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Orthodoxes Ritual : Eistaufe auf dem Platz der Revolution

Tief einatmen: Auch Kinder nehmen an der Eistaufe teil Bild: AP

Wer in der Nacht auf Jesu Tauftag ins Wasser taucht, dem werden, heißt es, die Sünden vergeben. Im Moskauer Budenzauber hat es das orthodoxe Ritual schwer. Am „Russischen Winter“ fürs Herz stimmt nur die Temperatur.

          3 Min.

          Ein Weihnachtsbaum glitzert in den Nationalfarben Weiß-Blau-Rot. Eine Verkaufsbude lockt mit Matrjoschkas und bunten Tüchern. Von dem nahen Denkmal ruft ein steinerner Karl Marx die Proletarier aller Länder zur Vereinigung auf. Deren Nachfahren hier auf dem Moskauer Platz der Revolution tragen Fellmütze und Daunenjacken. Kein Wunder, bei minus zwanzig Grad. Es gibt Orte und Zeiten, die eher zum Bade einladen würden. Aber für Russen wie Grigorij ist klar, dass sie in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar in eisiges Wasser tauchen – und warum nicht hier, im Zentrum ihrer Hauptstadt?

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Sechzig Jahre ist Grigorij alt, sein Schnurrbart grau, seine Wangen gerötet. Er trägt einen dunklen Mantel, der nicht aussieht, als würde er genug wärmen, und eine Schiebermütze. Lange stand er in der Schlange, um zu den drei „Taufbecken“ auf dem Platz, einem aus Eis und zweien aus Holz, vorgelassen zu werden. Stand schon da, als der Priester das Wasser in den Becken weihte, lang und feierlich, wie es in dieser Stunde Flüssen und Seen im ganzen Land widerfuhr. Denn wer in der Nacht auf den Tag der Taufe Jesu, dessen die Russische Orthodoxe Kirche am 19. Januar gedenkt, ins – jahreszeitlich kalte – Wasser taucht, dem werden, heißt es, seine Süden vergeben. Für Grigorij, der sich als gläubigen orthodoxen Christen bezeichnet, ist das nicht alles: Das Eisbad gebe ihm ein gutes Gefühl, sagt er fast schon selig, als ihn die Polizisten an der Absperrung endlich in Richtung Männerumkleidewagen geschickt haben. „Das ist die pure Freude.“ Früher, da sei auch er an den Fluss gegangen, um in der Nacht auf Jesu Tauftag dreimal unterzutauchen. Aber auf dem Platz der Revolution sei es „geselliger“.

          Ein breites Spektrum menschlichen Fleisches

          In der Tat ist die eisige Massentaufe hier ein Spektakel, nicht nur für die Täuflinge. Kamerateams drängen sich um die Wasserkübel. Scheinwerfer werfen grelles Licht. Hinter Metallabsperrungen drängen sich Schaulustige. Die Zeremonie kam im 19. Jahrhundert auf, als Beweis besonderer Glaubenstreue; in sowjetischen Zeiten tauchten viele orthodoxe Christen in sogenannten Walross-Clubs unter, die Eisbaden als Sport betreiben. Auf dem Platz der Revolution schließlich verschmelzen Volksbrauch und Konsum: Das „Festival Russischer Winter“ macht sich das Taufritual zu eigen. Auf einer Art Weihnachtsmarkt kann man hier „Volkskunst“, wie die Matrjoschkas und die Tücher, in auf rustikal getrimmten Buden kaufen. Angebot und Darbietung sollen ein (idealisiertes) russisches Dorf zum Leben erwecken; freilich fällt es angesichts von Umgebung (Pelzmäntel, Luxusautos, der nahe Kreml) und Preisen (mehr als 30 Euro für die kleine Matrjoschka) schwer, sich idealdörflich geborgen zu fühlen. Der „Russische Winter“ hat ein Authentizitätsproblem. Umso besser, dass es so kalt geworden ist – Zehen lügen nicht. Gestählte Eisbader behaupten sogar, je kälter die Luft, desto besser das Erlebnis.

          Geselliges Ritual: Die Eisbadenden im Zentrum der russischen Hauptstadt können sicher sein, dass genügend Kameras dabei sind Bilderstrecke

          Die meisten der Männer und Frauen, die hier gleichsam in den Jordan eintauchen, bekreuzigen sich vorher und zwischen den Tauchgängen; drei sollen es sein. Die Männer tragen Badehosen, die Frauen Bikini oder lange, wallende Gewänder; von den Körpern derjenigen, die aus dem Wasser wieder auftauchen, steigt Wasserdampf auf. Von den hölzernen Stufen, die zu dem aus Eis gehauenen Wasserbecken führen, hängen schon Eiszapfen, die lang und länger werden. Wer seine Sünden auf dem Platz der Revolution wegwaschen will, sollte nicht nur kältefest sein, sondern darf auch die Öffentlichkeit nicht scheuen, die ihrerseits ein breites Spektrum menschlichen Fleisches erwartet: dickes, dünnes, blasses, gebräuntes, tätowiertes.

          Ein Hort für Bakterien

          Es gibt Beeindruckendes zu sehen, so eine füllige Frau fortgeschrittenen Alters, die in einem lachsfarbenen Ganzkörperumhang aus Baumwolle – nach dem Auftauchen ist er nicht mehr blickdicht – durch das Becken planscht und prustet wie ein wirkliches Walross. Und Erstaunliches wie einen Vater, der seinen kleinen Sohn auf dem Arm trägt, auf den eisglatten Stufen vor einem der Holzkübel ausrutscht, von Helfern hochgezogen wird, dann mit dem Kind, dessen Schreiens und Flehens ungeachtet, ins Eiswasser steigt. Danach trägt er das weinende und dampfende Kind zum Umkleidewagen, findet auf dem Weg aber die Zeit, auf die Frage einer Fernsehreporterin, wie er sich nun fühle, zu sagen, er fühle sich gut, sehr gut sogar, ganz wunderbar. Das gibt schöne Bilder.

          Auf Grigorij richten sich keine Kameras. Vielleicht ist er nicht spektakulär genug. Er trägt seine Badesachen in einer grauen Plastiktüte in den Wagen. Dann kommt er heraus in einer grauen Badehose, besteigt das Holzpodest, bekreuzigt sich, steigt ins Wasser, taucht unter, dreimal, wie es die Tradition will, eilt dampfend zurück in den Wagen. Als er, wieder in seine dünne Jacke gehüllt, herauskommt, sieht er noch zufriedener aus als vorher. Vielleicht ist er jetzt wirklich frei von Sünde – aber hat er auch etwas für seine Gesundheit getan? Ärzte verweisen auf Risiken für Herz und Kreislauf, und einer der beiden Sanitäter, die auf dem Platz der Revolution in einem Krankenwagen mit laufendem Motor (schon wegen der Heizung) auf Notfälle warten, sagt, nachdem er das Fenster einen Spalt geöffnet hat, er glaube nicht, dass das Eintauchen in den Kübeln hier gesund sei – dasselbe Wasser für so viele Leute, das sei doch ein Hort für Bakterien. Dann solle, wer möge, doch lieber im Fluss untertauchen. Für ihn sei das nichts, sagt der Sanitäter. Dann macht er das Fenster schnell wieder zu.

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