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Paartherapeut Ulrich Clement : „Sex, der nur Spaß ist, bleibt flach“

Wie meinen Sie das?

Wenn ich mich einsam fühle und mit einem Partner zusammen bin, kann Sexualität als Trost erlebt werden. Dann geht es darum, angenommen oder aufgefangen zu werden. Es macht die Sexualität reicher, dieses Gefühl zu kennen.

Aber die Gesellschaft suggeriert mir, dass mein Sex immer super sein soll. Auch wenn ich gerade das zweite Kind bekommen habe, total im Arbeitsstress stecke oder seit drei Jahren Single bin.

Manchmal ist Sexualität nicht lustig. Manchmal ist Sexualität eher störend in meinem Leben. Die Freiheit fängt erst an, wenn ich das sagen kann. Sonst sind wir alle in diesem Positivterror, immer sexuell vital und exzessiv sein zu sollen. Davon befreit man sich, indem man sich zugesteht: Sex kann auch mal mittelmäßig oder langweilig sein. Das ist keine Katastrophe.

Sie schreiben an einer Stelle: Was man schon hat, kann man nicht begehren. Ist das so? Sind sexuelle Erfüllung und stabile Beziehungen ein Gegensatz?

Das wird von vielen so erlebt und ist ein Großthema in der Sexualtherapie. Die sexuelle Häufigkeit lässt mit den Jahren nach, das ist keine neue Erkenntnis. Interessant ist eher: Macht man das zum Problem, oder sieht man zu, dass eine neue Qualität entsteht? Es gibt eine kanadische Studie mit Paaren über sechzig, die mehr als 25 Jahre zusammen sind und immer noch finden, dass sie guten Sex haben. Bei denen treten Erektion und Orgasmus in den Hintergrund, während es um Intimität, Aufrichtigkeit, Sich-verbunden-Fühlen geht. Paare, die langfristig gut leben, kriegen so eine Entwicklung hin. Alles andere wäre ja auch verrückt: Wir werden körperlich älter, beruflich entwickelt sich was, die Kinder werden groß. Nur der Sex soll so jung bleiben wie in den ersten Tagen. Ausgerechnet dem wird das Erwachsensein nicht zugetraut.

Eine Ihrer Fragen lautet: Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Die verbreitete Vorstellung ist doch, dass Paare, damit ihre Beziehung nicht leidet, am Erhalt ihrer Leidenschaft arbeiten müssen.

Gelungene sexuelle Partnerschaften sind in der Gegenwart. Die sagen: Heute ist die Sexualität so, und heute wollen wir es so miteinander haben. Der wichtige Punkt ist nicht das Neue, sondern die Aufmerksamkeit füreinander. Auch den schweren Begriff des Arbeitens muss man sich nicht zu eigen machen.

Aber Ihr Buch ist schon eine Einladung, sich sexuell weiterzuentwickeln?

Es ist eine Einladung, zu prüfen, ob man es möchte. Das Buch ist eine Inspiration, keine Gebrauchsanweisung.

Gibt es eigentlich so etwas wie ein sexuelles Profil, eine Art sexuellen Fingerabdruck?

Ja. Das waren für mich einige der interessantesten Erkenntnisse der letzten Jahre. Was man begehrt, welche Erfahrungen man hat, bildet zusammen eine Art Grundstruktur. Da ist der Mensch, was die Sexualität angeht, genauso individuell wie mit seinem Fingerabdruck, seinem Gesicht, seiner Stimme. Das macht es reizvoll.

Was ist der Vorteil, wenn ich mehr über mein sexuelles Profil weiß?

Ich glaube, dass Sexualität kein Nebenaspekt von Spaß ist, sondern eine zentrale Ausdrucksform der Persönlichkeit. Insofern kann es sich lohnen, mehr darüber zu wissen, wer ich bin, wie ich mich auf einen Partner einstelle, wo ich Befriedigung erlebe und wo nicht. Das hebt meine Lebensqualität.

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