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Paartherapeut Ulrich Clement : „Sex, der nur Spaß ist, bleibt flach“

Es gibt unter Sexualwissenschaftlerinnen eine interessante Diskussion in den letzten Jahren. Die haben sich lange identifiziert mit dem Bild der autonomen Frau, die sexuell weiß, was sie will, und das auch sagt.

Mit diesem Leitbild werden Mädchen spätestens seit den achtziger Jahren groß.

Jetzt merkt die Forschung aber durch Tiefeninterviews und Laborstudien, dass das zu einfach ist. Gerade bei Frauen gibt es auch Wünsche, sich hinzugeben oder den Partner machen zu lassen. Sich überwältigen zu lassen. Wie kriegen wir das mit dem Bild der autonomen Frau zusammen?

Und was, wenn eine Frau einfach nicht so viel Lust auf Sex hat?

Ulrich Clements „Think Love. Das indiskrete Fragebuch“ erscheint am 17. Juni; Rogner & Bernhard, 208 Seiten, 17,95 Euro.

Wenn sie das sagen kann, ist sie autonom. Wenn sie das Gefühl hat, sie müsste mehr Sex haben, weil es gesellschaftlich geboten ist, ist das unfrei. Gerade in unserer Zeit des sexuellen Überangebots ist es eine zentrale Kompetenz und ein Zeichen von Freiheit, nein sagen zu können nach dem Motto: „Ich höre zwar, dass sich Leute in SM-Clubs an die Decke hängen und auspeitschen lassen. Mir ist das aber fremd, ich will das weder genauer wissen noch hingehen.“ Um es zuzuspitzen: Guten Sex kann man nur haben, wenn man klar weiß, was man nicht möchte. Nur dann kann man sagen: Das andere entspricht mir und das macht mich aus. Nur dann hat das Ja einen Wert.

Unter welchem Druck stehen Männer heutzutage?

Für Männer ist es geläufig und bekannt, nicht zu können. Nicht zu wollen ist eher etwas Neues. Männer verstecken sich hinter ihrer Arbeit, sie haben keine Zeit. „Ich will nicht“ ist für sie eine neue Errungenschaft. Alle Sexualtherapeuten berichten, dass die Anzahl von lustlosen Männern in der Beratung zunimmt. Seit Viagra ist Nichtkönnen kein Argument mehr.

 Kann Ihre Selbstbefragung helfen, unsere höchstpersönliche Lust von den gesellschaftlichen Erwartungen zu trennen?

Das verspreche ich mir von dem Buch, ja. Man muss Mut zu sich selbst haben und im eigenen Hirn eine Art spam detector einbauen. Dann hilft es.

Wollen Sie uns nur zum Nachdenken bringen? Oder müssen wir auch mehr über Sex reden?

Beides. Nachdenken ist wichtiger; ohne nachzudenken, bringt Reden nichts. Es braucht Substanz. Spannend wird es dann, wenn Sexualität in Beziehung geht. Nichts gegen Selbstbefriedigung und Pornos. Aber wenn ich mich mit einer anderen Person austausche, die andere Erfahrungen hat - dieses Gespräch über substantielle Unterschiede wird interessant.

Aber es kann so schwer sein, über Sex zu sprechen. Manchmal hat man das Gefühl, einem fehlt die Sprache.

Wobei ich die Begriffe nicht das Hauptproblem finde, sondern die befürchtete Reaktion des Partners. Da liegt der Hund begraben, dass ich manche Dinge nicht ausdrücke, weil ich fürchte, der Partner kriegt Angst oder ist empört. Der kritische Punkt beim sexuellen Sprechen ist dieses Auspendeln: Was mag der Partner hören? Was möchte ich überhaupt sagen? Was ist kommunizierbar und was nicht?

Sie plädieren nicht für absolute Offenheit?

Nein. Eher für Güterabwägung.

Warum macht es Sinn, sich auch über Schattenseiten seiner Sexualität klarzuwerden: Enttäuschungen, Verletzungen, Schwächen?

Weil die zur Sexualität dazugehören. Eine Sexualität, die nur positiv ist, bleibt flach. Es gibt ja diesen Standardsatz: Sex soll Spaß machen. Und Spaß ist tatsächlich ein wunderbarer Aspekt von Sexualität. Aber wenn Sex nur Spaß macht, bleibt es flach. Tiefe kriegt die Sexualität erst, wenn sie auch andere Gefühle kennt, Trauer, Einsamkeit, Verlust.

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