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Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

Oder wie sie nebeneinander im Auto saßen. Er neben ihr auf dem Beifahrersitz. Sie habe ihm dann oft ihre Hand aufs Knie gelegt und gesagt: „Ich bin so stolz auf Dich, wie Du das alles schaffst. Die Schule, deinen Sport.“ Seinen Mut habe sie immer bewundert. Bis zu seinem Suizid. „Ich hätte mir gewünscht, Du wärst nicht immer so mutig gewesen“, schreibt sie in ihrem Abschiedsbrief, den sie auf der Trauerfeier vorliest.

Sie hat jetzt viel freie Zeit, die gefüllt werden muss. Silke Schuster sucht sich einen zweiten Job in einer Sauna. „Das ist für mich eine Flucht. Von zu Hause.“ Sie verbringt viel Zeit in ihrem Garten, der ihr mittlerweile wieder Freude bereitet, und geht jeden Tag zum Grab ihres Sohnes. Und sie hat angefangen zu malen. Erst in der Klinik, jetzt auch manchmal zu Hause.

Urlaub kann diese Zeit nicht füllen, obwohl er der Familie immer wichtig war. Als sie noch zu viert waren. Jetzt ist auch das unwichtig geworden. Dieses Jahr hat Silke Schuster noch 28 Tage Urlaub über. „Es ist egal, ob wir wegfahren oder nicht. Der Spaß ist weg“, sagt sie. „Ich wünsche mir nur, dass unsere Tochter glücklich wird.“

Ihr Mann sagt, dass er keine Freude mehr im Leben findet. „Die größte Freude ist, dass ich mit jedem Tag meinem Kind näher komme.“ Sein größter Wunsch? „Dass es Robert jetzt gut geht. Da, wo er ist.“ Er selbst habe keinen Wunsch mehr. Und weint. Nur kurz, danach ist er wieder gefasst. Psychopharmaka habe er immer abgelehnt. „Ich trauere und ich möchte diesen Schmerz spüren. Ich will mich nicht abschießen.“

In Deutschland waren im Jahr 2015 von den 10.078 Suizidopfern rund 73 Prozent Männer.**

Die schmerzhafte Erfahrung, ihren geliebten Vater durch Suizid zu verlieren, hat Marie-Luise stärker gemacht und schneller reifen lassen. Sie weiß, was wichtig und gut für sie ist. Und ordnet Ereignisse, die ihr zunächst Angst machen, besser ein. „Ich relativiere alles in meinem Leben mit dem Tod meines Vaters. Das ist vielleicht nicht immer gut, macht mich aber entspannter.“ Kostas beschreibt es ähnlich: „Viele Dinge im Leben verlieren ihre Wichtigkeit, andere werden deutlich wichtiger.“

Marie-Luise hat selbst nie an Suizid gedacht. Nicht nur, weil sie ihrem Umfeld nicht dieses enorme Leid zufügen wolle. „Ich bin vor allem auch neugierig auf das, was da noch kommt in meinem Leben. Das würde ich ja dann verpassen.“

Für den Griechen Papadimos, der seit seinem siebten Lebensjahr in Deutschland lebt, ist die gemeinsame Zeit mit seinem Sohn heute immer noch sehr wichtig. „Luxus ist das.“ Gefragt nach seiner Zukunft sagt Kostas: „Ich will Freude am Leben haben, bestimmte Dinge erleben. Wieder mehr reisen und mit meinem Enduro-Motorrad in Griechenland im Gelände die Freiheit genießen.“

Heute führt Petra Hohn ihr zweites Leben. Kurz nach Carstens Tod wird sie Mitglied im Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland (VEID). 2003 schließt sie eine Ausbildung als Trauerbegleiterin ab. 2006 gibt sie schließlich ihren Beruf als Bautechnikerin auf und leitet seitdem die VEID-Bundesgeschäftsstelle. Offiziell ein 30-Stunden-Job, faktisch arbeitet sie aber doppelt so viel. Und nimmt dafür ein bescheidenes Gehalt in Kauf.

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