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Orden wider den tierischen Ernst : Ganz oben

Fingerzeig für Schwarz-Grün? Cem Özdemir wird Ritter wider den tierischen Ernst. Bild: dpa

Cem Özdemir ist der erste Ritter wider den tierischen Ernst, „der grün ist und Migrant zugleich“. Manche sehen darin ein Zeichen für Schwarz-Grün.

          Die Grünen, die sich früher gerne als alternative Kraft gesehen haben, sind es längst gewöhnt, irgendwie alternativlos zu sein. Ohne die starken Grünen hätte es die SPD mit ihren mageren 32,6 Prozent vor einer Woche in Niedersachsen nicht zurück an die Macht geschafft. Und will Peer Steinbrück (SPD) wirklich Kanzler werden, dann muss er nach aktueller demoskopischer Lage bei der Bundestagswahl sogar auf noch stärkere Grüne setzen. Grüne sind mittlerweile fast überall angekommen. Man ist Ministerpräsident oder Oberbürgermeister. Und so gesehen war es höchste Zeit, dass ein grüner Bundesvorsitzender den Orden wider den tierischen Ernst bekommt. Einen närrischeren Ausweis für die Zugehörigkeit zum Establishment gibt es in Deutschland kaum. Und umgekehrt gilt für die Aachener Jecken in dieser Karnevalssaison: Mit einem Grünen, zumal wenn er Cem Özdemir heißt, kann man bestimmt nichts falsch machen.

          Der Ordensträger, sein Vorgänger und der Lobredner im Käfig vereint
          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mit Politikern verbindet der Aachener Karnevalsverein (AKV) in den vergangenen Jahren keine durchweg guten Erinnerungen. Kaum hatten die Jecken 2010 den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) zum Ritter wider den tierischen Ernst ernannt, verlor er die Landtagswahl und sein Amt. Mancher Jeck grämte sich damals sehr: War der Orden ein schlechtes Omen? Als vielleicht größter Reinfall in der Geschichte des närrischen Ordens entpuppte sich dann vor zwei Jahren Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Dabei glaubten die Narren im Verteidigungsminister doch einen todsicheren Aufstiegskandidaten mit schön viel Glamourfaktor für ihre Festsitzung entdeckt zu haben. Kaum aber war Guttenberg nominiert, kam die ärgerliche Sache mit seinem Plagiat heraus. Guttenberg zog es vor, nicht zur Ordensverleihung zu kommen, und schickte seinen Bruder Philipp zu Guttenberg als „Knappen“. Der „kleine“ Guttenberg, der nicht in der Politik, sondern in der Forstwirtschaft tätig ist, machte seine Sache gut. Im vergangenen Jahr überzeugte er die närrische Gesellschaft dann noch einmal mit seiner Laudatio auf den Schauspieler und Kabarettisten Ottfried Fischer. Philipp zu Guttenberg gehört seitdem zum Inventar der Aachener Festsitzung, er ist so etwas wie ein charmanter Running Gag. Am Samstag holen ihn zwei Parodisten zum Gaudium der Sitzungsgesellschaft für ihre Nummer auf die Bühne. Guttenberg wird für seinen Auftritt gefeiert wie ein Star.

          Özdemir ist der Erste - wie immer

          Den Leuten hätte es gewiss gefallen, wenn Guttenberg auch die Laudatio auf den Ritter Cem gehalten hätte. Der mittlerweile von seiner Parkinson-Erkrankung gezeichnete Fischer hatte sich nicht mehr zugetraut, seiner närrischen Laudatorenpflicht nachzukommen. Fischer aber entschied sich für den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD) als seinen Vertreter. Eine vorzügliche Wahl. Schulz kommt aus dem nahen Würselen und ist mit dem rheinischen Karneval bestens vertraut. Und weil er stets Spaß an einer guten Rede hat, macht er nicht auf rot-grüne Harmonie, sondern entlarvt Özdemir als Schwarz-Grünen. „Ich weiß genau, was Cem Özdemir auf Deutsch heißt: Armin Laschet!“ Das ist eine schöne, vielschichtige Behauptung. Özdemir und Laschet, der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen CDU, sind schon seit Jahren gute Freunde. Es gibt sogar Karnevalisten, die vermuten, der aus Aachen stammende Laschet steckte hinter der Idee, den Orden diesmal an Özdemir zu verleihen, um ein subtiles schwarz-grünes Zeichen zu setzen. Laschet hat das freilich stets bestritten. Und Özdemir kann über Schulz’ Witz herzlich lachen.

          Als Özdemir schließlich den Orden überreicht bekommt, scheint er einen Moment vor Rührung mit den Tränen zu kämpfen. Dabei müsste er doch Routine darin haben, immer einmal wieder der Erste zu sein, seit er 1994 der erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete wurde. Aber es ist ja tatsächlich ziemlich erstaunlich, dass er es nun sogar auf einen der Gipfel des deutschen Karnevals geschafft hat: „der erste Aachener Ritter, der grün ist und ein Migrant zugleich“, wie Özdemir in seiner Dankesrede formuliert. Die Rede ist ein Beispiel dafür, dass man über ziemlich ernste Sachen ziemlich lustig sprechen kann. Wo hat der in Bad Urach geborene Özdemir das erste Mal Frauen mit Kopftuch gesehen? „Auf der Schwäbischen Alb.“ Wie hat Özdemir die Beschneidungsdebatte erlebt? „Ich hatte ständig das Gefühl, in meiner Hose ein Stück Illegalität herumzuführen.“ Wobei es mit der Beschneidung so sei wie mit der FDP. „Man streitet sich über ihren Nutzen.“ Die Leute fühlen sich prächtig unterhalten. Özdemir schließt mit einem „Auf eine bunte Republik Deutschland“. Lange jubeln die Jecken danach ihrem neuen Ritter Cem zu.

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