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Mexiko-Reise : Papst Franziskus von überschwänglichem Gläubigen umgerissen

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Bei seiner Mexiko-Reise hat Papst Franziskus die Sympathien vieler Mexikaner gewinnen können. Doch bei einem Fan ging die Begeisterung etwas zu weit: Der Mann hat den Papst vor einer Messe umgerissen - der reagierte sehr temperamentvoll.

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          Papst Franziskus ist während seiner Mexiko-Reise von einem allzu stürmischen Fan in Rage gebracht worden. Auf im Internet zirkulierenden Aufnahmen ist zu sehen, wie der Papst im Gedränge auf ein im Rollstuhl sitzendes Kind fällt. Er rappelt sich schnell wieder auf – ist aber sichtbar wütend auf den Verursacher seines Sturzes.

          Mit erhobener Hand und wütendem Gesicht herrscht er ihn an: „Sei nicht so egoistisch, sei nicht egoistisch.“ Der Vorfall ereignete sich bei einer Messe in Morelia im westlichen Bundesstaat Michoacán. Nach seinem kurzen Ausbruch fängt sich der Papst schnell und lächelt wieder. Der 79 Jahre alte Franziskus hat schon mehrmals zugegeben, dass er schnell wütend werde. Genauso schnell beruhige er sich aber wieder.

          Dennoch hat der Papst bei seiner Reise die Sympathien vieler Mexikaner gewinnen können. Und redete gleichzeitig der mexikanischen Kirche und der Politik deutlich ins Gewissen: Was die Gesellschaft des vom Drogenkrieg geschundenen Landes daraus macht, bleibt abzuwarten.

          Die ersten, die sich während des Papstbesuches an die Mexikanische Bischofskonferenz wandten, waren die Anwälte der Journallistenverbände. In einem Offenen Brief forderten sie die katholische Kirche am Mittwoch auf, sich bei der Regierung für die Aufklärung von über 100 Morden an Reportern seit dem Jahr 2000 einzusetzen. Die Taten müssten untersucht, aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

          Kirche soll sich für Mexikaner einsetzen

          Die Unterzeichner des Schreibens erinnern daran, dass Franziskus bei seinem am Mittwoch zu Ende gehenden Besuch die mexikanische Kirche aufgefordert habe, sich für die Bürger einzusetzen, damit diese die Möglichkeit hätten, würdige Akteure der eigenen Zukunft zu werden. Die Bischöfe könnten sich auf verschiedenen Ebenen dafür einsetzen, dass die Zeit der Straflosigkeit bei Gewalttaten gegenüber Journalisten zu Ende gehe. Eine konkrete Antwort auf diese Bitte steht freilich noch aus.

          Die linke Tageszeitung „La Jornada“ kommentierte in dieser Woche: „Papst Franziskus erfüllt die Erwartungen“. Wie kein Papst vor ihm habe der Argentinier die Finger in die Wunden der mexikanischen Gesellschaft gelegt. Doch was hat das für Konsequenzen, wenn Franziskus schon bals wieder in Rom ist, der Drogenkrieg aber in Mexiko bleibt?

          Staatspräsident Enrique Pena Nieto, der an der Seite der First Lady Angelica Rivera vor allem daraus aus war, schöne TV-Bilder zu präsentieren, wird sich mit einer gestärkten Basis auseinanderzusetzen haben. Die Menschenrechtsarbeit in Mexiko - wesentlich getragen von Teilen, aber nicht allen Teilen der Kirche - hat Franziskus als jemanden ausgemacht, wie er Mexiko fehlt: eine moralische Autorität, die unverdächtig ist, sich vom Korruptionsnetzwerk der organisierten Kriminalität fernzuhalten.

          Zeitung: Papstbesuch hat „therapeutische Wirkung“

          Solche Persönlichkeiten sind im Land Mangelware. Daher hat der Papst auch darauf verzichtet, sich im Umfeld der politischen Klasse zu präsentieren. Zumindest so weit es ihm das Protokoll gestattet hat. Und wenn sich dann doch mal ein Politiker ein „Selfie“ mit dem Papst erschwindelte, dann strafte ihn der Argentinier mit einem eher unerfreuten Blick auf dem Foto.

          Die Zeitung „El Universal“ misst dem Papstbesuch ohnehin eine ganz andere Bedeutung bei: Er habe eine therapeutische Wirkung für die mexikanische Seele, die das „Verlangen hat, kriminell zu sein“. Das schnelle Geld locke und verleite zu einer Gesellschaft, in der ein Polizist, der kürzlich eine gefundene und mit viel Bargeld gefüllte Geldbörse einer Frau zurückbrachte, in den Sozialen Netzwerken als dumm verspottet werde. „Ohne es zu sagen, hat der Papst die mexikanische Gesellschaft kritisiert“, heißt es in dem Leitartikel vom Mittwochmorgen; in erster Linie das Volk, das „Betrug und Korruption als eine Form der Überlebenssicherung“ akzeptiere.

          Eltern vermisster Studenten wollten Treffen erzwingen

          Der Papstbesuch wird auch in einem anderen innenpolitischen Feld einen Nachhall finden. Der offenkundige Versuch der Eltern der 43 vermissten Lehramtsstudenten von Iguala, ein Treffen mit Franziskus zu erzwingen, wird die Gruppe in Mexiko viele Sympathien kosten. Ohnehin mehren sich die Stimmen in der mexikanischen Öffentlichkeit, die hinterfragen, mit welcher Legitimität die Eltern jegliche Untersuchungsergebnisse in Zweifel zögen und eine „egoistische Sonderrolle“ unter den vielen tausend Opfern des Drogenkrieges für sich beanspruchten.

          Dass sogar Vatikansprecher Federico Lombardi den Druck öffentlich ansprach, der auf Franziskus in dieser Sache ausgeübt werde, wird die Position der Eltern langfristig nicht gestärkt haben. Die Hintergründe der weltweit mit Entsetzen aufgenommenen Tat sind bis heute nicht voll aufgeklärt. Ob die Eltern allerdings ein offizielles Ergebnis überhaupt akzeptieren würden, steht auf einem anderen Blatt.

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