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Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

Ihr Mann, den Pfal 2011 geheiratet hat, und eine Freundin, mit der sie gerade zusammen ihren Studienabschluss macht und die sie jeden Tag sieht, sind ihr eine große Stütze. „Ich habe lange gebraucht, um in den Alltag zurückzufinden und einen Sinn in meiner Master-Arbeit zu sehen. Eigentlich kam ich nur an die Uni, um meine Freundin zu treffen.“

Heute weiß Pfal, dass ihr soziales Umfeld sie gerettet hat. Keiner hat sie enttäuscht, keiner hat sich aus Angst vor der Situation von ihr zurückgezogen. Eineinhalb Jahre nach dem Suizid ihres Bruders beginnt Pfal eine online-gestützte Schreibtherapie des Therapieprogramms „Trauernde Geschwister“, in der sie einiges für sich aufarbeitet. „Ich habe gemerkt, dass meine Eltern Freunde und ein gutes soziales Umfeld als kraftspendende Ressourcen nicht zur Verfügung hatten.“

Eine Erkenntnis, die das Trauern der Eltern verändern soll. Beide verweigern lange eine Therapie oder jegliche andere Hilfe. Sie erwarten, dass ihre Kinder für sie da sind: „Mama geht es schlecht, ihr müsst kommen.“ Zuerst erfüllen die Kinder die Erwartung, wechseln sich ab mit Wochenenddiensten im Elternhaus. Bis Pfal mit ihren Brüdern beschließt, diese Präsenzpflicht zu thematisieren. Kein einfaches Gespräch, aber es fruchtet. Die Mutter geht danach in eine Selbsthilfegruppe, der Vater macht sich auf die Suche nach einem Therapeuten.

2015 nahmen sich in Deutschland 215 junge Menschen zwischen 10 und 20 Jahren das Leben.**

Einen Tag nach der Todesnachricht steht ein Freund von Carsten Hohn vor der Tür der Familie. Total verstört und fassungslos. So wie Carstens Eltern, die die Nacht zuvor nebeneinander in ihren Betten liegen und statt zu schlafen nach ihrem Sohn schreien, weinen und schluchzen – bis sie vor Erschöpfung endlich einschlafen.

Carstens Vater mobilisiert alle Freunde, die den 18-Jährigen in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden noch gesehen haben. „Plötzlich saßen da 16 junge Menschen bei uns auf dem Boden“, erinnert sich Petra Hohn. „Wir haben miteinander gesprochen. Carstens Freunde haben uns gefragt, wie und ob sie uns helfen können. Es war unser Glück, dass sie da waren.“

Die jungen Leute sind die einzigen, die mit der Situation und den trauernden Eltern umgehen können. „Das andere Umfeld hatte Angst. Carstens Todesursache war und ist für diese Menschen tabu.“ Das „andere Umfeld“ sind die Nachbarn, die restliche Dorfgemeinschaft, ihr Chef, aber auch Teile ihrer eigenen Familie.

Eine ans Land gespülte Flaschenpost liegt am Stand von Fehmarn. Häufig schreiben Suizid-Betroffene ihren geliebten Verstorbenen Briefe - manche auch als Flaschenpost.

Carsten stirbt am 27.11.1998 – knapp einen Monat vor seinem 18. Geburtstag am 21. Dezember. Seit seinem Tod sind Petra und Steffen Hohn an Weihnachten nie mehr zu Hause. In der Zeit fühlen sie sich in Warnemünde am wohlsten. Dort haben sie einen eigenen Freundes- und Bekanntenkreis. „Teilweise wissen diese Menschen nicht alles“, sagt Petra Hohn. Bis vor drei Jahren war es ihr Ritual an Heiligabend, eine Flaschenpost mit einer Art Jahresbrief an Carsten in die Ostsee zu werfen.

Als Robert nicht mehr da ist, hat Silke Schuster plötzlich sechs Stunden mehr Zeit am Tag. Zeit, in der sie sonst ihren Sohn zum täglichen Training gefahren hat. Erinnerungen an gemeinsame Momente. Wie Robert sie durchgekitzelt hat, wenn sie mittags müde auf der Couch lag, bevor sie wieder losmussten.

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