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NS-Massaker in Italien : Geerbte Schuld

  • -Aktualisiert am

Der Neffe, der sich auf die Spuren seines Onkels begibt: Andreas Schendel Bild: Lorenzo Maccotta

Sein Onkel hatte während des Zweiten Weltkriegs in dem toskanischen Bergdorf Sant’Anna ein schreckliches Massaker mitbefohlen. Nun ist der Neffe an den Ort des Verbrechens gereist – als erster Angehöriger einer Täterfamilie. Wir haben ihn begleitet.

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          Gerade eben hat er sich vor den verblichenen Fotos der Kinder, die hier vor 70 Jahren getötet wurden, leer geschluchzt. Doch es ist noch nicht vorbei. Als Andreas Schendel aus der Dorfkirche tritt, wartet Enrico Pieri auf ihn. Der Alte blickt nur flüchtig in sein verheultes Gesicht, dreht sich um und zeigt auf einen Weg, der sich in einem Wald verliert. „Hier geht es hoch“, sagt er. Flink läuft er voraus über die grob gehauenen Steine, trotz seiner 81 Jahre und des kugelrunden Bauchs, den er vor sich herträgt.

          Auf der Höhe eines Felsens, vor der ersten Kreuzwegstation, dreht sich Pieri um und verschränkt die Arme hinter dem Rücken. Sein Gast quält sich hinterher. Er hält den Kopf gesenkt, schaut ins Leere. Mit einer Hand hält er sich an seiner Freundin fest. Schendel ist fast vierzig Jahre jünger und drei Köpfe größer als der Mann aus der Toskana mit dem verbrannten, faltigen Gesicht. Aber in diesem Moment wirkt er viel kleiner.

          Pieri zeigt auf die Bronzetafel neben dem Jesus, der das Kreuz trägt - die erste Kreuzwegstation. Sie zeigt eine Frau, die nach ihrer Ferse greift, während ihr ein Mann in Uniform den Lauf seines Gewehrs in den Bauch rammt. „Das ist Genny Marsili“, sagt Pieri zu seinem Gast. „Sie war gerade dabei, ihre Schuhe auszuziehen, als ein Soldat der Waffen-SS sie erschoss.“ Pieri dreht sich um, verschränkt die Arme wieder hinter seinem Rücken und läuft weiter den Berg hinauf zur nächsten Station. Sein Gast aus Deutschland bleibt stehen und drückt sich seinen Schlapphut vor die Augen.

          Enrico Pieri
          Enrico Pieri : Bild: Lorenzo Maccotta

          Vielleicht war es sein Onkel, der die Frau erschossen hat. Andreas Schendel weiß es nicht. Sicher ist nur: Sein Onkel war dabei, am Morgen des 12. August 1944, als etwa 220 Soldaten der Waffen-SS in das Bergdorf Sant’Anna einfielen. Von den Bergrücken, die Schendel umzingeln, stürmten sie in das Dorf hinunter. Sie trieben die Menschen aus ihren Häusern - überwiegend Frauen und Kinder, die sich hier vor den Bombardements an der Küste versteckten. Dann erschossen die Soldaten sie und zündeten alles an: die Leichen, die Ställe. Deshalb ducken sich hier nur noch eine Handvoll Steinhäuser in die Berghänge rund um die Piazza.

          Die meisten Menschen aber wurden von den SS-Männern dorthin getrieben, wo Schendel gerade noch stand. Wohl mehr als insgesamt 500 Menschen massakrierten Schendels Onkel und die Soldaten der Waffen-SS an jenem Morgen. Deshalb ist Schendel jetzt hier.

          Es ist wohl das erste Mal, dass jemand aus einer Täterfamilie einen der Menschen aufsucht, der das Massaker überlebt hat. Oradour in Frankreich, Distomo in Griechenland, Marzabotto und Sant’Anna di Stazzema in Italien - viele Kriegsverbrechen haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg begangen. In einem Großteil der Massaker, die bekannt wurden, ist ermittelt worden. Doch nur in den seltensten Fällen kamen die Verantwortlichen vor Gericht. Meist wurden die Verfahren eingestellt, weil die Täter nicht mehr vernehmungsfähig waren oder ihnen eine konkrete Tatbeteiligung nicht mehr nachzuweisen war. So war es auch im Falle von Sant’Anna. 2005 verurteilte ein italienisches Gericht zehn Verantwortliche des Massakers zu lebenslangen Gefängnisstrafen; Deutschland verweigerte die Auslieferung.

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