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Pädagoge im Interview : „Die Lehrerpersönlichkeit kann man nicht lernen“

Weil ich die Priorität auf die Lehrerpersönlichkeit lege. Ich habe an meiner Schule einen super Chemiker gehabt, der so in seinem Fachwissen gefangen war, dass er kein vernünftiges Verhältnis zu seinen Schülern aufbauen konnte. Dem nutzte sein Fachwissen gar nichts. Und ich kann mich an den Unterricht einer Kollegin erinnern, die mit ihrer hohen Stimme im Stimmengewirr der Kinder einfach unterging. Oder an eine, die einen so weinerlichen Ton am Leib hatte, dass mir die Kinder leidtaten. In solchen Fällen empfehle ich tatsächlich Stimmbildung. Auch die Kleidung sollte angemessen sein. Über die supergestylte Kollegin machen sich die Schüler lustig. Der Lehrer, der in Hawaiihemd und Dreiviertelhose zur Abiprüfung kommt, signalisiert nicht den nötigen Ernst.

Viele der Schüler, die Sie für Ihr Buch befragt haben, wünschen sich durchaus strenge Lehrer, die ihre Klasse im Griff haben.

Das hat mich auch überrascht. Aber Kinder brauchen Orientierung. Sie brauchen ein abgestecktes Terrain, auf dem sie sich frei bewegen können, dafür müssen bestimmte Regeln sein. Schüler wollen wissen, wie weit sie gehen können.

Der Lehrer muss führen?

Jeder Lehrer ist Führungskraft. Das ist ja auch das Schwierige, dass wir ohne Erfahrung in diese Position gesteckt werden. Wenn Sie Ingenieur werden, sitzen Sie im Büro, kröseln vor sich hin und steigen vielleicht irgendwann auf. In der Schule werden sie unvorbereitet in so eine Position geworfen.

Sie schreiben: Lehrer haben in einer Unterrichtsstunde bis zu 200 Entscheidungen zu treffen und durchschnittlich 15 erzieherische Konfliktsituationen zu meistern.

Ich war schon ein Jahr aus meiner Schule als Oberschulrat in Lichtenberg raus, da kam ich zu Besuch, ging den Gang entlang, es raunte „Stötzer kommt“ – und alles verschwand in den Klassen. Als ich den Raum betrat, saßen die Schüler brav auf ihren Stühlen.

Sie sehen jetzt sehr zufrieden aus.

So eine Position erarbeitet man sich im Lauf der Zeit. Wenn Sie an meine erste Stunde denken: Da war ich keine Führungspersönlichkeit.

Was, wenn einer dafür überhaupt nicht gemacht ist?

Es müsste eine Möglichkeit geben, mit der Lehrerausbildung auch etwas anderes zu machen. Derzeit gibt es kein Zurück. Schon wer durchs Staatsexamen fällt, was selten passiert, stürzt ins Bodenlose. Sie haben dann ein Studium absolviert, aber es gibt keine Möglichkeit, etwas anderes damit zu machen. Man müsste sich eine Zeitlang ausprobieren und prüfen können: Macht mir das tatsächlich Spaß? Trägt das vierzig Jahre? Die Haltung des Lehrers überträgt sich auf die Kinder. Wenn ein Lehrer schon mit hängenden Mundwinkeln in die Klasse geht, kommt dabei nichts raus.

Heute hat man oft den Eindruck, überehrgeizige oder überbesorgte Eltern seien die eigentliche Herausforderung im Lehrerjob.

Wir haben zunehmend Eltern, die meinen, sie wissen, wie der Lehrer mit ihrem Kind umzugehen hat. Elternhaus und Schule arbeiten nicht mehr so eng zusammen. Wenn man aber die Autorität des Lehrers am Esstisch untergräbt, indem man vor den Kindern schlecht über die Schule redet, kommen die Kinder schon mit der Haltung in den Unterricht: Du kannst mir gar nichts, mein Vater wird das klären.

Ihre Checkliste „Verhaltensregeln für Eltern“ umfasst 24 Punkte. Welcher ist Ihnen der wichtigste?

Ein Vertrauensvorschuss für die Schule. Akzeptieren, dass der Lehrer seinen Beruf studiert hat und sich bemüht, alles so gut wie möglich zu machen.

Sie haben auch eine Checkliste, um die eigene Persönlichkeit für den Lehrerberuf zu testen. Worauf kommt es besonders an?

Dass man Kinder mag. Überraschungen vertragen kann. Nicht zu lärmempfindlich ist. Und Humor. Eine Unterrichtsstunde, in der nicht mindestens einmal gelacht wird, ist eine schlechte Stunde.

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