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Homosexualität in der Politik : „Alle Mainzer sind vom anderen Ufer“

Ebling: Meine Eltern wussten sowieso, was ich sagen würde, als ich mich ihnen offenbart habe. Das ganze Setting war so, dass sie jeden meiner Sätze selbst hätten sprechen können.

Gerich: Das war auch das erste, was meine Mutter gesagt hat: Ja, wusste ich.

Sie haben anklingen lassen, dass Sie keine Lust haben, zu „Vorzeigeschwulen“ gemacht zu werden.

Ebling: Ich bitte darum, das nicht misszuverstehen. Das Thema wird nicht ausgeklammert. In Mainz haben wir zum Beispiel eine Kampagne angeschoben mit dem Titel: „Ich liebe, wie ich lebe - Mainz ist so bunt wie das Leben.“ Bei aller Bedeutung des Themas Akzeptanz und Vielfalt glaube ich allerdings auch, dass unsere Stadt wichtigere Aufgaben hat: Kinderbetreuung, Wohnungsbau, Stadtentwicklung. Ich hätte es daher als verdreht und als mangelnde Wertschätzung für die Bürger empfunden, wenn ich gesagt hätte, Akzeptanz ist mein großes Thema.

Wer taugt dann als schwules Vorbild?

Ebling: Außer Ernie und Bert fällt mir niemand ein.

Wollen keine „Vorzeige“-Schwule sein: Sven Gerich (links) und Michael Ebling

Wir sprachen von Wowereit. Gehört der nicht zu den Figuren, die es den Leuten einfach machen, ihre Klischees bestätigt zu finden? Stichwort Party-Wowi.

Ebling: Ich finde nicht, dass Wowereit den schrillen Typen verkörpert, weder was sein Leben betrifft noch sein Erscheinungsbild.

Gerich: Im Übrigen hat man so ein Image schnell. Wenn ich über den Sommer hinweg auf 30 Wein- oder Kirchweihfesten bin, dann gibt es schon Leute, die sagen, der schwirrt nur in der Weltgeschichte herum.

Bei einem kernigen Mannsbild von der CSU würde man sagen: Wahnsinn, wie nah der bei den Menschen ist.

Ebling: Da könnte was dran sein.

Apropos Feiern: Ich hätte da noch ’ne Frage. Ich hatte mal einen schwulen WG-Mitbewohner. Wir sind bestens miteinander klargekommen, aber es gelang uns doch nie, unsere Abendgestaltung aufeinander abzustimmen. Mir erschien das damals logisch, weil in dem Alter, in dem wir waren, 23, 24, da spielte die Partnersuche eine doch recht große Rolle. Wie sehen Sie das? Für Homosexuelle ist es doch sinnvoll, solche Clubs aufzusuchen, in denen von vornherein klar ist, wie der Hase läuft. Andernfalls muss man ja mühsam versuchen herauszuklamüsern, wer als Sexualpartner überhaupt in Frage kommt. Ist das richtig beobachtet?

Ebling: Ja.

Gerich: Sie haben es sich mit Ihrer Frage jetzt arg schwer gemacht, aber es war für uns ein Genuss!

Ebling: Ist doch irgendwie logisch, dass man das so macht. Denn sonst kommen wir ständig in so ’ne Szene wie mit dem Beckenbauer rein. Das ist auf die Dauer blöd!

Eine gewisse Trennung zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen ist also nur folgerichtig?

Gerich: Das löst sich gerade auf. Weil sich das Thema Partnersuche zunehmend auf soziale Medien verlagert. Und wenn man das Thema digital gelöst hat, kann man sich ganz entspannt in der Eckkneipe treffen.

Früher hieß es: Ohrring rechts - schwul. Ist das noch so?

Gerich: Darauf würde ich mich heute nicht mehr verlassen.

Ebling: Da sind wir wieder bei den Ängsten. Meine Güte, es kommen heute Leute durch die Tür, die haben rechts einen Ohrring, und du kannst nicht mehr sicher sein, dass die schwul sind. Das macht mir Angst!

Die Fragen stellte Timo Frasch.

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