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Oben ohne in der Isar : Keine Vertreibung aus dem Paradies

  • -Aktualisiert am

Paradies für Nackerte? Am Kabelsteg genießen Münchener das Sommerwetter. Bild: dpa

Die Freikörperkultur hat in München Tradition – plötzlich sehen Sicherheitsleute die öffentliche Ordnung durch die „Nackerten“ gefährdet. Der Stadtrat hat die Brisanz des Themas aber sofort erkannt.

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          Versetzen wir uns einen Moment in die Lage der Sicherheitsleute, die seit mehreren Jahren im Auftrag der Stadt München an der sommerlichen Isar patrouillieren. Sie sollen gegen das wilde Grillen vorgehen – aber der Rauch von Holzkohle brennt sicher auch ihnen in Augen und Nase. Sie sollen aufpassen, dass kein Müll weggeschmissen wird – aber der Müll stinkt, zumal dann, wenn es so heiß ist wie jetzt und die Securitys trotzdem mit langen Hosen ihren Dienst verrichten müssen, während alle anderen sich davon erholen. Wer kann da nicht verstehen, dass die Männer ihren Feuereifer zuletzt offenbar darauf verwandt haben, nach nackt oder halbnackt badenden Frauen Ausschau zu halten, um diese der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen gleichfalls zu mehr Textil mit Stil aufzufordern?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Versetzen wir uns nun aber auch mal in die Lage der Frauen. Sie sind es von München gewohnt, dass man hier an den Wassern der Stadt recht unbeschwert in den Tag träumen kann, vor allem unbeschwert von Kleidung. Die Freikörperkultur hat in München Tradition. Die „Abendzeitung“ schrieb, in den siebziger und achtziger Jahren sei die Stadt „eine Art Paradies“ für die „Nackerten“ gewesen.

          Widerstand gab es immer mal wieder, etwa aus kirchlichen Kreisen, denen die Wendung „wie Gott uns schuf“ womöglich ebenso wenig geläufig war wie die Erkenntnisse des Philosophen Giorgio Agamben („nichts ist weniger ,aus Fleisch‘ als eine Tänzerin, selbst wenn sie nackt ist“, aus: „Nacktheiten“). Im Lauf der Jahre wurden dann spezielle Bereiche fürs Nacktbaden festgelegt. Doch im Grunde blieb es ein leben und leben lassen. Das wurde nun von den Sicherheitsleuten gestört, indem sie die Frauen, offenbar in rüder Weise, aufforderten, sich obenherum anzuziehen. So kann man auch aus dem Paradies vertrieben werden.

          Der Stadtrat, in dem die Mühlen sonst eher langsam mahlen, hat die Brisanz des Themas sofort erkannt. Er bescheinigte den Sicherheitsleuten nicht nur ihre Unzuständigkeit, sondern stellte – natürlich auf Antrag der CSU – einstimmig klar, dass sich auch Frauen überall oben ohne sonnen dürfen. Die entsprechende Verordnung wird insoweit konkretisiert, dass Badebekleidung nur „die primären Geschlechtsorgane“ bedecken müsse, und zwar „vollständig“, was es für manche Männer mit Vorliebe für kurze Badehosen auch schon wieder schwierig macht.

          Nicht nur deshalb ist es schade, dass die ÖDP mit ihrem Vorschlag, das Nacktbaden komplett freizugeben, abgeblitzt ist. Der frühere bayerische Innenminister Gerold Tandler (CSU) hatte einst zu männlichen Nacktheitsapologeten im Englischen Garten gesagt: „So heiß kann’s doch net sein, dass Sie die Badehose auch noch ausziehen müssen.“ Er konnte nicht wissen, dass 2019 Klimawandel ist und die Münchner unbedingt was dagegen tun wollen.

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