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Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

In Erinnerung an ihren kleinen Bruder hat sich Klara Pfal auf die Außenseite ihres kleinen Fingers die Konstante „Pi“ tätowieren lassen. Es war seine Lieblingszahl. Bild: Frank Röth

Tötet sich ein geliebter Mensch, tut sich für die Hinterbliebenen ein Abgrund auf. Ein gerade gestartetes Online-Therapieprogramm soll ihnen helfen, wieder Freude am Leben zu finden. Wie schwer dieser Weg zurück ist, erzählen sechs Betroffene.

          13 Min.

          Drei Jahre nach dem Tod ihres Vaters kann Marie-Luise Thoms endlich wieder unbeschwert lachen. Damals auf Mallorca im August 2017, als sie im Meer schwimmen geht. Zusammen mit ihrem besten Freund, den sie vermutlich ohne den Suizid ihres Vaters am Nikolaustag 2014 nicht kennengelernt hätte. Mit ihm teilt sie die Erfahrung, ein Elternteil auf diese Weise verloren zu haben. Frisch getrennt von ihren Partnern buchen beide spontan eine Woche Mallorca und fahren direkt vom Flughafen zum Strand.

          Ina Lockhart

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          „Das war das erste Mal, dass ich mich wieder richtig frei gefühlt habe“, erinnert sich Marie-Luise. „Wir sind ins Wasser gesprungen und haben die ganze Zeit nur gelacht. Und einfach gedacht, uns ist das Schlimmste doch eigentlich schon passiert. Das Leben kann doch auch so anders sein. In dem Moment haben wir uns nur wohl gefühlt und unseren Lachkrampf genossen.“

          In den ersten zwei Jahren „nach Papa“ ist das ganz anders. Marie-Luise ist immer ernst. „Mit mir konnte man nicht mehr lachen. Jedes Gespräch hatte eine gewisse Schwere, ich wollte nur noch über ernste Dinge sprechen.“ Sie empfindet gar nichts, ist gleichgültig und begegnet vielem mit Unverständnis.

          Heute denkt sie immer noch jeden Tag an ihren Vater. Doch jetzt sieht sie das nicht mehr negativ. „Papa gibt es immer noch, er ist jetzt nur woanders. Es ist gut, dass er seine Erlösung gefunden hat. Ich hätte ihn zwar unglaublich gerne hier und würde ihn um Rat fragen. Dass ich das nicht mehr kann, macht mich nicht mehr traurig.“

          In ihrer Wohnung hat sie viele Fotos ihres Vaters, erinnert sich gerne an seine guten Seiten. Seine cholerische Ader blendet sie in ihrer Erinnerung aus. Auf einem ihrer Rippenbögen hat sie sich „I am because you were“ tätowieren lassen. Wut über seine Tat empfindet sie nicht. „Jeder hat das Recht, über sein eigenes Leben zu entscheiden.“

          Bei einem Suizid sind laut AGUS etwa 20 Personen aus dem nahen Umfeld tief betroffen.

          Sechs Jahre vergehen, bis Kostas Papadimos* nach dem Suizid seiner Lebenspartnerin und der Mutter ihres gemeinsamen Sohnes realisiert, dass auch er ein eigenes Leben hat und nicht mehr ständig für sein Kind da sein muss. „Jetzt erst beginne ich damit, darüber nachzudenken.“ Selbst die Therapie fängt er strenggenommen nicht für sich an, sondern um sein Verhalten als Vater kritisch zu reflektieren.

          Die neue Freiheit wird dem gebürtigen Griechen im Skiurlaub mit seinem damals 13-jährigen Sohn durch ein Schlüsselerlebnis bewusst: Vater und Sohn verlieren sich auf der Piste. Der Sohn findet seinen Weg auch ohne väterlichen Beistand. „Er war gar nicht hilflos, hat sich selbst organisiert und kam ohne mich gut klar.“

          Wenn Klara Pfal* einmal einen Sohn haben sollte, wird sie ihm als zweiten Vornamen den Namen ihres verstorbenen Bruders geben. Wird sie gefragt, wie viele Geschwister sie hat, antwortet sie: vier. Doch eigentlich hat die 29-Jährige nur noch drei, seitdem ihr jüngster Bruder vor gut zwei Jahren sein Leben im Alter von 16 Jahren beendet hat.

          „16 ist ein anstrengendes Alter, in dem man mit der Welt klarkommen muss. Vor allem, wenn man Gefühle so extrem lebt wie mein Bruder.“ Für Pfal ist er genauso ihr Bruder wie vorher. „Er ist ein Teil von mir, wir sind zusammen aufgewachsen in einer Großfamilie. Ich lasse den Schmerz los, die Verbitterung und die Wut auf seine Dummheit. Ich lasse aber nicht die Person los.“

          In Erinnerung an ihn hat sie sich auf die Außenseite ihres kleinsten Fingers der rechten Hand „Pi“, die mathematische Ziffer und Lieblingszahl ihres verstorbenen Bruders, tätowieren lassen. Mit den ersten vier Ziffern der Kreiszahl knackt sie damals sein Handy. Auf der Suche nach Antworten und zermürbt von der Schuldfrage liest sie zusammen mit einem ihrer Brüder WhatsApp-Unterhaltungen und hört sich die letzten Sprachnachrichten an. Wie ein Spion fühlt sie sich dabei.

          Die Indizien und Antworten, die sie findet, eröffnen ihr einen Ausweg aus der zermürbenden Gedankentretmühle. „Die wichtigsten Antworten waren: Seine Tat hat nichts mit mir zu tun. Ich hätte nichts tun können. Unsere Beziehung hat ihn nicht dazu getrieben, hat den Suizid aber auch nicht verhindert.“

          Die Gruppe der 15- bis 25-Jährigen weist die höchste Rate an Suizidversuchen auf.**

          Petra Hohns einziger Sohn Carsten ist seit fast 20 Jahren tot. Und doch ist die heute 61-Jährige seitdem Oma geworden. Für die Kinder der mittlerweile erwachsenen Freunde von Carsten ist sie Oma Nummer drei. „Ich bin die verrückte Oma, mit der man tolle Sachen machen kann.“ Und die einer der Pimpfe zum Lachen bringt, wenn er in ihrer Wohnung plötzlich ein Foto von Carsten erspäht und stolz verkündet: „Den kenne ich, der wohnt bei uns auf dem Regal!“

          Der Sohn von Petra Hohn hat sich kurz vor seinem 18. Geburtstag das Leben genommen. Seine Mutter führt heute ein zweites Leben.

          Für eine Handvoll enger Freunde ist Carsten nicht durch seinen Tod verschwunden, sondern Teil ihres Lebens. „Das ist meine neue Familie, die haben uns adoptiert“, sagt Petra Hohn. „Wir feiern Geburtstage zusammen – unsere eigenen, aber auch den von Carsten. Bei den Kindern der Freunde sind wir zur Taufe und Konfirmation eingeladen.“

          Nach dem Suizid ihres Sohnes geht Petra Hohn einen langen, schmerzhaften Weg, gesäumt von Schlüsselerlebnissen und Grenzerfahrungen, die sie fast das Leben kosten. Sie will anfangs nichts mehr spüren. Doch sie hat Glück, findet wieder Kraft und Hoffnung. Sie kehrt das Zerstörerische in neue Lebenskraft um und widersteht dem Sog, ihrem toten Kind zu folgen. „Sein eigenes Kind zu verlieren ist wie Liebeskummer in vielfacher Potenz.“ Ihr Mann und sie – am Anfang noch isoliert in ihrer Trauer um den toten Sohn – schaffen es sogar, wieder zueinander zu finden.

          Peter und Silke Schuster* haben noch nicht zurückgefunden. Zu der Nähe, die sie vor dem Tod ihres 18-jährigen Sohnes Robert* verbunden hat. „Die Nähe ist weg, das Nebeneinander ist da“, bilanziert Silke nüchtern. Zwei Jahre danach verbindet sie das tägliche Funktionieren und das Pflichtgefühl, auf den anderen aufzupassen. „Passt mir auf die Mama auf“, stand in dem Abschiedsbrief ihres Sohnes.

          Peter und Silke haben noch eine Tochter, die bald mit ihrem Studium fertig ist und dann vielleicht nach Australien auswandert. Die drei leben zusammen, doch jeder erträgt seine Trauer für sich. Still, ohne darüber länger zu reden. Dabei treffen sich Peter und Silke gemeinsam regelmäßig mit anderen betroffenen Eltern in einer Selbsthilfegruppe. „Unserer Tochter würden wir gerne helfen, doch mit uns redet sie darüber nicht“, sagt der Vater. „Da ist einfach die Gefahr, dass man etwas Falsches sagt und den anderen verletzt.“

          Australien steht für schöne Erinnerungen. Für ein Leben frei von Zwängen, mit mehr Freizeitwert in einer Gesellschaft, die eigene Leistung honoriert. So sehen es die Schusters. In Australien hat Robert einen seiner besten Freunde kennengelernt, als er dort für ein paar Monate gelebt hat. In der Zeit hat er das gemacht, was er so liebte: im Wasser zu sein, zu surfen. Fernab von dem Korsett seines Trainingsalltags als Leistungssportler.

          Sein Freund aus Australien macht sich sogar auf den weiten Weg, um auf der Beerdigung Abschied von Robert zu nehmen. Und er führt dessen Familie, als sie ein halbes Jahr später auf Spurensuche nach Australien kommt, zu der Klippe, von der Robert und er immer in die Tiefe gesprungen sind. Ähnlich wie im Leistungssport, habe sein Sohn auch hier Grenzen ausgetestet, sagt sein Vater nachdenklich im Rückblick.

          Durch Suizid sterben fast dreimal so viele Menschen wie durch Straßenverkehrsunfälle.**

          Marie-Luise reagiert extrem auf den Tod ihres Vaters. Die damals 17-jährige mutiert Luise zum Streber. „Ich saß ab dann immer in der ersten Reihe, dumme Sprüche meiner Mitschüler waren mir scheißegal.“ Sie macht komplett dicht, nimmt 25 Kilo zu. „Einladungen habe ich abgewehrt, mich nur noch mit Schule beschäftigt, Smalltalk-Themen wie irgendeine Geburtstagsparty haben mich angekotzt.“ Ihre Mitschüler wissen nicht, wie sie mit Marie-Luise umgehen sollen. In ihrem Mini-Dorf in Brandenburg fühlt sich die Teenagerin ständig beobachtet.

          Aus einer nicht allzu ambitionierten Schülerin mit Notendurchschnitt 2,0 bis 2,5 wird plötzlich ein Mädchen, für das es nur noch die Schule gibt und die sich schnell auf 1,0 verbessert. Nach dem Tod ihres Vaters und den Gesprächen mit ihrer Therapeutin, aus denen sie viel Kraft zieht, setzt sie sich das Ziel, Psychologie zu studieren. Dafür braucht sie eine gute Abschlussnote.

          Mit 19 zieht sie offiziell aus, um in Berlin zu studieren. Faktisch findet der Auszug bereits wenige Monate nach dem Tod ihres Vaters statt. Sie flüchtet sich in die Großfamilie ihres damaligen Freundes. In ihr früheres Zuhause kommt die Abiturientin nur zurück, um sich frische Sachen zu holen. Ohne ein Wort mit ihrer Mutter oder deren Freund zu wechseln. Die Familie ihres damaligen Freundes, die Selbsthilfegruppe von AGUS (Angehörige um Suizid) in Berlin und ihre Therapeutin sind damals die einzigen Anker im Leben.

          Marie-Luise Thoms hat ihren Vater durch Suizid verloren. Heute lebt sie in Berlin, studiert und leitet eine AGUS-Selbsthilfegruppe für jüngere Erwachsene.

          Aus dem Papa-Kind Marie-Luise wird ein junger Mensch, der lernt – oft durch weitere schmerzhafte Erfahrungen – seinen Weg zu gehen. Der seinen Bedarf anmeldet, sich Hilfe holt und den Willen hat, dafür Zeit, Kraft und Hoffnung zu investieren. Jetzt hilft die 21-Jährige, die durch Suizide ihrer Großeltern und ihres Vaters mehrfach betroffen ist, anderen Trauernden und leitet in Berlin eine von ihr gegründete AGUS-Gruppe für junge Erwachsene bis zum Alter von 35 Jahren.

          Als Kostas Papadimos seine Lebenspartnerin tot in der Wohnung auffindet, fällt er ins Bodenlose. Ihr gemeinsamer Sohn, damals sieben Jahre alt, kann in der Zeit danach das Weinen seines Vaters nicht ertragen. Tröstet ihn, nur damit er wieder aufhört. „In den ersten Jahren haben wir die Ablenkung gesucht, waren sozusagen auf der Flucht. Besuchten Freunde und unternahmen viel“, erinnert sich Papadimos. „Am Wochenende zu Hause zu sein hatte etwas Trauriges und Einsames.“

          Der gebürtige Grieche macht viel Sport und findet in seiner Arbeit einen wichtigen Halt. Die Arbeit steht für ihn auch heute noch im Vordergrund – als Existenzsicherung und persönliche Bestätigung. Er und sein Sohn haben damals das Glück, dass eine gute Freundin von Papadimos, den Jungen als „zweiten Sohn“ und engen Freund ihres eigenen Sohnes in ihre Familie aufnimmt.

          Zwei Jahre nach dem Suizid seiner Partnerin schafft Kostas Papadimos den Schritt nach draußen. Zu AGUS. Zu den „Frischoperierten“, wie er mit einer gewissen Selbstironie die Betroffenen bezeichnet. „Für viele Dinge habe ich damals in der akuten Zeit keinen Kopf gehabt. Am Anfang muss man funktionieren – irgendwie.“ Neue Angebote wie das Online-Therapie-Programm „Hilfe nach Suizid“ (weitere Infos im Kastentext am Ende des Textes) versuchen durch das Medium Internet die Zugangshürden für Betroffene zu senken.

          Mit seinem Sohn geht er schon früh in eine Gruppe für trauernde Kinder. Das Erlebnis wird für seinen Sohn zur Offenbarung: „Bis dahin hatte er immer gedacht, dass alle Kinder bis auf ihn selbst zwei Eltern haben. Die Lacrima-Gruppe der Johanniter war für ihn der erste wichtige Schritt nach vorne.“ Im ersten Jahr nach dem Verlust der Mutter schleudert er seinem Vater oft entgegen: „Ja, da kann ich mich ja gleich umbringen.“ Ein Abwehrversuch, wenn es für ihn eng wird. Wenn er vergeblich darauf wartet, dass seine Mutter zur Tür hereinkommt, um ihm beizuspringen.

          Seit 1989 bezeichnet die WHO Hinterbliebene als Hochrisikogruppe für Suizide.

          Die Angst, dass sich sein Sohn etwas antun könnte, spricht Papadimos nicht aus. Eine akute Bedrohung oder konkreten Anlass gibt es nicht. „Ich versuche die Angst rational in den Griff zu bekommen. Sage mir, dass alles gut läuft und uns beide ein großes Vertrauen verbindet.“ Doch die Pubertät seines Sohnes lässt ihn manchmal an diesem sonst sicheren Gefühl für dessen inneres Befinden zweifeln.

          Und wie geht es ihm selbst? Auch heute, acht Jahre nach dem Suizid seiner Lebenspartnerin, ist Kostas Papadimos, der auf die 60 zugeht, weiterhin Single – wenn auch nicht überzeugter Single: „Das Vertrauen zur Partnerin habe ich nicht mehr in der Form, ich kann mich nicht mehr so öffnen. Für viele ist klar, dass sie sich gleich einen neuen Partner suchen. Für mich war und ist das nicht so. Vielleicht bin ich dafür einfach zu alt.“ Stirbt ein Lebenspartner, stirbt das gemeinsame Leben, aber auch ein auf die Zukunft ausgerichtetes Lebenskonzept.

          In den Tagen direkt nach dem Suizid ihres Bruders wird Klara Pfals Elternhaus zu einem Ort, den die anteilnehmenden Menschen in einen Taubenschlag verwandeln. „Keiner hat wahrgenommen, dass auch ich eine trauernde Person bin.“ In der ersten Zeit fühlt sich Pfal als Überlebende, heute spricht sie von sich als Betroffene.

          In den Augen der Nichtbetroffenen sterben Geschwister immer als Kinder von Eltern, nicht als Bruder oder Schwester. Denn es sei doch das Schlimmste, sein eigenes Kind zu verlieren. Ist es das? Nein, Leid und Trauer kennen keinen Superlativ. Jeder trauert anders, jeder spürt den Verlust auf seine Art. Aber schlimm ist es immer.

          Ihr Mann, den Pfal 2011 geheiratet hat, und eine Freundin, mit der sie gerade zusammen ihren Studienabschluss macht und die sie jeden Tag sieht, sind ihr eine große Stütze. „Ich habe lange gebraucht, um in den Alltag zurückzufinden und einen Sinn in meiner Master-Arbeit zu sehen. Eigentlich kam ich nur an die Uni, um meine Freundin zu treffen.“

          Heute weiß Pfal, dass ihr soziales Umfeld sie gerettet hat. Keiner hat sie enttäuscht, keiner hat sich aus Angst vor der Situation von ihr zurückgezogen. Eineinhalb Jahre nach dem Suizid ihres Bruders beginnt Pfal eine online-gestützte Schreibtherapie des Therapieprogramms „Trauernde Geschwister“, in der sie einiges für sich aufarbeitet. „Ich habe gemerkt, dass meine Eltern Freunde und ein gutes soziales Umfeld als kraftspendende Ressourcen nicht zur Verfügung hatten.“

          Eine Erkenntnis, die das Trauern der Eltern verändern soll. Beide verweigern lange eine Therapie oder jegliche andere Hilfe. Sie erwarten, dass ihre Kinder für sie da sind: „Mama geht es schlecht, ihr müsst kommen.“ Zuerst erfüllen die Kinder die Erwartung, wechseln sich ab mit Wochenenddiensten im Elternhaus. Bis Pfal mit ihren Brüdern beschließt, diese Präsenzpflicht zu thematisieren. Kein einfaches Gespräch, aber es fruchtet. Die Mutter geht danach in eine Selbsthilfegruppe, der Vater macht sich auf die Suche nach einem Therapeuten.

          2015 nahmen sich in Deutschland 215 junge Menschen zwischen 10 und 20 Jahren das Leben.**

          Einen Tag nach der Todesnachricht steht ein Freund von Carsten Hohn vor der Tür der Familie. Total verstört und fassungslos. So wie Carstens Eltern, die die Nacht zuvor nebeneinander in ihren Betten liegen und statt zu schlafen nach ihrem Sohn schreien, weinen und schluchzen – bis sie vor Erschöpfung endlich einschlafen.

          Carstens Vater mobilisiert alle Freunde, die den 18-Jährigen in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden noch gesehen haben. „Plötzlich saßen da 16 junge Menschen bei uns auf dem Boden“, erinnert sich Petra Hohn. „Wir haben miteinander gesprochen. Carstens Freunde haben uns gefragt, wie und ob sie uns helfen können. Es war unser Glück, dass sie da waren.“

          Die jungen Leute sind die einzigen, die mit der Situation und den trauernden Eltern umgehen können. „Das andere Umfeld hatte Angst. Carstens Todesursache war und ist für diese Menschen tabu.“ Das „andere Umfeld“ sind die Nachbarn, die restliche Dorfgemeinschaft, ihr Chef, aber auch Teile ihrer eigenen Familie.

          Eine ans Land gespülte Flaschenpost liegt am Stand von Fehmarn. Häufig schreiben Suizid-Betroffene ihren geliebten Verstorbenen Briefe - manche auch als Flaschenpost.

          Carsten stirbt am 27.11.1998 – knapp einen Monat vor seinem 18. Geburtstag am 21. Dezember. Seit seinem Tod sind Petra und Steffen Hohn an Weihnachten nie mehr zu Hause. In der Zeit fühlen sie sich in Warnemünde am wohlsten. Dort haben sie einen eigenen Freundes- und Bekanntenkreis. „Teilweise wissen diese Menschen nicht alles“, sagt Petra Hohn. Bis vor drei Jahren war es ihr Ritual an Heiligabend, eine Flaschenpost mit einer Art Jahresbrief an Carsten in die Ostsee zu werfen.

          Als Robert nicht mehr da ist, hat Silke Schuster plötzlich sechs Stunden mehr Zeit am Tag. Zeit, in der sie sonst ihren Sohn zum täglichen Training gefahren hat. Erinnerungen an gemeinsame Momente. Wie Robert sie durchgekitzelt hat, wenn sie mittags müde auf der Couch lag, bevor sie wieder losmussten.

          Oder wie sie nebeneinander im Auto saßen. Er neben ihr auf dem Beifahrersitz. Sie habe ihm dann oft ihre Hand aufs Knie gelegt und gesagt: „Ich bin so stolz auf Dich, wie Du das alles schaffst. Die Schule, deinen Sport.“ Seinen Mut habe sie immer bewundert. Bis zu seinem Suizid. „Ich hätte mir gewünscht, Du wärst nicht immer so mutig gewesen“, schreibt sie in ihrem Abschiedsbrief, den sie auf der Trauerfeier vorliest.

          Sie hat jetzt viel freie Zeit, die gefüllt werden muss. Silke Schuster sucht sich einen zweiten Job in einer Sauna. „Das ist für mich eine Flucht. Von zu Hause.“ Sie verbringt viel Zeit in ihrem Garten, der ihr mittlerweile wieder Freude bereitet, und geht jeden Tag zum Grab ihres Sohnes. Und sie hat angefangen zu malen. Erst in der Klinik, jetzt auch manchmal zu Hause.

          Urlaub kann diese Zeit nicht füllen, obwohl er der Familie immer wichtig war. Als sie noch zu viert waren. Jetzt ist auch das unwichtig geworden. Dieses Jahr hat Silke Schuster noch 28 Tage Urlaub über. „Es ist egal, ob wir wegfahren oder nicht. Der Spaß ist weg“, sagt sie. „Ich wünsche mir nur, dass unsere Tochter glücklich wird.“

          Ihr Mann sagt, dass er keine Freude mehr im Leben findet. „Die größte Freude ist, dass ich mit jedem Tag meinem Kind näher komme.“ Sein größter Wunsch? „Dass es Robert jetzt gut geht. Da, wo er ist.“ Er selbst habe keinen Wunsch mehr. Und weint. Nur kurz, danach ist er wieder gefasst. Psychopharmaka habe er immer abgelehnt. „Ich trauere und ich möchte diesen Schmerz spüren. Ich will mich nicht abschießen.“

          In Deutschland waren im Jahr 2015 von den 10.078 Suizidopfern rund 73 Prozent Männer.**

          Die schmerzhafte Erfahrung, ihren geliebten Vater durch Suizid zu verlieren, hat Marie-Luise stärker gemacht und schneller reifen lassen. Sie weiß, was wichtig und gut für sie ist. Und ordnet Ereignisse, die ihr zunächst Angst machen, besser ein. „Ich relativiere alles in meinem Leben mit dem Tod meines Vaters. Das ist vielleicht nicht immer gut, macht mich aber entspannter.“ Kostas beschreibt es ähnlich: „Viele Dinge im Leben verlieren ihre Wichtigkeit, andere werden deutlich wichtiger.“

          Marie-Luise hat selbst nie an Suizid gedacht. Nicht nur, weil sie ihrem Umfeld nicht dieses enorme Leid zufügen wolle. „Ich bin vor allem auch neugierig auf das, was da noch kommt in meinem Leben. Das würde ich ja dann verpassen.“

          Für den Griechen Papadimos, der seit seinem siebten Lebensjahr in Deutschland lebt, ist die gemeinsame Zeit mit seinem Sohn heute immer noch sehr wichtig. „Luxus ist das.“ Gefragt nach seiner Zukunft sagt Kostas: „Ich will Freude am Leben haben, bestimmte Dinge erleben. Wieder mehr reisen und mit meinem Enduro-Motorrad in Griechenland im Gelände die Freiheit genießen.“

          Heute führt Petra Hohn ihr zweites Leben. Kurz nach Carstens Tod wird sie Mitglied im Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland (VEID). 2003 schließt sie eine Ausbildung als Trauerbegleiterin ab. 2006 gibt sie schließlich ihren Beruf als Bautechnikerin auf und leitet seitdem die VEID-Bundesgeschäftsstelle. Offiziell ein 30-Stunden-Job, faktisch arbeitet sie aber doppelt so viel. Und nimmt dafür ein bescheidenes Gehalt in Kauf.

          Ihre berufliche Entscheidung kommentieren Menschen aus ihrem engen Umfeld damals mit Unverständnis: „Möchtest Du nicht wieder einen richtigen Beruf machen? Willst Du jeden Tag über tote Kinder sprechen?“ Doch Petra Hohn lässt sich nicht beirren: „Mit meiner Arbeit will ich Betroffenen einen Raum geben, Gefühle und Ängste zu äußern. Sie sollen ‚ich will nicht mehr leben‘ äußern dürfen, ohne gleich in die Suizid-Schublade gesteckt zu werden. Ich will ihnen helfen, damit sie nicht am Leben verzweifeln, sondern ihr Leben wieder ein Lächeln bekommt.“

          Den Suizid ihres Sohnes sieht Petra Hohn als seine Entscheidung, die er in einer bestimmten Minute getroffen hat. „Vielleicht hätte er wenig später einen klaren Moment gehabt. Doch ist es ihm nicht vergönnt gewesen, im Vollzug unterbrochen zu werden.“

          In ihrer täglichen Arbeit mit Betroffenen wünscht sich Petra Hohn eine stärkere Kooperation mit Forschung und Lehre sowie mit Psychotherapeuten. Von der Bundesregierung fordert sie eine finanzielle Unterstützung, die planbar und regelmäßig ist. Bislang finanziert sich der VEID über Mitgliedsbeiträge und eine jährlich schwankende Förderung der Krankenkassen.

          Noch ist es zu früh für Peter Schuster, nach vorne zu blicken. Auch wenn es ihm sichtlich schwerfällt, spricht er über den Verlust seines Sohnes, um das Thema Jugendsuizid in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. In den Schulen sollte mehr darüber gesprochen werden, damit den gefährdeten Jugendlichen gezeigt werde, wie und wer ihnen helfen kann. „Im Moment habe ich nicht die Kraft dazu, in die Schulen zu gehen, das selbst zu machen – und dann all die Jugendlichen zu sehen.“ Der Vater wünscht sich eine stärkere wissenschaftliche Aufarbeitung des Phänomens Jugendsuizid.

          Klara Pfal hat mittlerweile ihren Frieden damit gemacht, dass sich ihr kleinster Bruder das Leben genommen hat. „Ich gestehe ihm das zu. Er hat einen Platz in mir. In der Art und Weise, wie ich mit Menschen umgehe und Menschen sehe. Mein Bruder war sehr offen und unvoreingenommen. Ich versuche, nicht so schnell zu urteilen – gnädiger mit mir selbst und anderen zu sein. Und toleranter gegenüber Menschen, die nicht gleich in eine Schublade passen.“

          Am Ende ihrer Schreibtherapie verfasst Pfal einen Brief an ihren Bruder: „Ich finde Deine Tat wahnsinnig egoistisch und halte sie für unfassbar dumm. Anderen Menschen, die Du liebst, so einen Schmerz zuzufügen. Ich werde die Gründe dafür niemals verstehen. Das Leben ist immer lebenswert und schön - egal, wie scheiße es einem punktuell mal geht. Aber es war Dein Leben und Du kannst die Dinge anders sehen als ich.“

          Die Autorin hat selbst einen geliebten Menschen durch Suizid verloren.

          *Namen von der Redaktion geändert

          **Daten des Statistischen Bundesamtes

          Menschen mit Suizidabsichten finden neben den im Text erwähnten Angeboten auch bei der Telefonseelsorge unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 Hilfe. Anlaufstellen können auch Ärzte und Kliniken sein. Für jüngere Menschen gibt es Online-Chat-Angebote wie beispielsweise www.u25-deutschland.de. Holen Sie sich in jedem Fall Hilfe.

          Online-Therapieprogramm für Hinterbliebene nach Suizid

          Im Oktober 2018 ist das onlinebasierte Präventionsprogramm „Hilfe nach Suizid“ mit einer ersten Gruppe von Betroffenen gestartet, die unabhängig von ihrem Wohnort teilnehmen können, solange sie über einen Internetzugang und ein Mikrofon verfügen. Das Webinar ist eine Art Selbsthilfegruppe, die im Tandem von einer psychologischen Psychotherapeutin und einem erfahrenen Selbsthilfegruppenleiter begleitet wird. Interessierte Betroffenen können sich für eine Teilnahme auf der Webseite hilfe-nach-suizid.de anmelden.

          Einmal wöchentlich für die Dauer von zwölf Wochen treffen sich die Teilnehmer webbasiert zu einer festen Zeit für eine Sitzung von 90 Minuten. Es werden – teils mit Hilfe von Videos – zwölf Themenfelder besprochen, die für das Programm vorab zusammen mit Suizid-Betroffenen in Einzelgruppen erarbeitet wurden. Zwischen den Webinar-Sitzungen sind die fünf bis acht Teilnehmenden dazu aufgerufen, sich mit vertiefenden Aufgaben auseinanderzusetzen und diese an ihren therapeutischen Gruppenleiter zu mailen.

          Die Teilnehmer können sich nur hören. Es ist ihnen freigestellt, ob sie anonym oder mit ihrem richtigen Namen teilnehmen. Das Programm wird vom Bundesgesundheitsministerium gefördert und in Kooperation mit AGUS e.V., dem VEID e.V. und der Medical School Berlin (Prof. Dr. Birgit Wagner) umgesetzt. Es läuft bis Herbst 2020 und ist für zehn Betroffenengruppen ausgelegt. Es ist geplant, dass es dann im Rahmen der bestehenden Strukturen von VEID und AGUS weitergeführt wird. Das Programm wird wissenschaftlich begleitet. Erste Ergebnisse sollen Ende 2020 vorliegen. Interessierte Betroffene können sich für eine Teilnahme auf der Programm-Webseite der Medical School Berlin anmelden.(ilo.)

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