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Homosexualität in der Politik : „Alle Mainzer sind vom anderen Ufer“

Sie haben damit gute Erfahrungen gemacht?

Gerich: Auch in der Feuerwehr! Als es noch nicht raus war, hat ein älterer Kamerad mal einen richtig derben Witz gemacht. Der war natürlich nicht gegen mich persönlich gerichtet, trotzdem fühlte ich mich in meinem ganzen Sein angegriffen. Dem hab’ ich dann zwei, drei passende Sätze gesagt, sodass er ganz irritiert guckte. 14 Tage später wusste er, was los war - und hat sich bei mir entschuldigt.

Lag bei allen Wählergruppen bis 59 Jahren in Wiesbaden vorn: Oberbürgermeister Sven Gerich

Womit lässt sich besser umgehen: mit persönlichen Angriffen oder mit allgemeinen Ressentiments?

Ebling: Mich besorgt, wenn Polemik dumpf und anonym rüberkommt. Mir ist jeder AfD-Politiker, der mit seinem Gesicht vorne steht und sagt, ich halte euch für falsch, lieber als eine anonyme Masse. Denn da weiß ich nicht, wo mein Gegenüber ist, wo es sich versteckt.

Was meinen Sie mit Masse? So etwas wie Pegida?

Ebling: Das ist hier kein ganz falsches Stichwort. Natürlich trägt Pegida die Homophobie nicht im Namen, und ich bin auch kein Soziologe. Aber ich vermute mal, dass der Grad der Homophobie doch in hohem Maße korreliert mit dem Grad der Islamfeindlichkeit.

Gerich: Das gehört in dieselbe Kiste. In beiden Fällen geht es um Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen, beide Male ist der Glaube an die Richtigkeit der eigenen Sichtweise unerschütterlich.

Können Sie besagte Ängste ein kleines bisschen nachvollziehen?

Ebling: Ich lebe im Mainzer Arbeiterstadtteil Mombach, ist natürlich auch schon wieder ein Klischee, ist jetzt aber wurscht. Da gibt es die Mehrgeschosswohnungen, in denen früher die Facharbeiter der Firma „Schott Glaswerke“ mit ihren Familien gewohnt haben. Die hießen Müller, Maier, Schulze. Heute heißen die Bewohner halt auch mal Yildiz, Özmir, Arslan. Und von vier Metzgern ist vielleicht noch einer geblieben, dafür sind zwei Dönerläden hinzu gekommen. Dass Menschen, die ihr Umfeld über Jahrzehnte gewohnt waren, die das wahrscheinlich auch als Schutz empfunden haben, diffuse Gefühle entwickeln, wenn sich etwas verändert, das finde ich erst einmal nicht absurd, sondern zutiefst menschlich. Da müssen auch wir politisch Verantwortlichen Erklärstückchen liefern. Aber wir sind schon auch eine Verantwortungsgesellschaft, in der jeder selbst wissen und dafür einstehen muss, was er sagt und was er tut. Da darf man dann auch mal fragen: Hast du dich wirklich informiert? Weißt du eigentlich, wer da vorne auf der Bühne das Maul aufreißt?

Als Politiker sind Sie in mehrerlei Hinsicht in einer privilegierten Position. Gilt das auch für den Umgang mit der Homosexualität?

Gerich: Zumindest haben wir es leichter als Profifußballer. Aber auch erst seit Wowereit.

Sie meinen sein öffentliches Coming-out.

Ebling: Es war historisch, dass ein Politiker in dieser Position sagt: „Ich bin schwul“ - und dass er das auch noch so positiv konnotiert hat. Danach hat sich für den politischen Bereich sehr viel zum Guten verändert. Im Unterschied zum Fußball. Da hat sich nach Hitzlsperger leider gar nichts verändert. In dieser Männergesellschaft - oder wie man das nennen soll - scheint das nach wie vor nicht zu gehen, sonst hätte sich längst einer getraut. Die Gaußsche Normalverteilung muss schließlich auch in der Fußballkabine greifen.

Vielleicht ja nicht. Fußball, heißt es, sei ein harter Sport: Zweikämpfe, Grasfressen, Männer, die beim Torjubel übereinander herfallen. Über Homosexuelle hört man hingegen, sie seien eher künstlerisch veranlagt.

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