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Intersexualität : Unten Barbie, oben Ken

Kein er, aber auch keine sie: Norrie Bild: AFP

Norrie aus Australien muss sich nicht für ein Geschlecht entscheiden, sie darf ein Neutrum sein. Das hat der Oberste Gerichtshof letztinstanzlich entschieden. Doch es bleiben Fragen offen: Darf Norrie jetzt heiraten?

          „Untenrum bin ich eine Barbie, oben ein Ken“ - so lautet Norries Standardantwort auf die Frage nach dem Geschlecht. Doch ein klarer Fall von Ken sind Oberkörper und Gesicht keineswegs. Keine Spur von Bartstoppeln auf den Wangen, die langen Haare hoch auftoupiert, auf der Nase eine rosafarbene Plastikbrille mit Gläsern in Form von Herzen. Von den durchtrainierten Schultern fällt ein bodenlanges Kleid in rot-gelb-orangefarbener Batik-Optik.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Nicht nur optisch will Norrie weder Mann noch Frau sein. Norrie möchte auch nicht als Mann oder Frau behandelt werden. Das ist für Gesprächspartner nicht so einfach, denn die englische Sprache kennt für Personen kein Neutrum. Norries Unterstützer haben dafür aber eine Sprachregelung gefunden: Wer über sie spricht, soll „zie“ sagen anstelle des englischen er (he) oder sie (she) und „hir“ statt sein (his) oder ihr (her). Wenn man mit ihr spricht, möchte Norrie nur beim Vornamen genannt werden. Dass das im Geschäftsverkehr schwierig ist, kümmert Norrie wenig. „Wenn ich einen Flug buche, kreuze ich nicht Mrs. oder Mr. an, sondern nenne mich ‚Professor’ oder ‚Doktor’.“

          Muss das Geschlecht im Pass stehen?

          Mit den Behörden im Heimatland Australien ist das nicht so einfach. Zwar ist Norrie der erste Mensch in Australien, dem die Behörden im Jahr 2010 attestiert haben, weder Mann nach Frau zu sein. „Geschlecht unbestimmt“ stand fortan in Norries offiziellen Dokumenten. Doch schon einen Monat später nahm das Registeramt die Entscheidung zurück. Es sei ein Fehler unterlaufen, hieß es. Norrie solle sich für ein Geschlecht entscheiden. Die Einordnung als männlich oder weiblich sei notwendig, um im Rechtsverkehr teilzunehmen.

          Norrie ließ sich das nicht gefallen und zog vor Gericht. In insgesamt fünf Verfahren vor Gerichten im Staat New South Wales und vor Bundesgerichten in Canberra stritt sich Norrie mit dem Behörden darüber, ob im Pass das Feld Geschlecht ausgefüllt sein muss.

          An diesem Mittwoch entschied nun der Oberste Gerichtshof Australiens in Canberra in letzter Instanz, dass eine Zuordnung zu einem Geschlecht nicht erforderlich ist, sondern dass als Geschlechtsangabe auch „unbestimmt“ zulässig ist. „In den meisten Fällen ist das Geschlecht einer Person ohne Bedeutung für den Rechtsverkehr“, heißt es in der Entscheidung. Anders sei dies lediglich für Fragen der Ehe, ergänzten die Richter, führten allerdings nicht aus, ob Personen, die weder Mann noch Frau sind, heiraten dürfen. Ein Gesetz des Staates New South Wales aus dem Jahr 1995 lasse zumindest die Lesart zu, dass das Geschlecht unbestimmt sein kann, so die Richter.

          Keine dritte Kategorie von Geschlecht

          Nach Auffassung der Richter gibt es aber keine dritte Kategorie von Geschlecht. Norries Anwälte hatten im Prozess gefordert, in offiziellen Dokumenten zusätzlich zu männlich und weiblich die Option „intersexuell“ oder „transgender“ zur Verfügung zu stellen. Norrie zeigte sich am Mittwoch zufrieden mit der Entscheidung: „Es ist ein großartiger Sieg. Vielleicht verstehen die Menschen dadurch, dass es mehr gibt als männlich und weiblich“, sagte Norrie bei der Pressekonferenz nach Verkündung des Urteils.

          Norrie wurde 1961 als Junge mit dem Namen Bruce Norrie Watson geboren. Doch er habe sich mit Anfang zwanzig nicht mehr als Mann gefühlt, erzählt Norrie heute. Daher habe er sich Mitte der achtziger Jahre mehreren Schönheitsoperationen unterzogen, die in Australien teilweise vom staatlichen Gesundheitssystem übernommen werden. Norrie wurde also physisch eine Frau, aber zufrieden wurde sie nicht. Durch die Reduzierung auf ein Geschlecht habe sie sich eingeschränkt gefühlt: „Ich dachte damals, dass ich doch auch auf Bäume klettern will.“ Volle Entfaltung, sagt Norrie, gebe es nur, wenn man sowohl Mann als auch Frau sein könne, also intersexuell.

          Für Ärzte und Psychologen sind  intersexuelle Menschen aber nur solche, die entweder von Geburt an sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane haben oder anatomisch zwar Frauen sind, aber über einen deutlichen Überschuss an männlichen Geschlechtshormonen verfügen. Einen Fall wie Norrie bezeichnen sie als transsexuell – ein Mann, der sich in einer Frau umgewandelt hat.

          Norrie möchte die Kategorie Geschlecht ganz abschaffen

          Doch Norrie besteht darauf, immer auch eine Frau gewesen zu sein: „Schließlich habe ich mich als Frau gefühlt und das Gehirn ist ja auch ein Organ des Körpers.“ Langfristig möchte Norrie, dass sich Australien vollständig vom Geschlecht als eine Kategorie verabschiedet. „Das werden wir hinter uns lassen, wie wir die Einteilung der Menschen in Rassen hinter uns gelassen haben.“ Doch dafür, dass das Geschlecht angeblich keine Relevanz habe, hat Norrie viel Kraft in den Streit um die Zuordnung gesteckt. Und bereits angekündigt, dass der Kampf weitergeht. Als nächstes möchte Norrie dagegen klagen, dass in Australien nur Männer und Frauen heiraten dürfen.

          In Deutschland gibt es seit dem 1. November vergangenen Jahres sogar eine gesetzliche Regelung zur Intersexualität. Das Personenstandsgesetz regelt nun, dass Eltern ein Neugeborenes, das weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann, ohne Angabe des Geschlechts in das Geburtenregister einzutragen ist. Auf den Fall Norrie wäre das Gesetz nicht anwendbar. Ziel des Gesetzgebers war es nicht, dem psychischen Schwanken zwischen männlich und weiblich einen rechtlichen Rahmen zu geben. Es ging darum, den Druck von den Eltern zu nehmen, sich vorschnell auf ein Geschlecht festlegen und später womöglich geschlechtsangleichende Operationen an ihrem Kind vornehmen lassen zu müssen. Solche Operationen haben bisweilen gravierende gesundheitliche und psychische Folgen.

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