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Orden wider den tierischen Ernst : Das Phantom von einem Ritter

Wo er in Aachen auftaucht, wird Philipp zu Guttenberg freudig empfangen. Bild: dpa

Philipp zu Guttenberg hält die Lobrede auf Ottfried Fischer beim Orden wider den tierischen Ernst – und derbleckt seinen Bruder in der Laudatio.

          3 Min.

          Philipp zu Guttenberg spricht am Samstagabend in Aachen gleich von Beginn an Tacheles. Eigentlich wäre seinem Bruder Karl-Theodor als Vorjahresritter die Pflicht zugefallen, die Lobrede auf den Kabarettisten und Volksschauspieler Ottfried Fischer, den 62. Ritter wider den tierischen Ernst, zu halten. Doch „KT“ hat wie schon im vergangenen Jahr seinen Bruder Philipp geschickt. „Hier steh’ ich wieder, / einsam und verlassen, / ein armer Knappe, ohne Ritter, / und sagte Ihnen und den Massen..., was so bitter / und doch so unvermeidlich ist: / er hat sich schlechterdings verpisst!“ Da jubeln, pfeifen, johlen sie.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Karl-Theodor zu Guttenberg ist auch im Kosmos der Karnevalisten eine Ausnahmegestalt. Niemand hat bisher die Narren so ausdauernd zum Narren gehalten wie „KT“. Im vergangenen Jahr, als der Aachener Karnevalsverein (AKV) Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seinen Orden wider den tierischen Ernst verleihen wollte, weil man ihn für einen „akrobatischen Querdenker“, einen „Überflieger mit Bodenhaftung“, einen „Ritter Rückgrat“ hielt, dem gelinge, was er anfasse, und der auch Kanzler „könne“, kurz, weil die närrischen AKV-Obernarren hofften, dass etwas Glanz von seinem Glanze auf sie abstrahlen möge, sagte Guttenberg sein Kommen „wegen der Lage in Afghanistan“ ab. Das war schon dreist, weil ihn ja zu diesem Zeitpunkt nicht die Causa Kundus, sondern die Affäre „Gorch Fock“ in Bedrängnis gebracht hatte. Aber dann kam noch die Sache mit der Doktorarbeit hinzu. Seinem Bruder Philipp, den der damals gerade noch amtierende Verteidigungsminister als Knappe in den Narrenkäfig schickte, kam die undankbare Aufgabe zu, mit all dem Schlamassel in der stellvertretend vorgetragenen Dankesrede umzugehen.

          Philipp zu Guttenberg, ein Förster, der sich sonst in aller Stille um den Waldbesitz der Guttenbergs kümmert, stellte sich vor einem Jahr pfiffig als „Plagiat“ seines Bruders vor und gilt seither als Liebling der besseren Aachener Gesellschaft. Wo er in Aachen auftaucht, wird Philipp zu Guttenberg freudig empfangen. Und doch hatte der AKV zäh darauf hingearbeitet, dass der echte Plagiator in diesem Jahr die Laudatio auf den neuen Ritter hält. Ende August war der AKV-Vorstand eigens zur Audienz bei Karl-Theodor zu Guttenberg gereist, der damals kurzzeitig in Österreich weilte. Und tatsächlich sagte der ehemalige Verteidigungsminister zu, die Rede auf den 62. Ritter wider den tierischen Ernst gemeinsam mit seinem Bruder zu halten. Das dürfte freilich die Ritterfindung schwer belastet haben: Wer will sich schon von einem Aufschneider loben lassen? Sei’s drum: Die Narren hofften noch einmal auf Glanz. Schließlich wäre die Laudatio der erste öffentliche Auftritt in Deutschland seit „KTs“ Weggang nach Amerika gewesen. Wieder hoffte der AKV auf einen PR-Coup, schließlich hatte ihnen das Guttenberg-Tohuwabohu auch im vergangenen Jahr eine schöne Quote beschert.

          Aber Karl-Theodor zu Guttenberg, der 61. Ritter wider den tierischen Ernst, bleibt ein Phantom-Ritter. Wieder sagte er kurzfristig ab, oder besser: ließ er kurzfristig absagen. Es war der sichtlich erleichterte bayerische Ministerpräsident und CDU-Vorsitzende Horst Seehofer, der am 20. Januar zur Pressekonferenz lud, um mitzuteilen, dass sich „KT“ „auf lange Sicht“ aus der deutschen Politik zurückziehe, auf ebenso lange Sicht keine Einladungen zu öffentlichen Auftritten in Deutschland mehr annehme und gegebene Zusagen zurückziehe. Beiläufig hatte der AKV also erfahren, dass abermals alle Hoffnungen auf Philipp zu Guttenberg ruhen würden.

          Der Förster hält dann am Samstagabend wieder eine bemerkenswerte Rede, die viel mehr ist als eine Laudatio. Beinahe schon in Nockherberg-Qualität „derbleckt“ er seinen Bruder als „Lothar-Matthäus-Doppelgänger“ („Ja, er ist weg, das Haar ganz kraus, / gerupft und struppig sieht er aus“), selbstgerechte Medienleute für ihren Umgang mit der Wulff-Affäre („Der Redakteur soll mir mal kommen, / der niemals etwas angenommen / oder von den lieben / Kollegen etwas abgeschrieben“) und schließlich auch den neuen Ritter. Für den gewichtigen Ottfried Fischer habe der AKV „den Narrenkäfig doch verbreitert, / damit er hier nicht vorerst scheitert“.

          Für den gewichtigen Ottfried Fischer, so Guttenberg, wurde der „Narrenkäfig doch verbreitert, / damit er hier nicht vorerst scheitert“.

          Und auf sehr menschliche Weise bereitet er das Publikum auch noch auf Fischers Auftritt vor. „Als Parkinson die Fesseln band, / das Lachen von uns fast verschwand. / Als Knappe zieh ich meinen Hut / vor Deinem übergroßen Mut / … Ritter wirst, weil Du uns lernst: Man lacht und ist es noch so ernst!“ Fischer ist schwer gezeichnet von seiner Krankheit. Das Sprechen fällt ihm schwer, die Pointen sitzen nur noch selten. Er behilft sich mit Weisheit statt Witz und formuliert eine Botschaft, die selbst die närrische Gesellschaft nachdenklich zu machen scheint: Die Leute sollten sich weniger vom schönen äußeren Schein eines Politikers blenden lassen. „Wir brauchen wieder die Schönheit der Glaubwürdigkeit.“

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