https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/olivia-newton-john-ist-tot-sie-brachte-die-koerper-zum-sprechen-18230998.html

Zum Tod von Olivia Newton-John : Wackelschieber im Fieber

  • -Aktualisiert am

Olivia Newton-John, geboren am 26. September 1948 im englischen Cambridge, gestorben am 8. August 2022 im kalifornischen Santa Ynez Valley, 1978 mit John Travolta bei den Dreharbeiten von „Grease“ Bild: Picture Alliance / Paramount Pictures / courtesy Everett Collection

Pomadig? Das war doch mal chic: Zum Tod der Sängerin und Schauspielerin Olivia Newton-John, die Tanzwellen auslöste und die Körper zum Sprechen brachte.

          2 Min.

          Drei Kulturschocks des Schüleraustauschs in Amerika: 1. gottesdienstartiges Anschauen des Films „The Wizard of Oz“ ohne Ton, dafür unterlegt mit Pink Floyds „Dark Side of the Moon“; 2. auf einer Party beginnen plötzlich die Gäste ungebeten, das Musical „The Sound of Music“ aufzuführen; 3. auf einer Party, auf der zunächst keiner tanzen wollte, tun das plötzlich alle zur Musik des Films „Grease“ und machen dabei „huh – huh – huh“. Wie lässt sich das erklären?

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Mit der Qualität dieses Werks von 1978, das irgendwo zwischen „West Side Story“ und seichter Erotik-Komödie von Sommerliebe und pomadisierten Jugendgangs im Jahre 1958 handelt, eher nicht, aber sicher ist: Der Soundtrack von „Grease“ verkaufte sich sagenhafte 38 Millionen mal, löste eine neue Doo-Wop-Nostalgie sowie eine Rock-’n’-Roll-Tanzwelle aus.

          Und auch wenn manche sich offenbar ungern, gar verschämt daran erinnern, war damals die halbe Welt davon begeistert, wie Olivia Newton-John sich an der Seite von John Travolta in diesem Film, aber auch in ihrer Karriere als Musikerin, von dem, was man einst Mauerblümchen nannte, zu dem entwickelte, was heute „sex-positiv“ heißt.

          Der Filmtitel „Grease“ könnte ja sogar ein schmierigeres Genre erwarten lassen, es bleibt dann aber bei ein paar anzüglichen Tanzgesten. Das Modell sollte knapp zehn Jahre später mit „Dirty Dancing“ nochmal sehr erfolgreich werden: aktuelle Gesellschaft, porträtiert in einem Zerrbild der Fünfzigerjahre.

          Erst Bob Dylan, dann Disco

          Für die im britischen Cambridge geborene, über Australien nach Amerika gelangte Sängerin Olivia Newton-John veränderte „Grease“ alles. Hatte sie auf ihrem Debütalbum  1971 noch Bob Dylan interpretiert und dann sehr erfolgreiche, von Puristen allerdings geschmähte Countrymusik gemacht, folgten nach „Grease“ die Alben „Totally Hot“ (1978) und „Physical“ (1981), auf dem die manchmal als allzu brave Nachfolgerin Doris Days Kritisierte auch lyrisch expliziter wurde und mit Kurzhaarschnitt und Aerobic-Chic eine weitere Welle auslöste.

          Die Liedzeile „Let me hear your body talk“ wurde zu einem Slogan, der weit über die Tanzflächen der Achtziger hinausreichte. Somit hat Newton-John in Sachen Lockerung vielleicht sogar mehr erreicht als manche Hippies, weil ihre Transformation in der Mitte der Gesellschaft ansetzte, also der weißen, heterosexuellen. Eine jüngst neu entflammte Debatte um ihre Figur der Sandy in „Grease“, in der einige sexistische Unterwerfung, andere weibliche Selbstermächtigung erkennen, unterstreicht das nur.

          Auch musikalisch probierte Newton-John noch vieles aus. Nach ihrer Erkrankung an Brustkrebs 1992 setzte sie sich stark für dessen Erforschung und andere daran Erkrankte ein. Am Montag ist sie im Alter von 73 Jahren in Südkalifornien gestorben.

          Weitere Themen

          Die Opferzahlen steigen

          Wirbelsturm Ian : Die Opferzahlen steigen

          Nach schweren Schäden auf Kuba und in Florida verliert Wirbelsturm Ian allmählich an Kraft. Doch auch abgeschwächt sorgte er am Wochenende noch für Zerstörungen in den Bundesstaaten South und North Carolina.

          Topmeldungen

          Das befreite Isjum im September: Ein Exhumierungsteam steht im Wald.

          Kolumne „Bild der Woche“ : Die Männer von Isjum

          Es gibt Hunderte von Fotos von Exhumierungen aus Isjum. Diese Bilder zeigen, was russische Eroberung bedeutet: Es gibt kein anderes Ziel als Vernichtung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.