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Gespräch mit Paartherapeutin : „Der eine fühlt sich schuldig, der andere fühlt sich abgewertet“

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In Gedanken immer beim anderen? Für ein Wir braucht es vor allem ein klares Ich, sagt Vera Matt. Bild: dpa

Immer häufiger besuchen selbst junge Paare einen Therapeuten, um sich in Beziehungsfragen beraten zu lassen. Warum zweifeln so viele daran, dass ihr Glück dauerhaft Bestand hat? Ein Interview.

          5 Min.

          Frau Matt, junge, glückliche Paare kommen zu Ihnen, um sich prophylaktisch beraten zu lassen. Sollten die ihre Zeit nicht anderswo verbringen als bei einer Therapeutin?

          Eigentlich schon, aber sie haben Fragen, denn sie sehen im Umfeld, wie zerbrechlich Verliebtsein, wie schlimm Liebeskummer ist, wie viele Beziehungen scheitern, und sie möchten nicht in diese Situation kommen.

          Seit wann erleben Sie das, und wie alt sind diese Pärchen?

          Es ging vor zwei Jahren los, anfangs ab und zu, und inzwischen kommt etwa alle 14 Tage ein neues Paar. In der Regel sind die beiden Anfang bis Mitte zwanzig.

          Und sie sehen in Ihnen die Garantin des ewigen Glücks zu zweit?

          Ja, diese Erwartung wird oft an mich herangetragen, und es ist das Erste, was ich zerstöre. Die Paare sagen: „Machen Sie, dass es funktioniert, dass wir glücklich bleiben.“ Ich erkläre dann in der ersten Stunde, dass ich so etwas bin wie ein Personal Trainer, der die Wege zeigen kann, die dann aber jeder selbst gehen muss.

          Wie sieht das konkret aus?

          Zunächst einmal ist es wichtig, dass man sich von Bildern freimacht, die man täglich über das Fernsehen bekommt. Da lernt man, dass Fremdgehen ganz normal ist und einer Beziehung guttut. Dass bizarre Sexualpraktiken das beste Mittel sind, um eine Beziehung in Schwung zu halten. Und dass kein Mensch für eine lang anhaltende und treue Partnerschaft gemacht ist.

          Und was ist mit all den Herz-Schmerz-Rosamunde-Pilcher-Filmen? Oder gucken sich junge Erwachsene das gar nicht an?

          Doch, leider. Da lebt einem das Fernsehen vor, dass Menschen unverhofft von der großen Liebe ereilt werden, der Blitz einschlägt und immerwährende Glückseligkeit lebenslänglich ohne irgendein Problem über sie kommt. Die große Liebe auf den ersten Blick für immer und ewig – das ist der vierte große fatale Irrtum. Nach einem Tag vor dem Fernseher hat man mehr Unwahrheiten über die Liebe gelernt, als man in einem Monat wieder verlernen kann. Eigentlich müsste man vor manchen Sendungen einen Warnhinweis einblenden: Achtung, dieser Film gefährdet Ihre Beziehungsfähigkeit. Da die Jugendlichen dauernd Netflix und Co gucken, sind sie regelrecht geimpft mit solchen Vorannahmen. Und durch Online-Plattformen wie Facebook entsteht zusätzlich der Eindruck von Ersetzbarkeit. Da geht es nicht um den Aufbau von Beziehungen, sondern nur um den schnellen Konsum von Kontakten und Aufmerksamkeit.

          Neben dem Einfluss der Medien: Kommen die jungen Paare eher aus Elternhäusern, in denen sie abhängige Beziehungen oder Scheidungen kennengelernt haben, und das wollen sie auf keinen Fall?

          Auf jeden Fall. Es gibt beide Bewegungen: Weg von „So möchte ich das für mich auf gar keinen Fall“ und hin zu einem besseren Modell: Wie kann unsere Liebe richtig groß werden? Wie können wir das, was wir jetzt haben, so und noch viel besser leben?

          Vera Matt ist Paartherapeutin in Berlin. Zu ihr kommen vermehrt auch junge Pärchen. Das sei aber kein auf die Hauptstadt bezogenes Phänomen.
          Vera Matt ist Paartherapeutin in Berlin. Zu ihr kommen vermehrt auch junge Pärchen. Das sei aber kein auf die Hauptstadt bezogenes Phänomen. : Bild: Privat

          Unsere Zeit ist brüchig geworden, Veränderungen treten immer schneller ein. Die Scheidungsraten sind hoch, für immer mehr Jobs gibt es Jahresverträge. Ist eine prophylaktische Paarberatung der Versuch, wenigstens privat Beständigkeit und Sicherheit zu erleben?

          Das kann natürlich sein. Zudem gibt es diese tiefe Sehnsucht nach Werten und Tugenden wie Wahrheit und Echtheit bei Jugendlichen, trotz oder gerade wegen all der Social Media.

          Sie haben Ihre Praxis in Berlin. Ist das nun so ein Szene-Phänomen?

          Könnte man meinen, aber ich habe Kollegen in anderen deutschen Städten gefragt: Sie erleben das auch und bestätigen, dass die Anfragen zunehmen.

          Was raten Sie Ihren jungen Klienten?

          Dass es wichtig ist, dass jeder Mensch, vor allem, wenn er jung ist, sich zuallererst auf sich selbst orientiert und sich selbst entdecken und spüren muss. Erst dann hat man die Kraft, auch in der Fülle und Tiefe eine Zweisamkeit zu leben. Bevor man ein Wir aufbaut, braucht es zunächst ein klares und gut entwickeltes Ich – das dann Brücken zum anderen schlagen kann. Und dass jeder für sich selbst, seine eigene Entwicklung und sein eigenes Handeln verantwortlich ist.

          Wieso ist das wichtig?

          Viele wollen zum Beispiel wissen, wie sie mit Eifersucht umgehen können. Wenn ich aber selbstbewusst bin und weiß, wer ich bin, dann ist mir klar, dass mein Partner freiwillig bei mir ist, und nicht, weil ich ihn kontrolliere und ständig nachfrage, mit wem er sich noch trifft, Verbote ausspreche oder Gebote erlasse. Dann ist es auch normal, dass man andere Menschen anguckt, dabei lächelt und auch mit ihnen gute Gespräche führt.

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