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Orthopädischer Gebetsteppich : „Nach ein paar Jahren schmerzt das Knie“

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Der Kniefall soll nicht auf die Knie gehen: Adnan Pirisan zeigt seinen orthopädischen Gebetsteppich Bild: Rieke Beckwermert

Adnan Pirisan, der Erfinder des orthopädischen Gebetsteppichs, spricht über Knieschmerzen muslimischer Gläubiger, Vorzüge eines gepolsterten Teppichs und den Orientierungssinn seiner Glaubensbrüder.

          Herr Pirisan, wie darf man sich die Situation vorstellen, in der jemand auf die Idee kommt, einen orthopädischen Gebetsteppich zu erfinden?

          Es war im Jahr 2009, es war Ramadan wie jetzt gerade auch, und ich war beim Morgengebet. Dabei taten mir mal wieder die Knie weh und dann hatte ich plötzlich die Idee. Ich habe im Internet recherchiert, ob es so etwas schon gibt. Aber Google kannte keinen orthopädischen Gebetsteppich.

          Ist das Beten denn so ein Belastung?

          Wissen Sie, Muslime beten in der Regel fünf Mal am Tag, das heißt vierzig Mal hinknien, und das jeweils 15 bis 20 Sekunden lang. Wenn Ramadan ist, knien wir uns sogar bis zu sechzig Mal am Tag hin. Und das ein Leben lang.

          Gibt es keine Tricks, um es sich ein bisschen bequemer zu machen?

          Ich habe immer versucht, es auf weicherem Untergrund zu machen. Laminat ist zum Beispiel besser als Fliesen. Manchmal habe ich meinen Teppich auch auf Pappe ausgelegt, das hat ein bisschen geholfen. Aber das geht nicht immer, man ist ja auch viel unterwegs. Der Boden unter dem Teppich ist meistens hart. Wenn man das ein paar Jahre macht, dann fängt es langsam an. Die Probleme haben viele Leute, nicht nur Alte. Aber in fast 1400 Jahren hat niemand darüber nachgedacht, wie man das lösen könnte.

          Sie haben jetzt daran gedacht. Was macht ihren Teppich denn orthopädisch?

          Der Teppich ist überall dort, wo der Körper Kontakt mit dem Boden hat, gepolstert: An den Knien, der Fußoberseite und der Stirn. Mit einem ganz speziellen Material, das aber ein Firmengeheimnis ist. Wir haben viele Schaumstoffe ausprobiert, aber die waren alle schnell platt. Bis auf die Polsterung haben wir uns an traditionelle Materialien und Muster gehalten. Kein Muslim muss sich schämen, diesen Teppich auszulegen. Er ist total unauffällig.

          Und wie geht es Ihrem Knie heute?

          Einwandfrei. Ich knie mich mittlerweile sogar noch mehr hin, als ich müsste.

          Ist es nicht heikel, einen religiösen Gegenstand zu verändern?

          Man muss bestimmte Regeln beachten. Man kann nicht einfach einen Teppich nehmen und den komplett mit Schaumstoff füllen, wie eine kleine Matratze. Vor Gott ist man Untertan, man soll ihn so anbeten, wie er angebetet werden sollte, nicht von einem höheren Platz aus. Man darf zum Beispiel nicht einfach auf ein Bett klettern, weil es da so schön bequem ist. Da sind die Muslime empfindlich.

          Haben Sie sich religiösen Rat geholt?

          Mit meinem ersten Prototypen bin ich zu einem Oberimam in der Türkei gegangen und habe gefragt, ob man das so machen darf. Der hatte keine Einwände.

          Ihr fertiges Produkt haben Sie 2010 zum ersten Mal bei Ihrer ersten Pilgerreise nach Mekka ausprobiert. Wie kamen Sie damit an?

          Für meine Frau und mich war es erst einmal sehr praktisch, weil um die Kaaba herum alles mit Marmor ausgelegt ist. Neben uns betete ein Paar aus Indonesien oder von den Philippinen, so genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls konnten die zwei den Teppich gar nicht mehr aus der Hand geben und haben uns immer wieder gefragt, wo man so etwas bekommt.

          Wie haben Sie es geschafft, das Produkt bekannt zu machen?

          Ich war auf verschiedenen Gesundheitsmessen zum Bespiel in Dubai. Mittlerweile haben wir in Dubai und Kuweit Distributionspartner gefunden, die die Teppiche für uns vertreiben. Außerdem haben wir eine Internetseite und verschicken die Teppiche von Schwentinental in Schleswig-Holstein, wo ich wohne, überall hin.

          Wie laufen die Geschäfte?

          Ich bin sehr zufrieden. Wir haben Teppiche nach Frankreich, Italien, Amerika, Singapur und noch in viele andere Länder geschickt. Im Jahr verkaufen wir ungefähr 3000 Teppiche. Dabei soll es nicht bleiben, wir suchen noch weitere Distributionspartner, vor allem in Europa. Aber es reicht schon zum Leben. Meinen Elektroladen habe ich aufgegeben.

          Neben der normalen Version verkaufen Sie für zehn Euro Aufpreis eine Luxusversion. Was ist das besondere daran?

          Die Luxusversion ist nicht aus Samt sondern aus Acryl- und Polyesterfasern gewebt. Deshalb sind die Teppiche nicht so staubanfällig und damit auch für Allergiker geeignet. Daneben ist die Rückseite total schmutzabweisend und feuchtigkeitsbeständig. Normale Teppich muss man von Zeit zu Zeit waschen. Wenn man die Gebetszeiten beachten will, muss man manchmal ja auch draußen beten und den Teppich zum Beispiel auf Asphalt legen.

          In Ihrem Onlineshop kann man für sechs Euro Aufpreis einen Kompass in den Teppich einarbeiten lassen. Ist das nötig?

          Die meisten Muslime wissen, wenn Sie sehen wo die Sonne aufgeht, in welche Richtung sie beten müssen. Wer aber noch nicht so erfahren ist oder einen schlechten Orientierungssinn hat, für den kann der Kompass nützlich sein. Die Ausrichtung der Gebetsteppiche in Richtung Mekka sollte schon genau sein. 15 Grad Abweichung bedeutet, dass man an Mekka vorbei betet. Das ist dann, als hätte man gar nicht gebetet.

          Arbeiten Sie an weiterem Zubehör?

          Wir hatten mal überlegt, die Teppiche mit GPS auszurüsten. Noch ist das aber Zukunftsmusik, weil die Preise zu hoch sind.

          Haben Sie schon überlegt, Ihr Geschäft auf Produkte für andere Religionen auszuweiten? Die Katholiken zum Beispiel müssen im Gottesdienst auch sehr viel knien.

          Das weiß ich gar nicht, ich habe in meinem Bekanntenkreis nur Protestanten. Da muss ich mal nachforschen, vielleicht überlege ich mir das noch. Nicht, weil es ein Geschäft werden könnte. Ich würde jedem Menschen das Beten erleichtern, wenn ich könnte, egal ob muslimisch, evangelisch oder katholisch. Wenn er dankbar ist für Gott, dann reicht das für mich.

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