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Papenburg : Kaiser Wilhelms letztes Kanonenboot

„Das Schiff ist der Mittelpunkt meines Lebens”: Hermann-Josef Averdung Bild: Franz Bischof

Vor fast 100 Jahren lief in Papenburg die „Graf Goetzen“ vom Stapel. Noch heute schippert das gewaltige Schiff über einen See in Afrika. Hermann-Josef Averdung will es nun zurückholen - schließlich hat sein Großvater daran mitgebaut.

          6 Min.

          Als sein Großvater ihm die Geschichte der „Graf Goetzen“ erzählte, ahnte Hermann-Josef Averdung noch nicht, dass auch er einmal wie besessen sein sollte von diesem Schiff. Er war ein kleiner Junge, und er liebte es, seinen Großvater bei der Arbeit auf der Werft zu besuchen. In den Pausen trank der alte Herr gerne aus seiner Schnapspulle, und immer wieder erzählte er seinem Enkel dann von dem größten Schiff, an dem er je mitgebaut hatte. Der Kaiser persönlich hatte es in Auftrag gegeben, fast 70 Meter lang und 10 Meter breit war es, ganz aus Eisen. Und als sie das Schiff nach Monaten fertig gebaut hatten, wurde es wieder in Einzelteile zerlegt und in Tausende Holzkisten verpackt. Dann wurde die „Graf Goetzen“ auf eine abenteuerliche Reise nach Übersee geschickt - per Schiff, per Eisenbahn und schließlich, von Hunderten Einheimischen getragen, bis zu einem See irgendwo in Afrika.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Inzwischen ist Hermann-Josef Averdung selbst Großvater, 66 Jahre alt, seine kurzen Haare sind schlohweiß. Er steht an einem Kanal in Papenburg, an der ehemaligen Werft, auf der sein Großvater einst arbeitete, und erzählt nun selbst von der „Graf Goetzen“. Er lächelt beseelt, wenn er von dem kaiserlichen Kanonenboot spricht, das noch heute, nach fast 100 Jahren, über den fernen Tanganjikasee in Tansania schippert. „Dieses großartige Gebilde“, sagt er, „ist jetzt der Mittelpunkt meines Lebens.“ Denn Averdung hat einen verwegenen Plan gefasst: Er will das Schiff zurückholen, hier an den Kanal, wo es einst auf Geheiß Kaiser Wilhelms II. gebaut wurde.

          „Opa war neidisch, dass er nicht mitdurfte“

          Im Jahr 1913 erhielt die Meyer-Werft in Papenburg über die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes einen Geheimauftrag: Sie sollte einen Dampfer bauen, größer als alle ihrer bisherigen Schiffe, bestimmt für den Tanganjikasee an der westlichen Grenze Deutsch-Ostafrikas. Mit dem Koloss wollte Kaiser Wilhelm II. die deutsche Vorherrschaft dort verteidigen, gegen die Truppen der Belgier und der Engländer, deren Kolonien ebenfalls an den Tanganjikasee grenzten. Als das Schiff mit der Baunummer 300 fertig war, wurde es auf den Namen eines ehemaligen Gouverneurs der deutschen Kolonie getauft, Gustav Adolf von Götzen. Und einige Werftarbeiter wurden zusammen mit der „Graf Goetzen“ auf eine abenteuerliche Reise gen Afrika geschickt.

          Gemälde der „Liemba” auf dem Tanganjikasee in Afrika

          „Opa war neidisch, dass er nicht mit durfte“, sagt Averdung. „Die Schiffsbauer bekamen für die Reise einen Lohn im Wert eines Hauses versprochen.“ Mit der Leitung der Expedition wurde ein Freund von Averdungs Großvater beauftragt, Meister Anton Rüter. Die Schiffsbauer reisten von Hamburg auf einem Dampfer nach Daressalam, der Hauptstadt der deutschen Kolonie. Dort ließen sie die 5000 Holzkisten mit den Einzelteilen der „Graf Goetzen“ auf Eisenbahnwaggons verladen, es ging Hunderte Kilometer westwärts, ehe die Schienen im afrikanischen Busch endeten. Die Trasse zum Tanganjikasee war noch nicht fertig. Für das letzte Stück zwangen die Deutschen deshalb Hunderte Einheimische, die Kisten zu schleppen, drei Monate lang, bis nach Kigoma am Ufer des Sees. Dort machten sich Anton Rüter und seine Männer an das größte Puzzle der Schifffahrtsgeschichte, und im Frühjahr 1915 war es so weit: Die „Graf Goetzen“ legte ab.

          Der Rumpf ist verrostet, die Motoren rappeln

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