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Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

In Erinnerung an ihn hat sie sich auf die Außenseite ihres kleinsten Fingers der rechten Hand „Pi“, die mathematische Ziffer und Lieblingszahl ihres verstorbenen Bruders, tätowieren lassen. Mit den ersten vier Ziffern der Kreiszahl knackt sie damals sein Handy. Auf der Suche nach Antworten und zermürbt von der Schuldfrage liest sie zusammen mit einem ihrer Brüder WhatsApp-Unterhaltungen und hört sich die letzten Sprachnachrichten an. Wie ein Spion fühlt sie sich dabei.

Die Indizien und Antworten, die sie findet, eröffnen ihr einen Ausweg aus der zermürbenden Gedankentretmühle. „Die wichtigsten Antworten waren: Seine Tat hat nichts mit mir zu tun. Ich hätte nichts tun können. Unsere Beziehung hat ihn nicht dazu getrieben, hat den Suizid aber auch nicht verhindert.“

Die Gruppe der 15- bis 25-Jährigen weist die höchste Rate an Suizidversuchen auf.**

Petra Hohns einziger Sohn Carsten ist seit fast 20 Jahren tot. Und doch ist die heute 61-Jährige seitdem Oma geworden. Für die Kinder der mittlerweile erwachsenen Freunde von Carsten ist sie Oma Nummer drei. „Ich bin die verrückte Oma, mit der man tolle Sachen machen kann.“ Und die einer der Pimpfe zum Lachen bringt, wenn er in ihrer Wohnung plötzlich ein Foto von Carsten erspäht und stolz verkündet: „Den kenne ich, der wohnt bei uns auf dem Regal!“

Der Sohn von Petra Hohn hat sich kurz vor seinem 18. Geburtstag das Leben genommen. Seine Mutter führt heute ein zweites Leben.

Für eine Handvoll enger Freunde ist Carsten nicht durch seinen Tod verschwunden, sondern Teil ihres Lebens. „Das ist meine neue Familie, die haben uns adoptiert“, sagt Petra Hohn. „Wir feiern Geburtstage zusammen – unsere eigenen, aber auch den von Carsten. Bei den Kindern der Freunde sind wir zur Taufe und Konfirmation eingeladen.“

Nach dem Suizid ihres Sohnes geht Petra Hohn einen langen, schmerzhaften Weg, gesäumt von Schlüsselerlebnissen und Grenzerfahrungen, die sie fast das Leben kosten. Sie will anfangs nichts mehr spüren. Doch sie hat Glück, findet wieder Kraft und Hoffnung. Sie kehrt das Zerstörerische in neue Lebenskraft um und widersteht dem Sog, ihrem toten Kind zu folgen. „Sein eigenes Kind zu verlieren ist wie Liebeskummer in vielfacher Potenz.“ Ihr Mann und sie – am Anfang noch isoliert in ihrer Trauer um den toten Sohn – schaffen es sogar, wieder zueinander zu finden.

Peter und Silke Schuster* haben noch nicht zurückgefunden. Zu der Nähe, die sie vor dem Tod ihres 18-jährigen Sohnes Robert* verbunden hat. „Die Nähe ist weg, das Nebeneinander ist da“, bilanziert Silke nüchtern. Zwei Jahre danach verbindet sie das tägliche Funktionieren und das Pflichtgefühl, auf den anderen aufzupassen. „Passt mir auf die Mama auf“, stand in dem Abschiedsbrief ihres Sohnes.

Peter und Silke haben noch eine Tochter, die bald mit ihrem Studium fertig ist und dann vielleicht nach Australien auswandert. Die drei leben zusammen, doch jeder erträgt seine Trauer für sich. Still, ohne darüber länger zu reden. Dabei treffen sich Peter und Silke gemeinsam regelmäßig mit anderen betroffenen Eltern in einer Selbsthilfegruppe. „Unserer Tochter würden wir gerne helfen, doch mit uns redet sie darüber nicht“, sagt der Vater. „Da ist einfach die Gefahr, dass man etwas Falsches sagt und den anderen verletzt.“

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