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Homosexualität in der Politik : „Alle Mainzer sind vom anderen Ufer“

Ebling: Emotionaler! Sinnlicher! Deswegen sind wir auch Oberbürgermeister geworden. Wir haben ein libidinöses Verhältnis zu unseren Akten! Darüber dürfen wir aber nicht sprechen. Das ist nicht frei ab 16 Jahren.

Ist also alles Käse?

Ebling: Es kommt allein auf die Akzeptanz im Umfeld an. Nehmen wir die Theaterwelt. Da konnte man schon in den zwanziger Jahren mit der Homosexualität wenigstens andeutungsweise spielen, ohne dass einem deshalb gleich was Schlimmes passiert wäre.

Gerich: Aber so, wie es schwule Schauspieler gibt, gibt es eben genauso den homosexuellen Maurer, Kfz-Schlosser, Profifußballer. Hitzlsperger war ja auf dem Platz auch nicht nur künstlerisch unterwegs. Ich meine mich zu erinnern, dass auch er Gelbe und Rote Karten bekommen hat.

Haben Sie selbst Fußball gespielt?

Ebling: Ich hatte dazu keine Zeit, ich war jeden Tag in der Ballettschule ...

Gerich: Ich hab’ geturnt. Tut mir leid.

Versuchen wir trotzdem zu ergründen, wo beim Fußball das Problem liegt.

Ebling: Fußball ist nicht nur ein harter Sport, sondern auch ein hartes Business. Da geht es jenseits des sportlichen Ehrgeizes richtig um Kohle. Und über die Wertigkeit eines Spielers entscheiden ja nicht nur seine Fähigkeiten, sondern auch noch ein paar andere Faktoren. Brutal gesagt, besteht die Gefahr, dass der Spieler und damit auch sein Verein einen massiven Wertverlust erleiden, wenn er sich zu seiner Homosexualität bekennt. Der kann also mutig sein und vielleicht ins Geschichtsbuch kommen, aber dummerweise macht er dadurch seinen Preis kaputt und ist bald weg vom Fenster. Diese Mechanismen gibt es auch in der Politik.

Inwiefern?

Ebling: Wenn über meine Kandidatur zu entscheiden war, wird es auch immer Menschen gegeben haben, die sich die Frage stellten: Ist es für unsere Aussichten bei der Wahl eher nützlich, eher schädlich oder egal, wenn der Kandidat homosexuell ist? Und wenn Sie sich jetzt in einem bestimmten Umfeld bewegen, ich sag’ mal wieder ganz klischeehaft: Ostniedersachsen, und da haben Sie einen Kandidaten, von dem man weiß, der wohnt mit einem Mann zusammen, da stellt sich die Frage eben anders als in Mainz oder Wiesbaden. Bei geheimen Wahlen spielen solche taktischen Erwägungen mal mehr, mal weniger eine Rolle. Vom Tisch wischen kann man sie nicht.

Was glauben Sie selbst: Hat Sie Ihre Homosexualität bei der Wahl Stimmen gekostet, war sie egal oder gereichte sie Ihnen zum Vorteil?

Gerich: Weil die Wahl bei mir noch nicht so lange zurückliegt, hab’ ich noch ziemlich gut im Kopf, wie die einzelnen Wählergruppen abgestimmt haben. Ich lag bei allen Altersgruppen bis 59 Jahre vorne, in der Altersgruppe 60 plus war ich deutlich unterlegen. Das könnte man so interpretieren, dass sich die Älteren mit dem Thema Homosexualität nach wie vor schwerer tun, auch wenn es da viele gibt, die komplett aufgeschlossen sind.

„Es war historisch, dass ein Politiker in dieser Position sagt: ’Ich bin schwul’“: Michael Ebling über Klaus Wowereit

Sie erwähnten am Beispiel Ostniedersachsens den Unterschied zwischen Stadt und Land.

Gerich: Früher war der noch viel stärker. Mein erster Freund hat auf dem Dorf gewohnt. Der musste unsere Beziehung geheim halten. Als es der Vater mitbekam, hat er seinem Sohn 20.000 Mark angeboten, damit er sich von mir trennt.

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Familien gemacht?

Gerich: Bei mir war Familie ein schwieriges Thema, ich bin in einem Kinderheim aufgewachsen. Irgendwann habe ich es meinen Eltern dennoch gesagt, und das war total entspannt.

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