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Weltumsegelung während Corona : „Das war zu viel Abenteuer!“

  • -Aktualisiert am

Stürme, Hitze, Kälte, Flauten, kleine Unfälle: kein Problem für Jutta Walter und ihre Familie. Aber das Virus? Bild: Privat

Als Corona kam, war die Familie von Jutta Walter auf einer Weltumsegelung. Ohne Kontakt zur Außenwelt merkten sie davon erst mal nichts – bis sie plötzlich nicht mehr an Land durften.

          4 Min.

          Die Münsteranerin Jutta Walter (45), ihr chilenischer Mann Osvaldo Escobar (44) sowie Tochter Antonia (7) und Sohn Theo (11) waren auf dem Meer, als in der Welt das Coronavirus ausbrach. Seit drei Jahren macht die Familie den zweiten Teil einer Weltumseglung auf ihrer Segelyacht „Polarwind“, von Kap Hoorn zurück nach Europa. Im normalen Leben ist Jutta Walter Lehrerin, ihr Mann war bei der chilenischen Marine und organisiert Segelexpeditionen.

          Frau Walter, wo erreichen wir Sie gerade?

          Wir sind glücklicherweise gerade im Hafen von Limassol auf Zypern angekommen. Wir können es noch gar nicht fassen, dass wir tatsächlich in Europa sind. Das heißt, noch nicht so wirklich, denn so richtig an Land dürfen wir noch nicht.

          Warum nicht?

          Wir sind in Quarantäne. Zusammen mit drei anderen Yachten, mit denen wir uns vor Djibouti zu einer Art Konvoi durch das Rote Meer zusammengeschlossen haben, waren wir die Ersten, die in dieser Saison in Zypern angelegt haben. Wir mussten am äußersten Ende der Liegeplätze festmachen. Da liegen normalerweise die großen Luxusschiffe und haben eigene Wachleute. Die sind jetzt dafür zuständig, dass wir nicht an Land gehen.

          Aber die müssen keine Angst haben, wir sind schon sehr glücklich, dass wir Strom, Wasser, Internet und einen sicheren Liegeplatz haben. Ich habe zum ersten Mal heiß geduscht, seit wir Ende Januar Thailand verlassen haben. Es gibt sogar einen Supermarkt. Bei dem bestellen wir online, und am nächsten Tag wird geliefert, obwohl wir ihn von Bord aus sehen können. Heute feiern wir das alles ein bisschen mit einer Flasche griechischem Wein. Immerhin waren wir 56 Tage im Roten Meer unterwegs, ohne Land betreten zu haben.

          Wie haben Sie an Bord mitbekommen, dass ein neuartiges Virus die Welt in Atem hält?

          Auf unserer Reise hatten wir nur sporadisch Zugang zu Nachrichten, es gab viele Tage ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Zum ersten Mal mit Corona in Kontakt kamen wir, als wir Anfang Februar in Sri Lanka einliefen. Da kam eine Ärztin an Bord, um unsere Temperatur zu messen, aber das war eher eine Nebensache. Als wir dann in Indien ankamen, gingen wir in einer Quarantäne-Zone vor Anker, auf einmal aber hieß es, dass wir indische Gewässer sofort verlassen sollten. Dabei war unser Stopp dort vor allem zum Wasser- und Dieseltanken gedacht, auch zum Einkaufen. Wir hatten die längste Strecke vor uns, die wir jemals mit der „Polarwind“ nonstop gesegelt sind – rüber nach Afrika, nach Djibouti, das sind fast 2000 Seemeilen.

          Wie ging es dann weiter?

          Letztlich erlaubten uns die Behörden, unsere Vorräte noch aufzufüllen. Zum Glück hatten wir über die Crews von anderen Yachten Kontakt zu einem älteren Mann, der sie dort betreut hat. Mit seinem Ruderboot versorgte er uns mit dem Nötigsten. Als wir nach 23 Tagen in Djibouti ankamen, dachten wir, wir wären dem Virus entkommen. Dass Corona sich aus Asien inzwischen weltweit verbreitet hatte, wussten wir nicht. Stattdessen sollte unsere Corona-Odyssee erst so richtig beginnen.

          Erzählen Sie!

          Als wir im Hafen von Djibouti ankerten, war zunächst alles recht normal. Als wir aber endlich einkaufen wollten – der letzte Großeinkauf war drei Monate her, und wir hatten an Gemüse nur noch ein paar Zwiebeln –, hieß es plötzlich: Der Hafen ist ab sofort geschlossen, von den internationalen Booten darf bis auf weiteres niemand mehr an Land. Das war schon ein Moment der Verzweiflung für mich. Da habe ich gezählt, wie viel Reis und Nudeln wir noch haben. Zum Glück hatten wir einen Kontakt zu einem Einheimischen.

          Ein Flüchtling aus Eritrea, der für uns auf den Markt ging und Obst und Gemüse kaufte. Aber das reichte nicht. Also fuhren wir doch mit unserem Beiboot im Dunklen ohne Licht an Land. Die Kinder waren dabei, mit ihnen hofften wir auf mildernde Umstände für den Fall, dass wir erwischt werden. Wir versteckten unser knallrotes Schlauchboot hinter einem großen Fischerboot und kauften in einem Supermarkt groß ein. Passiert ist zum Glück nichts, aber das Ganze war für mich schon sehr nervenaufreibend. In Deutschland konnte ich nie auch nur schwarzfahren!

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