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Gespräch mit Paartherapeutin : „Der eine fühlt sich schuldig, der andere fühlt sich abgewertet“

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Vor dem Wir das Ich – wie reagieren die Paare darauf?

Meistens sind sie völlig erstaunt. Denn sie denken meist, dass man mental ständig beim anderen sein muss. Dass man dem anderen zuliebe Dinge tun muss und dass eine gute Beziehung auf Kompromiss, Kompromiss, Kompromiss beruht. Weil diese jungen Menschen sich gerade erst vom Elternhaus abnabeln, ist die Fokussierung auf den Partner als Elternersatz eine ganz reelle Gefahr. Deswegen tritt oft ein Leuchten in die Augen, wenn man sagt, dass es nicht um Verschmelzung geht, sondern um zwei eigenständige Persönlichkeiten, die aus freien Stücken ihren Weg zusammen gehen und nicht dem anderen so ähnlich werden sollen wie der Hundebesitzer dem Hund.

Wenn man verliebt ist, will man ja genau das: Dem anderen möglichst gleich sein.

Ich erkläre deshalb immer auch den Unterschied zwischen Verliebtsein und Liebe. Ich glaube ja, dass Verliebtsein ein Trick der Natur ist, um Schüchternheit und Selbstzweifel junger Menschen dermaßen zu überlisten, dass man sich traut, einen Jungen oder ein Mädchen anzusprechen. Gleichzeitig ist man total in der Projektion und in der Verblendung. Aus Gehirnscans weiß man, dass dieser Zustand ähnliche Areale aktiviert wie akute Drogensucht, deshalb will man den anderen ständig für sich haben und kriegt gar nicht genug davon. Liebe hingegen ist dieses tiefe ruhige Gefühl, das Vertrauen, die Gelassenheit, die entsteht, wenn die Verliebtheit weg ist und die echte Liebe kommt. Junge Menschen verwechseln das. Dabei müssen die Schmetterlinge irgendwann verschwinden.

Kommen denn die Paare zu Ihnen, wenn sie noch ganz im Liebesrausch sind oder wenn die Schmetterlinge sich verflüchtigen?

Sie kommen, wenn die Kurve schon etwas abflacht und man beginnt, den anderen realistischer zu sehen. Meist bringen sie dann auch eine konkrete Frage mit.

Haben Sie ein Beispiel?

Kürzlich war ein Pärchen da, das war mit einem anderen Paar im Wanderurlaub. Nennen wir sie Lena und Sven. Sven hat also zu seiner Freundin Lena gesagt, rede du mal mit ihm, ich spreche lieber mit ihr, er kann so ein Angeber sein. Hinterher hat Sven dann Lena gefragt: „Und, was hat er so gesagt?“ Ist nicht wirklich ein Grund zum Streiten, aber was Lena herausgehört hat, ist: „Du kannst mit dem anstrengenden Typen reden, aber fass jetzt mal für mich zusammen, was er gesagt hat!“ Sie hatte darauf keine Lust und fühlte sich ausgenutzt, er war genervt über ihre Reaktion.

Das ist ja objektiv eine Kleinigkeit. Was haben Sie geraten, um aus dem Konflikt wieder rauszukommen?

Ich hab Lena gefragt: „Wie haben Sie sich denn gefühlt?“ Es hat eine Weile gedauert, aber schließlich hat sie gesagt, dass sie sich fühlte wie ein kleines Kind, geschulmeistert. Und das war eine tiefe, echte Aussage, sehr berührend. Dann hat er geweint und gesagt, das sei doch gar nicht seine Absicht gewesen. Das Gespräch hat sich dadurch komplett gedreht, dann haben sie sich wirklich umeinander gekümmert und für die Zukunft vereinbart, dass er Lena mehr Raum gibt. Und sie bemüht sich auszudrücken, was sie wirklich fühlt.

Nun waren Sie als Therapeutin dabei. Wie macht das ein Paar allein?

Dafür ist es gut, sich eine Grundhaltung anzueignen: Nicht auf Problemen herumzureiten, sondern sich auf die Stärken des anderen zu konzentrieren und bei sich zu bleiben. Nachzuspüren: Spreche ich meine eigene Wahrheit, wie geht’s mir selbst wirklich? Was empfinde ich? Das ist allerdings tatsächlich nicht leicht.

Problemgespräche sind sozusagen das Problem?

Durch Problemgespräche verbessert sich die Beziehung nicht. Man schraubt sich nur rein, und die Stimmung geht in den Keller, der eine fühlt sich schuldig, der andere fühlt sich abgewertet, und dann ist man nicht mehr konstruktiv, sondern macht sich gegenseitig Vorwürfe. Besser ist es, sich um sich selbst zu kümmern und in sich selbst wieder Stabilität zu finden.

Müsste man das schon in der Schule lernen?

Absolut, neben der Sexualkunde sollte es eine Liebes- oder Beziehungskunde geben. Das gilt für alles Zwischenmenschliche: Wie kommuniziere ich, wenn es Probleme gibt, wie gehe ich mit Kritik um, wie gebe ich Feedback, wie nehme ich überhaupt meine eigenen Gefühle wahr, wie gehe ich mit ihnen um, wie definiere ich meinen Selbstwert. Im Grunde geht es immer um das Gleiche: Anerkennung, Wertschätzung, sich gewollt und geliebt fühlen – und dafür nicht einen anderen Menschen verantwortlich zu machen, sondern das in sich selbst zu finden.

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