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Oswalt Kolle ist tot : So liebten die Deutschen

Oswalt Kolle 1928 - 2010 Bild: F.A.Z. - Julia Zimmermann

Der „Aufklärer der Nation“ Oswalt Kolle ist kurz vor seinem 82. Geburtstag gestorben. Auch zuletzt war er noch ein geschätzter Gesprächspartner. Fürs Aufhören war er nicht der Typ: einmal Aufklärer, immer Aufklärer.

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          Internetpornographie, Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, Bischof Walter Mixa: Wenn es um Anrüchiges und Unmoralisches ging, war Oswalt Kolle noch immer ein geschätzter Gesprächspartner. Sex im Alter war dabei eines der Themen, über das der über Achtzigjährige bis zuletzt besonders gerne und profund Auskünfte erteilte. Fürs Aufhören war er nicht der Typ: einmal Aufklärer, immer Aufklärer.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dabei liebte er es zuletzt durchaus derb und unzweideutig. Denn selbst wenn vor allem seine Filme aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren wahre Aufreger waren - aus heutiger Sicht sind sie das, wofür Kolle sie gerne ausgab: Plädoyers für Zärtlichkeit und Liebe. Wenn die Deutschen eines nach dem Krieg und in den eher prüden Nachkriegsjahren so gar nicht konnten, dann war es: miteinander intim werden.

          Viele zieht es in dunkle Kinosäle

          Oswalt Kolle war von Anfang an ein Kämpfer: gegen falsche Sexualmoral, gegen Gesetze, die Ehebruch und Kuppelei oder auch Homosexualität kriminalisierten, aber auch gegen die Langeweile im heimischen Bett. Der gelernte Journalist traf damit den Nerv seiner Zeit. Die sexuelle Revolution in den sechziger Jahren hatte er zwar nicht begonnen. Doch er befeuerte sie, wo er nur konnte, wie auch zum Beispiel die gut zehn Jahre ältere Beate Uhse.

          Das Plakat eines Kolle-Films

          Sein Publikum waren dabei weniger Jugendliche oder Studenten, die auf den Straßen und an den Universitäten gegen das Establishment in die Schlacht zogen - und übrigens auch gegen Kolle, der ihnen als Ehe-Befürworter galt und damit als Spießer geradezu verpönt war. Sondern es war die Generation, die schon den Krieg erlebt hatte. Und während sich die im Wirtschaftswunderland zu Wohlstand gekommenen Bürger über die Jugend ebenso echauffierten wie über Kolles sogenannte Aufklärungsfilme, zog es doch viele in die dunklen Kinosäle. Das hatte weniger mit Doppelmoral zu tun als mit dem tatsächlich vorhandenen Bedürfnis, mehr über Sexualität zu erfahren.

          „Sie nennen es Liebe“

          Oswalt Kolle, 1928 in Kiel geboren, wuchs in Frankfurt auf. Nach dem Krieg rebellierte er gegen den Wunsch des berühmten Vaters, des Psychiaters Kurt Kolle, Medizin zu studieren. Stattdessen absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre. Erst danach machte er sein Abitur und wurde Redaktionsvolontär bei der „Frankfurter Neuen Presse“. Es folgten Stationen bei verschiedenen Zeitungen. Kolle wurde Ende der Fünfziger eine Art Klatschreporter, traf Schauspielerinnen wie Rita Hayworth, Kim Novak, Hildegard Knef. In der „Frankfurter Illustrierten“ erschien 1960 seine Serie „Sie nennen es Liebe“, die von den Ehen der Filmstars handelte.

          Erst ein „albtraumhaftes Erlebnis“ mit Sophia Loren brachte die Abkehr von der Glitzerwelt: Der Schweißgeruch in Lorens Wohnwagen habe ihn zur Umkehr bewogen. Da traf es sich gut, dass ihm eine populärwissenschaftliche Serie über Kinder angeboten wurde, die auch das Thema Sexualität einschließen sollte. Kolle entdeckte seine wahre Passion. Seit den Sechzigern war er hauptberuflich Sexologe. Dabei griff er in Serien zum Beispiel für die Illustrierte „Quick“ oder auch die „Neue Revue“ bereits die Themen auf, aus denen später seine erfolgreichen Filme wurden - mit zum Teil gleichlautenden Titeln.

          „Dein Mann, das unbekannte Wesen“

          Kuschel-Sex der harmlosen Art, Lehrfilme von bescheidener Qualität (was er nie bestritt), dazu Kolle höchstpersönlich nackt mit seinen Kindern am Strand: Die Filme sind Dokumente der damaligen Zeit, mit denen heute niemand mehr so recht etwas anfangen kann. Die Titel seiner Werke sagen alles: „Deine Frau, das unbekannte Wesen“ und „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ oder auch „Das Wunder der Liebe“. Trotzdem wurde Kolle zensiert, seine Filme wurden beschlagnahmt, was ihn noch populärer machte. Ihn aber stieß die Art ab, wie man mit ihm in Deutschland umging. Und so lebte er seit den späten sechziger Jahren in den, wie er fand, aufgeschlosseneren Niederlanden, genauer: in Amsterdam.

          Den Höhepunkt seines Schaffens und seiner Popularität erreichte er vor vier Jahrzehnten. Danach schrieb und drehte er zwar weiter. Doch ein Kolle war nach „Achtundsechzig“ nicht mehr vonnöten. Er selbst sagte, dass spätestens Mitte der neunziger Jahre seine Mission erfüllt war, „ein Klima mit zu schaffen, in dem Anti-Sexualität nicht mehr gedeiht“.

          „Oswalt Kolle - Sex für Deutschland“

          Seine letzten Bücher („Die Liebe altert nicht“ und „So bleibt die Liebe jung“) hatten keine Sprengkraft mehr. Aus dem Pionier war einer der vielen Ratgeber-Onkel geworden, der allseits bekannte Tipps gab zu Sex, vor allem im Alter. So zehrte er von seinem einstigen Ruf und ließ sich in Dokumentationen („Oswalt Kolle - Sex für Deutschland“ oder „Kolle - ein Leben für Liebe und Sex“) feiern.

          Kolle selbst war 47 Jahre lang mit seiner Frau Marlies verheiratet - und nicht nur angeblich sehr glücklich. Auf dem Sterbebett, so erzählte es Kolle gerne, habe er ihr das Versprechen geben müssen, sich eine neue Frau zu suchen. Was der damals schon über Siebzigjährige umgehend tat. Kolle war auch ein Kämpfer für Sterbehilfe, auch deswegen fühlte er sich gut in den Niederlanden aufgehoben. Der Krebstod seiner Mutter sei qualvoll gewesen, seine Frau Marlies, die an Brustkrebs starb, drehte mit seinem Segen am Ende selbst den Hebel an der Morphiumpumpe auf. Zehn Jahre nach ihrem Tod ist nun Oswalt Kolle in Amsterdam gestorben. Er wäre an diesem Samstag 82 Jahre alt geworden.

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