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Papst Benedikt XVI. : Öffentlicher Papst, privater Ratzinger

  • -Aktualisiert am

Benedikt XVI. oder Joseph Ratzinger? Bild: dpa

Der Papst ließ die Öffentlichkeit am Mittwoch außen vor. „Privates Programm“ lautete die offizielle Tageslosung. Eine gute Gelegenheit, um sich über Joseph Ratzinger und die Stilisierung seines Lebens Gedanken zu machen.

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          Es ist die große Frage des fünften Besuchstages des Papstes in seiner bayerischen Heimat gewesen: Läßt ein solches Amt, eine solche Berufung, eine solche Aufgabe noch Raum für die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Person? Fast trotzig hatte das Protokoll die Tageslosung „Privates Programm des Papstes“ ausgegeben - mit einem gemeinsamem Mittagessen der Brüder Georg und Joseph Ratzinger, einem Besuch am Grab ihrer Eltern und ihrer Schwester, einem dreistündigen Aufenthalt im Privathaus des Papstes in Pentling. Und ebenso trotzig verteidigten die Medien ihren Zugriff auf Benedikt XVI. - gab es keine Bilder zu verbreiten, wurden eben noch einmal die zahlreichen Experten befragt, die sich im Leben des Joseph Ratzinger mittlerweile besser auszukennen glauben als möglicherweise er selbst.

          Nicht zum ersten Mal wurde dem Publikum eine Nähe zum Privatmann Ratzinger suggeriert, die trügerisch ist. Seit er hohe Kirchenämter innehat, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen - als Erzbischof von München und Freising, als Präfekt der Glaubenskongregation, schließlich als Papst - hat Ratzinger die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit sorgsam gewahrt. Wissend um die Mechanismen der Mediengesellschaft hat er zwar als Kurienkardinal ein biographisches Gerüst referiert - vor allem in dem schmalen Erinnerungsbuch „Aus meinen Leben“ und dem Gesprächsband „Salz der Erde“ mit dem Publizisten Peter Seewald. Über die Kämpfe, die in der menschlichen Seele toben, den Auseinandersetzungen zwischen ihren hellen und dunklen Seiten, hat er aber, was sein Leben betrifft, wenig nach außen dringen lassen.

          Bild des strengen und gerechten Vaters

          Die Beschreibungen, die er von seinen Eltern gibt, sind Teil des öffentlichen, nicht des privaten Ratzinger - eine legitime Grenzziehung, mag sie in der medialen Spiegelung auch aufgehoben scheinen. Dazu gehört das Bild des strengen und gerechten Vaters, des Gendarmeriemeisters Joseph Ratzinger, und der warmen und herzlichen Mutter, der Köchin Maria Ratzinger, das der Sohn in fast gleichnishaften Zügen gezeichnet hat. Und dazu gehört der Lebensgang der Eltern, den Ratzinger in ähnlich archetypischer Weise skizziert hat - mit der Herkunft des Vaters aus einer niederbayerischen Bauernfamilie, der Mutter aus dem Tirolerischen, mit ihrem täglichen Existenzkampf, mit ihrer patriotischen Gesinnung. Es handelt sich nicht um eine Fiktion, gar eine Verfälschung - es ist die Beschränkung auf Bausteine für eine öffentliche, nicht für eine private Biographie.

          Bei seiner Ankunft an der Alten Kapelle in Regensburg
          Bei seiner Ankunft an der Alten Kapelle in Regensburg : Bild: ddp

          Es sind literarische Verfahren, die Ratzinger für seine Lebensbeschreibungen gewählt hat, mit einem sehr überlegten, sehr diskreten, sehr selektiven Erzähler. „Irgendwo“ habe es Vater-Sohn-Konflikte sicher immer gegeben - mehr hat er dazu nicht gesagt. In der Studienzeit sei im Umgang mit Studentinnen die Frage eines zölibatären Lebens „und seiner inneren Sinngebung durchaus praktisch“ geworden: „Also, ich würde so sagen: Ein direktes Verlangen nach einer Familie, soweit sind meine Planungen nicht gediehen. Aber daß ich natürlich auch durch Freundschaft berührt worden bin, das ist klar.“ Er habe die Frage des Verzichts „oft durch den schönen Park von Fürstenried und natürlich in die Kapelle getragen, bis ich schließlich bei der Diakonatsweihe im Herbst 1950 ein überzeugtes Ja sagen konnte“.

          Gefühliger Biographismus

          Den Verlockungen eines gefühligen Biographismus hat Ratzinger als Kardinal immer widerstanden; als Papst ist er davor schon durch sein Amt gefeit. Soweit er vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri Auskunft über seinen persönlichen Werdegang gegeben hat, war sein erzählerisches Ziel eindeutig: Es ging auf eine exemplarische Art um eine Versöhnung zwischen einer süddeutschen Volksfrömmigkeit und der wissenschaftlichen Moderne. Die Eltern Ratzingers sind in diesem öffentlichen Kontext gleichsam literarische Figuren, mit einer literarischen Wahrhaftigkeit. Der Vater Joseph Ratzinger, Jahrgang 1877, wuchs als eines von neun Kindern auf einem Bauernhof in Rieckering im Bayerischen Wald auf; nicht zum Hoferben bestimmt, mußte er sich ein anderes Auskommen suchen und ging zur Gendarmerie.

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