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Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

In Erinnerung an ihren kleinen Bruder hat sich Klara Pfal auf die Außenseite ihres kleinen Fingers die Konstante „Pi“ tätowieren lassen. Es war seine Lieblingszahl. Bild: Frank Röth

Tötet sich ein geliebter Mensch, tut sich für die Hinterbliebenen ein Abgrund auf. Ein gerade gestartetes Online-Therapieprogramm soll ihnen helfen, wieder Freude am Leben zu finden. Wie schwer dieser Weg zurück ist, erzählen sechs Betroffene.

          Drei Jahre nach dem Tod ihres Vaters kann Marie-Luise Thoms endlich wieder unbeschwert lachen. Damals auf Mallorca im August 2017, als sie im Meer schwimmen geht. Zusammen mit ihrem besten Freund, den sie vermutlich ohne den Suizid ihres Vaters am Nikolaustag 2014 nicht kennengelernt hätte. Mit ihm teilt sie die Erfahrung, ein Elternteil auf diese Weise verloren zu haben. Frisch getrennt von ihren Partnern buchen beide spontan eine Woche Mallorca und fahren direkt vom Flughafen zum Strand.

          Ina Lockhart

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          „Das war das erste Mal, dass ich mich wieder richtig frei gefühlt habe“, erinnert sich Marie-Luise. „Wir sind ins Wasser gesprungen und haben die ganze Zeit nur gelacht. Und einfach gedacht, uns ist das Schlimmste doch eigentlich schon passiert. Das Leben kann doch auch so anders sein. In dem Moment haben wir uns nur wohl gefühlt und unseren Lachkrampf genossen.“

          In den ersten zwei Jahren „nach Papa“ ist das ganz anders. Marie-Luise ist immer ernst. „Mit mir konnte man nicht mehr lachen. Jedes Gespräch hatte eine gewisse Schwere, ich wollte nur noch über ernste Dinge sprechen.“ Sie empfindet gar nichts, ist gleichgültig und begegnet vielem mit Unverständnis.

          Heute denkt sie immer noch jeden Tag an ihren Vater. Doch jetzt sieht sie das nicht mehr negativ. „Papa gibt es immer noch, er ist jetzt nur woanders. Es ist gut, dass er seine Erlösung gefunden hat. Ich hätte ihn zwar unglaublich gerne hier und würde ihn um Rat fragen. Dass ich das nicht mehr kann, macht mich nicht mehr traurig.“

          In ihrer Wohnung hat sie viele Fotos ihres Vaters, erinnert sich gerne an seine guten Seiten. Seine cholerische Ader blendet sie in ihrer Erinnerung aus. Auf einem ihrer Rippenbögen hat sie sich „I am because you were“ tätowieren lassen. Wut über seine Tat empfindet sie nicht. „Jeder hat das Recht, über sein eigenes Leben zu entscheiden.“

          Bei einem Suizid sind laut AGUS etwa 20 Personen aus dem nahen Umfeld tief betroffen.

          Sechs Jahre vergehen, bis Kostas Papadimos* nach dem Suizid seiner Lebenspartnerin und der Mutter ihres gemeinsamen Sohnes realisiert, dass auch er ein eigenes Leben hat und nicht mehr ständig für sein Kind da sein muss. „Jetzt erst beginne ich damit, darüber nachzudenken.“ Selbst die Therapie fängt er strenggenommen nicht für sich an, sondern um sein Verhalten als Vater kritisch zu reflektieren.

          Die neue Freiheit wird dem gebürtigen Griechen im Skiurlaub mit seinem damals 13-jährigen Sohn durch ein Schlüsselerlebnis bewusst: Vater und Sohn verlieren sich auf der Piste. Der Sohn findet seinen Weg auch ohne väterlichen Beistand. „Er war gar nicht hilflos, hat sich selbst organisiert und kam ohne mich gut klar.“

          Wenn Klara Pfal* einmal einen Sohn haben sollte, wird sie ihm als zweiten Vornamen den Namen ihres verstorbenen Bruders geben. Wird sie gefragt, wie viele Geschwister sie hat, antwortet sie: vier. Doch eigentlich hat die 29-Jährige nur noch drei, seitdem ihr jüngster Bruder vor gut zwei Jahren sein Leben im Alter von 16 Jahren beendet hat.

          „16 ist ein anstrengendes Alter, in dem man mit der Welt klarkommen muss. Vor allem, wenn man Gefühle so extrem lebt wie mein Bruder.“ Für Pfal ist er genauso ihr Bruder wie vorher. „Er ist ein Teil von mir, wir sind zusammen aufgewachsen in einer Großfamilie. Ich lasse den Schmerz los, die Verbitterung und die Wut auf seine Dummheit. Ich lasse aber nicht die Person los.“

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