https://www.faz.net/-gum-84h9j

Paartherapeut Ulrich Clement : „Sex, der nur Spaß ist, bleibt flach“

In einer medial überreichen, postmodernen Welt, ist Auswahlkompetenz entscheidend: Die eigene Authentizität ist der Orientierungspunkt. Bild: Picture-Alliance

Der Paartherapeut Ulrich Clement über die Autonomie der Frauen, die Müdigkeit der Männer, über Erotik und Authentizität - und den sexuellen Fingerabdruck.

          Herr Clement, in Ihrem neuen Buch erfahre ich praktisch gar nichts über Sex. Es enthält 200 Fragen, die ich mir selbst beantworten muss. Warum?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Buch dreht die Verhältnisse um. Normalerweise stellt der Laie Fragen, der Experte gibt Antworten. Das ist alte Schule, da weiß der Experte es besser. Aber viele Fragen in der Sexualität sind nicht eindeutig, sondern nur höchstpersönlich zu beantworten. Die höchste Instanz ist die Person selbst.

          Wissen wir zu wenig über unsere höchstpersönliche Sexualität?

          Auch das können nur Sie selbst beurteilen. Es geht ja nicht um objektives, sondern um subjektives Wissen, um die Frage: Wer bin ich als sexuelle Person, als Mann oder als Frau?

          Was gewinne ich, wenn ich mir darüber klarwerde, mit wem ich den besten Sex meines Lebens hatte, was mir an der Erotik meines Partners fremd ist oder ob ich Analsex mag?

          Wenn Sie selbst keine Fragen haben und nicht neugierig sind, werden Sie mit dem Buch nichts anfangen können. Aber wenn Sie das Gefühl haben, ihr Erlebnispotential ist noch nicht ausgeschöpft, wenn Sie damit hadern, etwas versäumt zu haben, und sich noch nicht am Ende Ihres sexuellen Lebens sehen, dann kommt das Buch ganz gut. Sie suchen sich Fragen aus, die Sie reizen oder inspirieren. Vielleicht sind das nur zehn von 200. Das ist ja kein Verhör.

          Und was, wenn ich auf diese Weise feststelle, dass ich den besten Sex meines Lebens leider nicht mit dem Partner hatte, mit dem ich seit Jahren verheiratet bin?

          Dann sind Sie in der interessanten Situation, dass Antworten nicht immer Freude bereiten. Das ist das Risiko. Es ist kein Spaßmacher-Buch. Ob Sie es dem Partner auf die Nase binden wollen, bleibt ja trotzdem Ihre Entscheidung.

          Was würden Sie denn als Sexualtherapeut sagen: Wie ist es um das Sexleben der Deutschen bestellt?

          Wir leben in einer Zeit, in der wir mehr angeboten kriegen, als wir realisieren können oder wollen. Das war vor 50 Jahren noch anders. Da wollten wir viel und durften wenig. Heute dürfen wir viel und kommen mit dem Wollen gar nicht hinterher.

          Internetpornos, Tinder, „Shades of Grey“. . .

          In einer medial überreichen, postmodernen Welt, wo einem keiner mehr sagt, was richtig ist, ist Auswahlkompetenz entscheidend: die Kunst, das zu wählen und mich mit dem zu beschäftigen, was zu mir passt, was für mich stimmt. Die eigene Authentizität ist der Orientierungspunkt.

          Wird Sex in unserer Gesellschaft eher über- oder unterbewertet?

          Paradoxerweise beides. Überbewertet werden die damit verbundenen Versprechen. Der Sollwert wird sehr hoch gefahren, was Sexualität alles hergeben soll an Leidenschaft, Besonderheit und Lebenserfüllung. Das wird so strapaziert, dass man das Gefühl hat, man kommt mit dem eigenen Erleben nicht hinterher. Unterbewertet ist, dass es oft nur um Geschlechtsverkehr geht. Man unterschätzt die persönlichen Bedeutungen, die das haben kann. Wenn ich es mal pathetisch ausdrücke, ist Sexualität ein Tor zum Leben. Eine Möglichkeit, mich und meine Lebendigkeit zu erfahren und mich als Person reicher zu machen. Die Begrenzung auf körperlichen Vollzug wäre banal.

          Wie groß sind der Leistungs- und Perfektionsdruck im Bett heutzutage?

          So groß, wie man ihn zulässt.

          Als Frau muss ich heute nicht nur im Beruf erfolgreich sein, wohlgeratene Kinder großziehen und zum Yoga gehen, um fit zu bleiben. Ich muss auch ein phantastisches Sexualleben vorweisen und im Bett aktiv und experimentierfreudig sein. Das ist doch Stress, Selbstoptimierung im Schlafzimmer!

          Es gibt unter Sexualwissenschaftlerinnen eine interessante Diskussion in den letzten Jahren. Die haben sich lange identifiziert mit dem Bild der autonomen Frau, die sexuell weiß, was sie will, und das auch sagt.

          Mit diesem Leitbild werden Mädchen spätestens seit den achtziger Jahren groß.

          Jetzt merkt die Forschung aber durch Tiefeninterviews und Laborstudien, dass das zu einfach ist. Gerade bei Frauen gibt es auch Wünsche, sich hinzugeben oder den Partner machen zu lassen. Sich überwältigen zu lassen. Wie kriegen wir das mit dem Bild der autonomen Frau zusammen?

          Und was, wenn eine Frau einfach nicht so viel Lust auf Sex hat?

          Ulrich Clements „Think Love. Das indiskrete Fragebuch“ erscheint am 17. Juni; Rogner & Bernhard, 208 Seiten, 17,95 Euro.

          Wenn sie das sagen kann, ist sie autonom. Wenn sie das Gefühl hat, sie müsste mehr Sex haben, weil es gesellschaftlich geboten ist, ist das unfrei. Gerade in unserer Zeit des sexuellen Überangebots ist es eine zentrale Kompetenz und ein Zeichen von Freiheit, nein sagen zu können nach dem Motto: „Ich höre zwar, dass sich Leute in SM-Clubs an die Decke hängen und auspeitschen lassen. Mir ist das aber fremd, ich will das weder genauer wissen noch hingehen.“ Um es zuzuspitzen: Guten Sex kann man nur haben, wenn man klar weiß, was man nicht möchte. Nur dann kann man sagen: Das andere entspricht mir und das macht mich aus. Nur dann hat das Ja einen Wert.

          Unter welchem Druck stehen Männer heutzutage?

          Für Männer ist es geläufig und bekannt, nicht zu können. Nicht zu wollen ist eher etwas Neues. Männer verstecken sich hinter ihrer Arbeit, sie haben keine Zeit. „Ich will nicht“ ist für sie eine neue Errungenschaft. Alle Sexualtherapeuten berichten, dass die Anzahl von lustlosen Männern in der Beratung zunimmt. Seit Viagra ist Nichtkönnen kein Argument mehr.

           Kann Ihre Selbstbefragung helfen, unsere höchstpersönliche Lust von den gesellschaftlichen Erwartungen zu trennen?

          Das verspreche ich mir von dem Buch, ja. Man muss Mut zu sich selbst haben und im eigenen Hirn eine Art spam detector einbauen. Dann hilft es.

          Wollen Sie uns nur zum Nachdenken bringen? Oder müssen wir auch mehr über Sex reden?

          Beides. Nachdenken ist wichtiger; ohne nachzudenken, bringt Reden nichts. Es braucht Substanz. Spannend wird es dann, wenn Sexualität in Beziehung geht. Nichts gegen Selbstbefriedigung und Pornos. Aber wenn ich mich mit einer anderen Person austausche, die andere Erfahrungen hat - dieses Gespräch über substantielle Unterschiede wird interessant.

          Aber es kann so schwer sein, über Sex zu sprechen. Manchmal hat man das Gefühl, einem fehlt die Sprache.

          Wobei ich die Begriffe nicht das Hauptproblem finde, sondern die befürchtete Reaktion des Partners. Da liegt der Hund begraben, dass ich manche Dinge nicht ausdrücke, weil ich fürchte, der Partner kriegt Angst oder ist empört. Der kritische Punkt beim sexuellen Sprechen ist dieses Auspendeln: Was mag der Partner hören? Was möchte ich überhaupt sagen? Was ist kommunizierbar und was nicht?

          Sie plädieren nicht für absolute Offenheit?

          Nein. Eher für Güterabwägung.

          Warum macht es Sinn, sich auch über Schattenseiten seiner Sexualität klarzuwerden: Enttäuschungen, Verletzungen, Schwächen?

          Weil die zur Sexualität dazugehören. Eine Sexualität, die nur positiv ist, bleibt flach. Es gibt ja diesen Standardsatz: Sex soll Spaß machen. Und Spaß ist tatsächlich ein wunderbarer Aspekt von Sexualität. Aber wenn Sex nur Spaß macht, bleibt es flach. Tiefe kriegt die Sexualität erst, wenn sie auch andere Gefühle kennt, Trauer, Einsamkeit, Verlust.

          Wie meinen Sie das?

          Wenn ich mich einsam fühle und mit einem Partner zusammen bin, kann Sexualität als Trost erlebt werden. Dann geht es darum, angenommen oder aufgefangen zu werden. Es macht die Sexualität reicher, dieses Gefühl zu kennen.

          Aber die Gesellschaft suggeriert mir, dass mein Sex immer super sein soll. Auch wenn ich gerade das zweite Kind bekommen habe, total im Arbeitsstress stecke oder seit drei Jahren Single bin.

          Manchmal ist Sexualität nicht lustig. Manchmal ist Sexualität eher störend in meinem Leben. Die Freiheit fängt erst an, wenn ich das sagen kann. Sonst sind wir alle in diesem Positivterror, immer sexuell vital und exzessiv sein zu sollen. Davon befreit man sich, indem man sich zugesteht: Sex kann auch mal mittelmäßig oder langweilig sein. Das ist keine Katastrophe.

          Sie schreiben an einer Stelle: Was man schon hat, kann man nicht begehren. Ist das so? Sind sexuelle Erfüllung und stabile Beziehungen ein Gegensatz?

          Das wird von vielen so erlebt und ist ein Großthema in der Sexualtherapie. Die sexuelle Häufigkeit lässt mit den Jahren nach, das ist keine neue Erkenntnis. Interessant ist eher: Macht man das zum Problem, oder sieht man zu, dass eine neue Qualität entsteht? Es gibt eine kanadische Studie mit Paaren über sechzig, die mehr als 25 Jahre zusammen sind und immer noch finden, dass sie guten Sex haben. Bei denen treten Erektion und Orgasmus in den Hintergrund, während es um Intimität, Aufrichtigkeit, Sich-verbunden-Fühlen geht. Paare, die langfristig gut leben, kriegen so eine Entwicklung hin. Alles andere wäre ja auch verrückt: Wir werden körperlich älter, beruflich entwickelt sich was, die Kinder werden groß. Nur der Sex soll so jung bleiben wie in den ersten Tagen. Ausgerechnet dem wird das Erwachsensein nicht zugetraut.

          Eine Ihrer Fragen lautet: Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Die verbreitete Vorstellung ist doch, dass Paare, damit ihre Beziehung nicht leidet, am Erhalt ihrer Leidenschaft arbeiten müssen.

          Gelungene sexuelle Partnerschaften sind in der Gegenwart. Die sagen: Heute ist die Sexualität so, und heute wollen wir es so miteinander haben. Der wichtige Punkt ist nicht das Neue, sondern die Aufmerksamkeit füreinander. Auch den schweren Begriff des Arbeitens muss man sich nicht zu eigen machen.

          Aber Ihr Buch ist schon eine Einladung, sich sexuell weiterzuentwickeln?

          Es ist eine Einladung, zu prüfen, ob man es möchte. Das Buch ist eine Inspiration, keine Gebrauchsanweisung.

          Gibt es eigentlich so etwas wie ein sexuelles Profil, eine Art sexuellen Fingerabdruck?

          Ja. Das waren für mich einige der interessantesten Erkenntnisse der letzten Jahre. Was man begehrt, welche Erfahrungen man hat, bildet zusammen eine Art Grundstruktur. Da ist der Mensch, was die Sexualität angeht, genauso individuell wie mit seinem Fingerabdruck, seinem Gesicht, seiner Stimme. Das macht es reizvoll.

          Was ist der Vorteil, wenn ich mehr über mein sexuelles Profil weiß?

          Ich glaube, dass Sexualität kein Nebenaspekt von Spaß ist, sondern eine zentrale Ausdrucksform der Persönlichkeit. Insofern kann es sich lohnen, mehr darüber zu wissen, wer ich bin, wie ich mich auf einen Partner einstelle, wo ich Befriedigung erlebe und wo nicht. Das hebt meine Lebensqualität.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eurofighter-Absturz : Nur ein paar Meter vom Kindergarten entfernt

          Ein Schock für die Menschen in Nossentiner Hütte, ein Schock für die Luftwaffe: Was über den Absturz der Eurofighter bislang bekannt ist – und wie die Bevölkerung reagiert. Ein Besuch vor Ort.

          Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

          Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.