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Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

Ihre berufliche Entscheidung kommentieren Menschen aus ihrem engen Umfeld damals mit Unverständnis: „Möchtest Du nicht wieder einen richtigen Beruf machen? Willst Du jeden Tag über tote Kinder sprechen?“ Doch Petra Hohn lässt sich nicht beirren: „Mit meiner Arbeit will ich Betroffenen einen Raum geben, Gefühle und Ängste zu äußern. Sie sollen ‚ich will nicht mehr leben‘ äußern dürfen, ohne gleich in die Suizid-Schublade gesteckt zu werden. Ich will ihnen helfen, damit sie nicht am Leben verzweifeln, sondern ihr Leben wieder ein Lächeln bekommt.“

Den Suizid ihres Sohnes sieht Petra Hohn als seine Entscheidung, die er in einer bestimmten Minute getroffen hat. „Vielleicht hätte er wenig später einen klaren Moment gehabt. Doch ist es ihm nicht vergönnt gewesen, im Vollzug unterbrochen zu werden.“

In ihrer täglichen Arbeit mit Betroffenen wünscht sich Petra Hohn eine stärkere Kooperation mit Forschung und Lehre sowie mit Psychotherapeuten. Von der Bundesregierung fordert sie eine finanzielle Unterstützung, die planbar und regelmäßig ist. Bislang finanziert sich der VEID über Mitgliedsbeiträge und eine jährlich schwankende Förderung der Krankenkassen.

Noch ist es zu früh für Peter Schuster, nach vorne zu blicken. Auch wenn es ihm sichtlich schwerfällt, spricht er über den Verlust seines Sohnes, um das Thema Jugendsuizid in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. In den Schulen sollte mehr darüber gesprochen werden, damit den gefährdeten Jugendlichen gezeigt werde, wie und wer ihnen helfen kann. „Im Moment habe ich nicht die Kraft dazu, in die Schulen zu gehen, das selbst zu machen – und dann all die Jugendlichen zu sehen.“ Der Vater wünscht sich eine stärkere wissenschaftliche Aufarbeitung des Phänomens Jugendsuizid.

Klara Pfal hat mittlerweile ihren Frieden damit gemacht, dass sich ihr kleinster Bruder das Leben genommen hat. „Ich gestehe ihm das zu. Er hat einen Platz in mir. In der Art und Weise, wie ich mit Menschen umgehe und Menschen sehe. Mein Bruder war sehr offen und unvoreingenommen. Ich versuche, nicht so schnell zu urteilen – gnädiger mit mir selbst und anderen zu sein. Und toleranter gegenüber Menschen, die nicht gleich in eine Schublade passen.“

Am Ende ihrer Schreibtherapie verfasst Pfal einen Brief an ihren Bruder: „Ich finde Deine Tat wahnsinnig egoistisch und halte sie für unfassbar dumm. Anderen Menschen, die Du liebst, so einen Schmerz zuzufügen. Ich werde die Gründe dafür niemals verstehen. Das Leben ist immer lebenswert und schön - egal, wie scheiße es einem punktuell mal geht. Aber es war Dein Leben und Du kannst die Dinge anders sehen als ich.“

Die Autorin hat selbst einen geliebten Menschen durch Suizid verloren.

*Namen von der Redaktion geändert

**Daten des Statistischen Bundesamtes

Menschen mit Suizidabsichten finden neben den im Text erwähnten Angeboten auch bei der Telefonseelsorge unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 Hilfe. Anlaufstellen können auch Ärzte und Kliniken sein. Für jüngere Menschen gibt es Online-Chat-Angebote wie beispielsweise www.u25-deutschland.de. Holen Sie sich in jedem Fall Hilfe.

Online-Therapieprogramm für Hinterbliebene nach Suizid

Im Oktober 2018 ist das onlinebasierte Präventionsprogramm „Hilfe nach Suizid“ mit einer ersten Gruppe von Betroffenen gestartet, die unabhängig von ihrem Wohnort teilnehmen können, solange sie über einen Internetzugang und ein Mikrofon verfügen. Das Webinar ist eine Art Selbsthilfegruppe, die im Tandem von einer psychologischen Psychotherapeutin und einem erfahrenen Selbsthilfegruppenleiter begleitet wird. Interessierte Betroffenen können sich für eine Teilnahme auf der Webseite hilfe-nach-suizid.de anmelden.

Einmal wöchentlich für die Dauer von zwölf Wochen treffen sich die Teilnehmer webbasiert zu einer festen Zeit für eine Sitzung von 90 Minuten. Es werden – teils mit Hilfe von Videos – zwölf Themenfelder besprochen, die für das Programm vorab zusammen mit Suizid-Betroffenen in Einzelgruppen erarbeitet wurden. Zwischen den Webinar-Sitzungen sind die fünf bis acht Teilnehmenden dazu aufgerufen, sich mit vertiefenden Aufgaben auseinanderzusetzen und diese an ihren therapeutischen Gruppenleiter zu mailen.

Die Teilnehmer können sich nur hören. Es ist ihnen freigestellt, ob sie anonym oder mit ihrem richtigen Namen teilnehmen. Das Programm wird vom Bundesgesundheitsministerium gefördert und in Kooperation mit AGUS e.V., dem VEID e.V. und der Medical School Berlin (Prof. Dr. Birgit Wagner) umgesetzt. Es läuft bis Herbst 2020 und ist für zehn Betroffenengruppen ausgelegt. Es ist geplant, dass es dann im Rahmen der bestehenden Strukturen von VEID und AGUS weitergeführt wird. Das Programm wird wissenschaftlich begleitet. Erste Ergebnisse sollen Ende 2020 vorliegen. Interessierte Betroffene können sich für eine Teilnahme auf der Programm-Webseite der Medical School Berlin anmelden.(ilo.)

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