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Papst Benedikt XVI. : Der apokalyptische Optimist

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Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Der deutsche Römer im Vatikan könnte ein Papst des Übergangs werden. Gerade weil nun stürmische Zeiten kommen, ist Benedikts Vertrauen in die Institution Kirche ungebrochen. Er will sie auf die heranziehenden Krisen vorbereiten.

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          Als Joseph Ratzinger am 19. April 2006 von den Kardinälen des Konklaves zum 265. Nachfolger des heiligen Petrus gewählt wurde, hatte er gerade seinen 78. Geburtstag gefeiert. Da hatte der brillante Theologe schon mehr als zwei Jahrzehnte an der Spitze der dogmatischen Kontrollbehörde der katholischen Weltkirche, der Glaubenskongregation, gewacht - und war allen Kardinälen wohlbekannt.

          Der intellektuelle Vertraute Johannes Pauls II. war nun auch der seit zwei Jahrhunderten älteste Kardinal, der zum Papst gewählt wurde. Soviel Amtszeit wie sein Vorläufer wird Benedikt - vielleicht auf lange Zeit der letzte europäische Papst - wohl kaum haben. Darum warteten die professionellen „Vatican watchers“ ungeduldig auf sprechende Zeichen des Professors auf dem Petersstuhl. Welchen Charakter würde Ratzingers Pontifikat annehmen?

          Neues Genre päpstlicher Kommunikation

          Die Hoffnung mancher konservativer Kurienkardinäle und Bischöfe, alsbald werde ein autoritärer Ruck durch die Kirche gehen, hat sich bisher jedenfalls nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil widmete Benedikt XVI. seine erste Enzyklika der Liebe, nicht dem Gehorsam. Er bemüht sich erfolgreich um einen verbindlichen Amtsstil und stellt ebenso seine Fähigkeit zuzuhören unter Beweis wie seine Bereitschaft, dem Zeitgeist mit zurückhaltendem Lächeln, aber fragloser Autorität Paroli zu bieten.

          Papstbesuch : Vorbereitungen auf Papstbesuch laufen auf Hochtouren

          Ja, Benedikt hat sogar ein neues Genre päpstlicher Kommunikation eingeführt - die offene Sprechstunde. Neben den Edikten, Erlassen und Rundbriefen, die Benedikt selber schreibt und auch daher im Vergleich zu seinem Vorgänger deutlich reduziert hat, und neben dem Bad in der Menge, ob beim Kölner Weltjugendtag oder auf dem Petersplatz, pflegt der Papst das offene und manchmal öffentliche Frage-und-Antwort-Spiel, aber in geladener Runde: zuletzt mit seinem Schülerkreis als Privatseminar zur Evolutionslehre oder im vergangenen Oktober mit Kindern vor ihrer ersten Kommunion zum Geheimnis des Eucharistiesakraments.

          „Nur so kann unser Leben reich werden“

          Auch den Fragen seiner Priesterkollegen zu den bekannten zeitgenössischen Schwierigkeiten vieler Paare in ihren Gemeinden vor und in der Ehe, ja sogar zu den sexuellen Nöten des priesterlichen Zölibats wich der Heilige Vater keineswegs aus: „Auch wir Priester“, meinte Benedikt, „seien wir nun jung oder alt, auch wir müssen die Notwendigkeit des Leidens und von Lebenskrisen lernen. Wir müssen dieses Leid aushalten und überwinden. Nur so kann unser Leben reich werden.“

          Mit derart freundlichem Freimut macht der Papst freilich zugleich deutlich, daß von Rom in Bälde keinerlei „fortschrittliche Wende“ zu Fragen der kirchlichen Disziplin und Moral, zur Seelsorge wiederverheiratet Geschiedener, zur Homosexualität oder zur Lockerung der priesterlichen Keuschheitspflichten zu erwarten ist. Und mit der Wahl seines Nachfolgers im Amt der römischen Glaubensbehörde, des amerikanischen Kardinals William Levada, eines pragmatischen, aber solide orthodoxen Seelsorgers (zuletzt in San Francisco), hat Benedikt etwaige Zweifel daran erstickt. Die oft vom Wunsche diktierte Ankündigung mancher „liberaler“ Vatikanbeobachter, nunmehr werde Joseph Ratzinger als Papst einen ganz anderen Hirten abgeben, als dies seine Führung der römischen Glaubenskongregation vermuten ließ, hat sich also nicht bewahrheitet.

          Glaubenskrisen in Europa trotz neuer Religiosität

          Könnte also der deutsche Römer Benedikt am Ende ein „Übergangspapst“ werden, der seiner Kirche nach den angestrengten Reisen und Gesten des polnischen Mystikers und Kommunikationsgenies Karol Wojtyla endlich eine ruhigere Verschnaufpause normaler Routine verschafft? Wie es scheint, sind Joseph Ratzinger diese ebenso beliebten wie äußerlichen Etiketten völlig gleichgültig. Wovon er hingegen überzeugt ist, das ist das Bewußtsein einer stürmischen Übergangszeit, in der sich die katholische Kirche heute weltweit befindet.

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