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Halbzeit beim Oktoberfest : Weniger Besucher auf der Wiesn

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Hollywood-Star Kevin Spacey (zweiter von links) auf der Wiesn: „Ich kann nicht glauben, dass ihr das 16 Tage durchhaltet.“ Bild: dpa

Weniger Bier, weniger Schlägereien, weniger Gedränge. Das Oktoberfest 2016 ist beschaulich wie selten. Nach einer sehr ruhigen ersten Woche kehrt die Wiesn aber langsam zur Normalität zurück. Und Kevin Spacey staunt.

          Die Dirndl strömen zur Wiesn, an ihrer Seite die Lederhosen. Zu Tausenden quellen Wiesn-Gänger aus den U-Bahnen. Sonne, mildes Wetter, zünftige Stimmung: Endlich. Das Münchner Oktoberfest läuft. Es wäre auch eine rechte Schmach gewesen, wenn das größte und berühmteste Volksfest der Welt ein Flopp geworden wäre: Es ist Oktoberfest und kaum einer geht hin.

          Genau mit einem solchen Szenario aber hatte das Fest begonnen. Eine halbe Million Besucher klingen zwar immer noch stattlich für ein Wochenende – aber nicht auf der Wiesn, wo man Besucherzahlen in Millionenhöhe gewöhnt ist.

          Die Hauptschuld für den verpatzten Start gibt die Festleitung dem miserablen Wetter der ersten Tage. Es schüttete wie aus Kübeln. „Es war wirklich ein greißlicher Auftakt“, sagte Wiesn-Chef Josef Schmid am Sonntag. Zuvor hatte er angesichts des sichtlich geringen Andrangs unerschrocken die Parole ausgegeben: „Man hat auf der Wiesn auch mit fünf Millionen Besuchern eine stattliche Zahl. Alles über fünf Millionen ist eine erfolgreiche Wiesn.“

          In diesem Jahr rückte die Bedrohung näher

          Das Wetter war nicht alles. Viele haben lange überlegt, ob sie dieses Jahr auf das Volksfest gehen. Die Münchner Hotels hatten kurz vorher immer noch Zimmer frei, manche Schulklasse strich den Ausflug zum Oktoberfest. Schon früher haben Anschlagsängste Besucher ferngehalten. 2009 kamen nach Drohungen des Terrornetzwerks Al-Kaida nur 5,7 Millionen Menschen, 2001 waren es nach den Anschlägen von New York 5,5 Millionen.

          Zum Wohl: Das Model Julia Trainer (links), CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach (2.v.r.), seine Tochter Caroline und der Medienmanager Martin Krug.

          In diesem Jahr rückte die Bedrohung näher. Der Amoklauf mit zehn Todesopfern in München Ende Juli hatte die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt, Anschläge in Würzburg und Ansbach beunruhigen die Menschen. Als Konsequenz steht die Wiesn unter den strengsten Sicherheitsvorkehrungen in ihrer mehr als 200-jährigen Geschichte. Große Taschen und Rucksäcke sind erstmals verboten.

          Am Wochenende endlich Normalzustand: In den Fahrgeschäften kreischen die Gäste, aus den Festzelten schallen Gassenhauer. Knapp drei Millionen Besucher zählen die Veranstalter, nur etwas weniger als im Vorjahr. Als geheimer Favorit für den Wiesn-Hit gilt „Hulapalu“ von Andreas Gabalier: Sprachbarrierefrei und promillefest, wie Wiesn-Chef Schmid erläutert. Da könne ein Italiener ebenso mitsingen wie ein Japaner – und das auch noch nach einigen Maß Bier.

          „Endlich wieder gemütlich“

          Ein bisschen anders ist die Wiesn dennoch. Die Polizei marschiert in Trupps über das Festgelände, an den Eingängen passieren die Besucher eine Wand von Ordnern. Am Wochenende ging aber erstmals an den Gepäckaufbewahrungen teils nichts mehr: voll.

          Auch Matthias Sammer und seine Ehefrau Karin feiern.

          Bei den Kontrollen wurden Drogen sichergestellt, ein Messer, ein Schlagstock und ein Gehstock mit einem Degen darin – was immer der Träger damit wollte. Die Wiesn: Sicher wie nie. So empfinden es auch viele Besucher. „Ich fühle mich sicher“, ist nun von vielen zu hören, die vor Wochen noch sagten: „Ich gehe dieses Jahr nicht hin.“

          Weniger Gedränge, Zelte seltener wegen Überfüllung geschlossen. „Super“, sagen viele. „Endlich wieder gemütlich.“ Fast sittsam geht es zu auf dem Volksfest, wo leicht einmal im Biernebel Grenzen aufweichen und Benimmregeln in Vergessenheit geraten. Auf dem dunklen Hügel hinter den Zelten kaum Alkoholopfer, die auf die eine oder andere Weise mit den Folgen ihres Bierkonsums kämpfen. Wo sonst neben ihnen Paare mindestens heftig flirten, sitzen teilweise nur Grüppchen friedlich und sittsam: ausgeturtelt, vermutlich auch angesichts der hohen Ordnerdichte.

          Auch kulinarisch offenbar weniger Exzesse

          Wachsam sind Polizeibeamte Grapschern auf der Spur. Mancher sexuelle Missbrauch werde von Beamten verhindert, heißt es bei der Polizei. Sie griffen schon bei ersten Anfängen ein – einmal auch bevor die betrunkene Frau überhaupt merkte, was vor sich ging.

          Auch kulinarisch offenbar weniger Exzesse. Es wurden weniger Ochsen verspeist, dafür mehr magere Kälber. Die Gäste bestellen laut Festleitung mehr Veggie-Food und vegane Gerichte als bisher, und sie tranken sogar 15 Prozent weniger Alkohol als im Vorjahr. Die Sanitätsstation musste weniger Bierleichen versorgen, nur ein Jugendlicher unter 16 Jahren war dabei, im Vorjahr waren es acht.

          Weniger Straftaten, weniger Alkoholfahrten, weniger Maßkrugschlägereien – „vielleicht werden die Leute tatsächlich ein bisschen vernünftig“, meint Polizeivizepräsident Werner Feiler. Hollywood-Star Kevin Spacey, ebenfalls Wiesn-Gast am Wochenende, ist dennoch erstaunt: „Ich kann nicht glauben, dass ihr das 16 Tage durchhaltet.“

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