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Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

Australien steht für schöne Erinnerungen. Für ein Leben frei von Zwängen, mit mehr Freizeitwert in einer Gesellschaft, die eigene Leistung honoriert. So sehen es die Schusters. In Australien hat Robert einen seiner besten Freunde kennengelernt, als er dort für ein paar Monate gelebt hat. In der Zeit hat er das gemacht, was er so liebte: im Wasser zu sein, zu surfen. Fernab von dem Korsett seines Trainingsalltags als Leistungssportler.

Sein Freund aus Australien macht sich sogar auf den weiten Weg, um auf der Beerdigung Abschied von Robert zu nehmen. Und er führt dessen Familie, als sie ein halbes Jahr später auf Spurensuche nach Australien kommt, zu der Klippe, von der Robert und er immer in die Tiefe gesprungen sind. Ähnlich wie im Leistungssport, habe sein Sohn auch hier Grenzen ausgetestet, sagt sein Vater nachdenklich im Rückblick.

Durch Suizid sterben fast dreimal so viele Menschen wie durch Straßenverkehrsunfälle.**

Marie-Luise reagiert extrem auf den Tod ihres Vaters. Die damals 17-jährige mutiert Luise zum Streber. „Ich saß ab dann immer in der ersten Reihe, dumme Sprüche meiner Mitschüler waren mir scheißegal.“ Sie macht komplett dicht, nimmt 25 Kilo zu. „Einladungen habe ich abgewehrt, mich nur noch mit Schule beschäftigt, Smalltalk-Themen wie irgendeine Geburtstagsparty haben mich angekotzt.“ Ihre Mitschüler wissen nicht, wie sie mit Marie-Luise umgehen sollen. In ihrem Mini-Dorf in Brandenburg fühlt sich die Teenagerin ständig beobachtet.

Aus einer nicht allzu ambitionierten Schülerin mit Notendurchschnitt 2,0 bis 2,5 wird plötzlich ein Mädchen, für das es nur noch die Schule gibt und die sich schnell auf 1,0 verbessert. Nach dem Tod ihres Vaters und den Gesprächen mit ihrer Therapeutin, aus denen sie viel Kraft zieht, setzt sie sich das Ziel, Psychologie zu studieren. Dafür braucht sie eine gute Abschlussnote.

Mit 19 zieht sie offiziell aus, um in Berlin zu studieren. Faktisch findet der Auszug bereits wenige Monate nach dem Tod ihres Vaters statt. Sie flüchtet sich in die Großfamilie ihres damaligen Freundes. In ihr früheres Zuhause kommt die Abiturientin nur zurück, um sich frische Sachen zu holen. Ohne ein Wort mit ihrer Mutter oder deren Freund zu wechseln. Die Familie ihres damaligen Freundes, die Selbsthilfegruppe von AGUS (Angehörige um Suizid) in Berlin und ihre Therapeutin sind damals die einzigen Anker im Leben.

Marie-Luise Thoms hat ihren Vater durch Suizid verloren. Heute lebt sie in Berlin, studiert und leitet eine AGUS-Selbsthilfegruppe für jüngere Erwachsene.

Aus dem Papa-Kind Marie-Luise wird ein junger Mensch, der lernt – oft durch weitere schmerzhafte Erfahrungen – seinen Weg zu gehen. Der seinen Bedarf anmeldet, sich Hilfe holt und den Willen hat, dafür Zeit, Kraft und Hoffnung zu investieren. Jetzt hilft die 21-Jährige, die durch Suizide ihrer Großeltern und ihres Vaters mehrfach betroffen ist, anderen Trauernden und leitet in Berlin eine von ihr gegründete AGUS-Gruppe für junge Erwachsene bis zum Alter von 35 Jahren.

Als Kostas Papadimos seine Lebenspartnerin tot in der Wohnung auffindet, fällt er ins Bodenlose. Ihr gemeinsamer Sohn, damals sieben Jahre alt, kann in der Zeit danach das Weinen seines Vaters nicht ertragen. Tröstet ihn, nur damit er wieder aufhört. „In den ersten Jahren haben wir die Ablenkung gesucht, waren sozusagen auf der Flucht. Besuchten Freunde und unternahmen viel“, erinnert sich Papadimos. „Am Wochenende zu Hause zu sein hatte etwas Trauriges und Einsames.“

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Unser Autor: Oliver Georgi

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