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Homosexualität in der Politik : „Alle Mainzer sind vom anderen Ufer“

Gerich: Normal ist, was ist, wie es ist. Es gibt diese schöne Persiflage: „Wann hast Du Dich entschlossen, heterosexuell zu sein?“ Das würde kein Mensch ernsthaft fragen. Und so haben auch wir weder einen Beschluss gefasst, homosexuell zu sein, noch Medikamente zu diesem Zweck genommen.

Ebling: Zu sagen, Homosexualität ist abnorm, ist der Versuch, Menschen aus dem Menschengeschlecht auszugrenzen. Das ist völlig inakzeptabel.

Was halten Sie von der These, die gesetzliche Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnerschaften mit der Vater-Mutter-Kind-Familie würde dem Aussterben der Gesellschaft Vorschub leisten?

Gerich: Das ist Unsinn. Für den Fall, dass wir ein Kind adoptieren sollten, heißt das ja nicht, dass der- oder diejenige dann auch homosexuell „wird“. Entweder man ist es, oder man ist es nicht. Das ist keine Frage von Erziehung.

Sind Sie fürs Adoptionsrecht von Homosexuellen?

Gerich: Zwei Frauen oder zwei Männer können genauso gut Kinder erziehen wie ein Mann und eine Frau. Aber eben auch genauso schlecht.

Ebling: Völlig d’accord. Es ist in jedem Fall ein Stück soziale Stabilität, wenn Menschen sich binden, füreinander einstehen. Es gibt zu viele, die das nicht tun. Über die würde ich mir als Gesellschaft eher Gedanken machen.

Manche sagen: Im Zweifel müssten es die Kinder ausbaden, wenn sie im Kindergarten gehänselt werden, weil sie zwei Väter haben.

Gerich: Die Erfahrungen sind da gar nicht so schlecht.

Ebling: Hinzu kommt, dass die gesellschaftliche Breite in so einem Kindergarten sowieso größer geworden ist. Vielleicht wird bei dem einen Jungen gesagt: Der hat zwei Mütter. Bei dem anderen: Sein Vater ist arbeitslos. Beim dritten: Der ist schwarz und hat weiße Adoptiveltern. Das kann man in vielen Facetten durchspielen, und das bekommt man auch nicht negiert.

Sie haben dem Slogan „It gets better“ zugestimmt. Wie war es denn früher? Sind Sie da schon mal Diskriminierung ausgesetzt gewesen?

Ebling: Ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Aber ich bin auch ein ziemlicher Spätzünder, biographisch gesehen. Als mir klar war, ich bin schwul, das ist mein Weg, war ich schon weit in den Zwanzigern. Hinzu kommt, dass ich das nie so wahnsinnig zum Thema gemacht habe. Danach wurde ich auch schon kritisch gefragt: Warum trägst du es nicht stärker nach außen? Ich gehöre sicher nicht zu den mutigsten Wortführern der Gleichstellungspolitik.

Aus Angst oder aus Prinzip?

Ebling: Ich möchte mir in solchen Fragen bewusst eine gewisse Privatheit bewahren. Nicht, um ein Geheimnis daraus zu machen. Mir geht es nur darum, eine Grenze zu ziehen, zu wissen: Hier ist Schicht. Das hat sich mit meiner Rolle in der Öffentlichkeit sogar noch ein bisschen verstärkt. Ich finde es beruhigend, dass die Hecke um das Grundstück hoch genug ist, dass selbst diejenigen, die am Gartentürchen stehen, nicht sehen können, ob ich auf der Terrasse im Unterhemd hocke oder penne.

Gerich: Ich bin auch ein Spätzünder, aber nicht ganz so spät wie er. Bei mir war’s Ende der Zehner.

Ebling: Er war schon immer flinker!

Gerich: Es gab bei mir einen Prozess, der mag ein halbes, dreiviertel Jahr gedauert haben. Ich war damals in die erste eigene Wohnung gezogen, dadurch entstand sowieso schon eine Delle im Leben, und dann hab’ ich eben zusehends gemerkt, dass es das mit den Mädels nicht so ist. Aber ich kannte keinen anderen, bei dem das auch so war. Irgendwann habe ich es dann meinem besten Freund erzählt. Feuerwehrkamerad. Feuerwehr ist ja nicht ganz einfach bei dem Thema. Und der Freund hat toll reagiert. Er hat gesagt: „Sven, mach doch einfach dein Ding. Solange du die Finger von mir lässt, ist alles in Ordnung.“ Das war für mich das Signal, dass ich weder krank bin noch irgendeinen anderen Schaden habe. Ich hab’ mir danach keine rosa Federboa um den Hals gehängt, aber ich bin ganz offen damit umgegangen.

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