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Pakistan : Die Ärztin und Ordensschwester Ruth Pfau ist gestorben

Ruth Pfau 2012 bei ihrer Arbeit in Pakistan Bild: Stefan Kloss/DAHW/dpa

Zehntausende Leprakranke hat Ruth Pfau im Lauf ihres Lebens behandelt. Es ist auch ihr zu verdanken, dass die Krankheit in Pakistan inzwischen ihren Schrecken verloren hat.

          Sie war auf der Durchreise und wollte weiter nach Indien, als sie in Karachi auf eine Krankheit stieß, die es damals angeblich nicht einmal mehr in Pakistan gab. Doch Ruth Pfau hatte die Leprakranken gesehen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Slums der Millionen-Metropole lebten. Eine Ordensschwester hatte sie zu den Aussätzigen mitgenommen, und weil in Karachi eine Ärztin gebraucht wurde, blieb die Dreißigjährige. Im ersten Jahr, 1960, behandelte sie schon 314 Patienten. Zehntausende sollten im Laufe der nächsten mehr als 50 Jahre folgen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ruth Pfau, die 1929 als viertes von sechs Kindern in Leipzig geboren wurde, hat dafür gesorgt, dass Lepra auch in Pakistan inzwischen ihren Schrecken verloren hat. Die chronische Infektionskrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird, führt zwar nicht direkt zum Tod, aber sie entstellt den Befallenen, bildet Flecken, Knoten und Geschwülste und zersetzt schließlich das Gesicht und auch alle anderen Körperteile. Kaum eine andere Krankheit stigmatisiert den Infizierten so stark wie der Aussatz, der so heißt, weil die Erkrankten seit jeher außerhalb der Gesellschaft leben mussten, sie wurden ausgesetzt.

          „Man kann sich in Europa gar nicht vorstellen, daß man unter solchen Bedingungen existieren kann, unter denen meine Patienten leben“, schrieb Ruth Pfau 1961 in einem Brief. Sie selbst lebte unter nicht minder schwierigen Bedingungen.

          Sie trat dem Orden der Töchter vom Herzen Mariä bei

          Dass sie Ärztin wurde, hatte einen einfachen Grund: Sie musste mitansehen, wie ihr jüngster Bruder im Krieg an einer Lungenentzündung starb. Die Schwester war überzeugt, dass man ihn hätte retten können, wenn er rechtzeitig behandelt worden wäre. So begann sie, die schon mit 14 ihr Abitur bestanden hatte, als Neunzehnjährige Medizin in Mainz zu studieren.

          Jahrzehnte im Kampf gegen Lepra: Auch diese undatierte Aufnahme (um 1960) zeigt Ruth Pfau bei ihrer Arbeit in Pakistan.

          1957 trat die Ärztin, die erst 1953 Katholikin geworden war, dem Orden der Töchter vom Herzen Mariä bei. Er schickte sie 1960 nach Indien. Sie aber blieb in Pakistan und baute das Marie-Adelaide-Lepra-Zentrum auf, benannt nach der Mitbegründerin ihres Ordens, Adélaïde-Marie Champion de Cicé.

          Ruth Pfau gelang das nahezu Unmögliche: Sie wurde als Frau und Ärztin in dem muslimischen Land anerkannt. Angst habe sie ständig gehabt, sagte sie später in Interviews, und dennoch fuhr sie in den achtziger Jahren auch in das vom Krieg verheerte Afghanistan, um Leprakranke zu behandeln – unter dem Schutz von Mudschahedin. Pakistan blieb ihr Hauptarbeitsgebiet.

          Ruth Pfau wurde knapp 88 Jahre alt

          1996 sprach zumindest die Weltgesundheitsorganisation erstmals davon, dass in dem Land die Krankheit unter Kontrolle sei. Ruth Pfau bezweifelte dies und kümmerte sich weiter mit der nach ihr benannten Stiftung um Lepra- und Tuberkulosekranke sowie Sehbehinderte. Für ihr Lebenswerk wurde sie zahllose Male in aller Welt ausgezeichnet, schon seit 1988 ist sie Ehrenbürgerin Pakistans gewesen.

          Ruth Pfau wurde 87 Jahre alt. Sie möchte in Karachi beigesetzt werden.

          Erst Anfang Juni dieses Jahres hat sie die Ewigen Gelübde ihres Ordens abgelegt. Zuvor hatten ihre „Verpflichtungen im beruflichen und gesellschaftlichen Leben“ dies nicht zugelassen. Erst wenn die Ordensmitglieder ihre eigenen Verpflichtungen nicht mehr eingehen und aufrecht erhalten können, werden die Schwestern zur Ewigen Profess zugelassen.

          Ruth Pfau, die gestürzt war und ihre Gelübde im Krankenbett in ihrer Wohnung Marie-Adelaide-Lepra-Zentrum ablegen musste, mag gespürt haben, dass sie ihr Lebenswerk vollbracht hatte. Am Donnerstag ist sie kurz vor ihrem 88. Geburtstag in Karachi gestorben, wo sie auch bestattet werden möchte.

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