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Relikt aus dem 2. Weltkrieg : Umweltschützer entdecken Enigma in der Ostsee

Die Technik unter der verrosteten Oberfläche ist ersten Untersuchungen nach noch gut in Schuss. Bild: EPA

Verstrickt in einem Geisternetz haben Umweltschützer eine deutsche Verschlüsselungsmaschine aus der Ostsee geborgen. Sie wurde wohl bei Kriegsende von einem Schiff aus über Bord geworfen und ist durchaus wertvoll.

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          Der Unterwasserarchäologe Florian Huber hat bei seinen Tauchgängen schon so manche Kuriosität entdeckt: ein U-Boot aus dem Ersten Weltkrieg vor Helgoland, eine Eisenstatuette der heiligen Kunigunde im Brunnen der Nürnberger Kaiserburg, das Skelett eines prähistorischen Riesenfaultiers und einen Maya-Friedhof in einem Höhlensystem in Mexiko. „Aber das hier toppt alles“, sagt Huber und berichtet von seinem bisher spektakulärsten Fund: Am 11. November barg er aus der Ostsee eine deutsche Verschlüsselungsmaschine vom Typ Enigma aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Dekodierung der Enigma-Technik durch die Briten und Amerikaner hat die Niederlage der Wehrmacht angeblich deutlich beschleunigt.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Ungewöhnlich war nicht nur der Fund selbst, sondern auch sein Zustandekommen. Das Gerät hatte sich in einem herrenlosen Fischernetz verfangen, das Huber und seine Kollegen im Auftrag der Umweltschutzorganisation WWF aus dem Wasser holen wollten. Solche „Geisternetze“ können Meerestieren und Vögeln gefährlich werden und belasten als Plastikabfall die Ozeane. Bei der Bergung der Netze verheddern sich immer wieder Objekte am Grund, sagt die zuständige WWF-Mitarbeiterin Gabriele Dederer. „Die Enigma ist allerdings mit Abstand der historisch spannendste Fund, den wir je hatten.“

          Von einem U-Boot stammt sie wohl nicht

          Huber, ein Wissenschaftler und Forschungstaucher des Kieler Unternehmens Submaris, glaubt, dass der Apparat bei Kriegsende von einem Schiff aus über Bord geworfen wurde. Hintergrund könnte die Selbstversenkung von Teilen der deutschen Marine Anfang Mai 1945 gewesen sein. Damals wurden am Fundort der Enigma in der Geltinger Bucht 50 Unterseeboote und andere Kriegsschiffe auf Grund gesetzt, so dass sie nicht in die Hand der Feinde fielen. Die Wracks sind längst geborgen, aber immer wieder tauchen Waffen und Ausrüstungsgegenstände auf.

          „Toppt alles“: Christian Howe, Florian Huber und Uli Kunz posieren mit der Enigma.
          „Toppt alles“: Christian Howe, Florian Huber und Uli Kunz posieren mit der Enigma. : Bild: EPA

          Bei der jetzt ans Tageslicht gebrachten Enigma handelt es sich um eine Rotor-Schlüsselmaschine mit drei Walzen vom Typ „M3“, wie sie von 1939 an in der Kriegsmarine zum Einsatz kam. Sie ist seltener als die Vorgängermodelle, aber nicht so rar wie das vierwalzige Modell „M4“, das von Februar 1942 an für die U-Boot-Flotte verwendet wurde. „Vermutlich stammt unsere Enigma deshalb nicht von einem U-Boot“, sagt Huber. „Aber das muss noch geklärt werden.“

          Am Freitag bringt er die Trouvaille in die Restaurierungswerkstatt des Museums für Archäologie in Schleswig, wo sie gereinigt und konservatorisch instand gesetzt werden könnte, bevor die Spurensuche weitergeht. Erste radiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Technik unter der verrosteten Oberfläche noch recht gut in Schuss ist.

          Ein ganz besonderes Stück ist die „M3“ jetzt schon, weil ihr historischer Kontext klar sei, wie Huber erläutert. „Die meisten Enigmas werden auf Dachböden, in Kellern oder vergraben in der Erde entdeckt, ohne dass man genau weiß, wie sie dort hinkamen. Bei unserer ist ziemlich eindeutig, dass sie sich auf einem der Schiffe befand, die im Rahmen des Regenbogen-Befehls 1945 versenkt wurden.“

          Von 40.000 Geräten gibt es noch schätzungsweise 400

          Aufgespürt haben die Bergungsspezialisten das seltene Stück mit Hilfe eines Seitensichtsonars, der die Geisternetze und vieles andere unter Wasser sichtbar macht. Zunächst hielten die Taucher den überwucherten Kasten für eine Schreibmaschine. „Doch was hätte die mitten in der Ostsee verloren?“, fragte sich Huber. „Mir dämmerte ziemlich schnell, worum es sich handeln könnte.“

          Der historische Schatz aus der Geltinger Bucht gilt nicht nur als Unterwasserkulturerbe, er ist auch kostbar. Wie es der Zufall will, wird an diesem Donnerstag im Wiener Auktionshaus Dorotheum eine Enigma der an Land eingesetzten und meistverbreiteten Serie „I“ versteigert. Das Mindestgebot liegt bei 30.000 Euro, doch erzielte vor sechs Monaten im Dorotheum das gleiche Modell bei ähnlichem Schätzwert am Ende mehr als 117.000 Euro. Eine Enigma „M4“ erbrachte 2017 bei Christie’s in New York umgerechnet sogar 500.000 Euro.

          Insgesamt seien etwa 40.000 Enigma-Geräte hergestellt worden, schätzungsweise 400 davon gebe es noch, sagt der zuständige Sachverständige im Dorotheum, Simon Weber-Unger. „Die Menge ist gar nicht so klein, aber die Apparate sind sagenumwoben und haben Enigma zu einer Marke gemacht, das erklärt den Preis.“ Ein Grund dafür seien auch die Bücher und Filme zum Thema, zuletzt die Produktion „Ein streng geheimes Leben“ von 2014, in dem der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch den „Enigma-Knacker“ und Computer-Vordenker Alan Turing spielt. „Die Maschinen steigen ständig im Wert“, sagt Weber-Unger, „deshalb kaufen sie nicht nur eingefleischte Sammler, sondern auch Investoren.“

          Die Enigma aus der Ostsee hält der Wiener für besonders bemerkenswert. „Verstrickt in einem Fischernetz, das ist schon sensationell. Ohne die Umweltschützer wäre die Maschine wahrscheinlich nie entdeckt worden.“ Und so ist der Unterwasserfund auch ein kleiner Prestigeerfolg für den WWF. Er kann sich jetzt auf die Fahnen schreiben, nicht nur Tiere und Ökosysteme zu retten, sondern mitunter auch historische Relikte.

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