt es aber noch bis zu einer halben Minute lang und tatsächlich können Menschen auch noch hören, wenn ihr Herz nicht mehr schlägt. Ein Leben ist also nicht plötzlich vorbei. Trotzdem verfallen viele Angehörige schon beim Atemstillstand in Hektik, wollen Arzt oder Bestatter rufen, anstatt einfach etwas innezuhalten. Auch solches Wissen wollen wir vermitteln.

          Rupert Scheule ist Professor für Moraltheologie an der Universität Regensburg.

          Dieses Wissen hat aber seine Grenzen, oder? Schließlich kann niemand davon berichten, wie es sich anfühlt zu sterben.

          Ungefähr 90 Prozent der Sterbenden sind in ihren letzten 60 Minuten bewusstlos. Das heißt, dass zehn Prozent wach sind und wir bis zum Schluss mit ihnen kommunizieren können. Aber natürlich gibt es Grenzen der Erforschbarkeit. Der Tod bleibt ein Geheimnis. Wer sich mit ihm auseinandersetzt, muss die Grenzen des Verstehbaren aushalten können.

          Als Theologe glauben Sie an ein Leben nach dem Tod. Geht auch der Studiengang davon aus, dass es nach dem Sterben weitergeht?

          Der Studiengang ist zwar an der katholisch-theologischen Fakultät beheimatet, aber wir sehen, dass viele Interessenten nicht sonderlich religiös sind. Sie kommen aus der Sozialen Arbeit, Pädagogik, Palliativmedizin. Auch Trauerbegleiter, die nicht-religiöse Zeremonien anbieten, sind darunter. Doch auch denen haben wir etwas zu sagen. Theologen bringen Trostwissen und Riten-Kompetenz mit, das kann man auch am Grab eines Atheisten gebrauchen. Theologie hat übrigens mehr zu bieten als die schlichte Botschaft: alles halb so wild, es geht ja nach dem Tod weiter. Das wird sich auch im Studiengang „Perimortale Wissenschaften“ zeigen.

          Den Begriff „perimortal“ habe ich vorher nie gehört.

          Das ist ein Kunstbegriff, den wir uns für dieses Studium ausgedacht haben. Als „perinatal“ bezeichnet man in der Medizin den Zeitraum um die Geburt herum. Ein verantwortliches Begleiten der Geburt setzt nicht erst mit den Wehen ein und hört dem Geburtsvorgang auf. So ist es auch mit dem Tod: Wir sterben viele kleine Abschiedstode. Schon vor dem physischen Ende. Und auch für unsere Angehörigen ist das Thema mit der Beerdigung meist nicht erledigt. Der Tod ist ein komplexes, kein punktuelles Ereignis.

          Wo sehen Sie sonst noch Gemeinsamkeiten zwischen Tod und Geburt?

          Ich war dabei, als Menschen verstorben sind und als meine Kinder geboren wurden. Beides sind harte bio­logische Prozesse, Lebenssituationen, die uns – so schien es mir – Ähnliches abverlangen. Ich vermute deshalb, Frauen sind die talentierteren Sterbenden. Oder zumindest kann die Geburt ein Übungsfeld für das letzte große Abenteuer des Lebens sein: den Tod.

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