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Duschbus für Obdachlose : „Die Leute steigen mit Freudentränen aus“

  • -Aktualisiert am

Im knallbunten Bus gibt es drei voll eingerichtete Badezimmer. Bild: GoBanyo

Was für viele Menschen zum Start in den Tag dazugehört, ist für Obdachlose ein seltener Luxus: Die warme Dusche. In Hamburg gibt es die in einem umgebauten Bus. Während der Corona-Krise ist das Angebot besonders wichtig.

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          Seit Donnerstag hält der knallbunte ehemalige Linienbus wieder vor dem Haupteingang des Millerntor-Stadions in St. Pauli. Wegen der Corona-Krise hatte er ein paar Tage aussetzen müssen, obwohl sein Angebot während der Pandemie noch wichtiger ist, als ohnehin schon: Hier können Obdachlose duschen. Hinter den Seitenscheiben, wo früher die Fahrgäste saßen, befinden sich drei voll eingerichtete Badezimmer. Den Gästen wird alles Notwendige gestellt: Hygieneartikel, Handtücher und gespendete Kleidungsstücke. Zum Schutz vor einer Infektion tragen die Mitarbeiter nun Schutzanzüge, Absperrvorrichtungen sichern den Abstand von 1,5 Metern zwischen den Gästen und spezielle Reinigungsmittel wurden angeschafft.

          „GoBanyo“ heißt das Projekt von Gründer Dominik Bloh. Der Bus war ein Geschenk der Hamburger Hochbahn. In einer Crowdfunding Aktion kamen in nur sechs Wochen 177.000 Euro für den Umbau zusammen. Als gemeinnützige Organisation ist GoBanyo auch weiterhin auf Spenden angewiesen, das Team arbeitet zudem eng mit städtischen Trägern und Behörden zusammen. Der Bus kann flexibel an verschiedenen Orten in der Stadt eingesetzt werden. Neben Bloh und drei festangestellten Mitarbeitern wird das tägliche Geschäft von freiwilligen Helfern unterstützt, vor Beginn der Epidemie kamen insbesondere bei dem Halt am Hauptbahnhof bis zu 30 Duschgäste.

          GoBanyo soll ein Moment Privatsphäre und Ruhe vor dem ständigen Überlebenskampf auf der Straße sein. Die Idee stammt aus Blohs eigenem Leben, er war selbst viele Jahre obdachlos. Lange habe er gedacht, er würde seinen 30. Geburtstag nie erleben, erzählt Bloh. Heute ist er 31.

          Er sei 16 gewesen, als er plötzlich mit zwei Koffern auf der Straße stand. Seine psychisch kranke Mutter habe ihn rausgeschmissen, bei den zahlreichen zuständigen Behörden hätten bürokratische Hürden und Begrifflichkeiten im Weg gestanden. Keiner habe sich für ihn verantwortlich gefühlt. Die Schule habe er noch abgeschlossen, doch als auch dieser letzte Halt entfiel, sei er auf der Straße gelandet. „Wir haben ein gutes soziales Netz, aber die Frage ist, was passiert, wenn alle Stricke reißen? Dann landet man ganz unten“, sagt Bloh.

          Die Straße als Teufelskreis

          Das Leben auf der Straße beschreibt er als Teufelskreis, aus dem man nicht einfach so herauskomme. Auf der Straße sei man nur damit beschäftigt, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. „Das Mensch  sein geht verloren auf der Straße“, sagt Bloh. ‚Mensch sein‘, das bedeute für ihn Selbstwert und Würde.

          GoBanyo Gründer Dominik Bloh hat selbst auf der Straße gelebt.
          GoBanyo Gründer Dominik Bloh hat selbst auf der Straße gelebt. : Bild: GoBanyo

          „Würde ist ganz schwer zu erklären, aber es ist etwas ganz einfaches“, meint Bloh. „Dazugehören, sich wohlfühlen und akzeptiert werden, damit hat es etwas zu tun.“ Als er auf der Straße lebte, habe er jede Möglichkeit genutzt, sich frisch zu machen – ob Fastfood-Restaurant oder Bahnhofstoilette. „Das kann sich keiner vorstellen“, sagt Bloh. „Höchstens im Kleinen, denn keiner flirtet gerne, wenn man sich nicht fresh fühlt.“ Andere Menschen ekelten sich, wenn man ungewaschen sei, gingen auf Distanz, mieden den Anblick ganz oder schauten voller Verachtung. „Wenn man immer dreckig ist, dann kommt der Zeitpunkt, wo man wirklich denkt: Ich bin Dreck.“

          Die Angebote für Obdachlose, ein Dach über dem Kopf zu haben, habe er nicht als Hilfe empfunden. Acht Männer in einem Container, der vierzehn Quadratmeter groß ist – damit werde das Problem nur beiseitegeschoben. „Das soll nur vor dem Erfrierungstod retten, nicht das Leben besser machen.“

          Duschbusse für ganz Deutschland

          Sein eigener Weg zurück in ein bürgerliches Leben sei ein langer Prozess gewesen. Die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 beschreibt er als Wendepunkt. Die Bilder habe er noch im Kopf: Der Hamburger Hauptbahnhof voller Menschen, die aus dem Krieg geflohen waren, auf Isomatten vor Douglas und dem „Body Shop“. „Das hat meine Realität widergespiegelt“, sagt Bloh. Er habe diesen Menschen helfen wollen. „Da hatte ich eine Aufgabe und wieder einen Sinn“, sagt er.

          Seit Dezember 2019 rollt nun sein Duschbus durch Hamburg. Er soll vor allem „Hilfe zur Selbsthilfe“ sein. „Die Leute steigen mit Freudentränen aus“, sagt Bloh. Sich wieder in seiner eigenen Haut wohlzufühlen, könne der Anfang von einer viel größeren Veränderung sein. Allerdings musste das Angebot wegen der Corona-Krise vorübergehend von vier auf zwei Tage pro Woche beschränkt werden. Dafür gibt es seit Anfang April eine Kooperation mit einem Hamburger Schwimmbad, das ebenfalls an drei Tagen für Obdachlose den Duschbereich öffnet. Das freut Bloh besonders: Wegen des Virus seien zahlreiche Einrichtungen geschlossen, so dass es noch weniger Wasch-Möglichkeiten als sonst gebe. „Es ist uns wichtig, allen Menschen auch in dieser Situation Schutz zu bieten“, erklärt Bloh.

          Wie es künftig weitergehen soll? „Im besten Fall sind wir irgendwann arbeitslos“, sagt er. Langfristig sei es natürlich das Ziel, die Menschen von der Straße zu kriegen. Doch bis dahin gebe es noch viel zu tun. Das Konzept des Duschbusses kann sich Bloh in allen Großstädten Deutschlands vorstellen. Ob das GoBanyo ist oder ein anderes Projekt, sei ihm egal. Es gehe um die Menschen, denen damit geholfen werde. Doch auch in der Gesellschaft müsse sich etwas tun. Bloh wünscht sich von den Menschen mehr Mut, aufeinander zuzugehen und miteinander zu reden. Jeder sei es Wert, angeguckt oder angelächelt zu werden, sagt Dominik Bloh. „Teilhabe fängt damit an, dass wir jeden Menschen als Mensch sehen.“

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