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Shootingstar Nilam Farooq : „Wann ich deutsch bin? Ich hefte alles ab!“

  • -Aktualisiert am

Das lebende Beispiel dafür, dass Klischees nicht funktionieren: Nilam Farooq Bild: Lou van Door

Nilam Farooq ist das Kind polnisch-pakistanischer Eltern, ein Berliner Mädchen und der Shootingstar des deutschen Kinos. Ein Gespräch über Rassismus, klischeedeutsche Tugenden und ihren kometenhaften Erfolg als Schauspielerin.

          8 Min.

          Als sie den Bayerischen Filmpreis als beste Darstellerin gewann, für ihr Spiel in Sönke Wortmanns „Contra“, hieß es in der Laudatio: „Neben einem alten Hasen wie Christoph Maria Herbst nicht nur bravourös zu bestehen, sondern zu brillieren, das gelingt Nilam Farooq.“ Der 32-jährigen Schauspielerin gelingt aber noch mehr: zwei sehr unterschiedliche Kulturen zu überbrücken, Zivil­courage zu zeigen, mit 20 ein Youtube-Star mit Millionen Followern gewesen zu sein und nun aber ganz behutsam zur Charakterdarstellerin zu reifen.

          In „Contra“ spielt sie eine willensstarke Jurastudentin, die nach einem rassistischen Verbalangriff ihres Uniprofs in einem Rhetorikwettstreit gegen ihn antritt. Zum Interview beim Zürcher Filmfestival kommt sie wie zu einem Bewerbungsgespräch im blauen Businessanzug. Passt aber eigentlich perfekt zu ihrer Geradlinigkeit, ihrer Willensstärke und sogar zu ihrem Namen: Nilam kommt aus dem Sanskrit und bedeutet „blauer Saphir“.

          Nilam, wussten Sie vor „Contra“, was eine Kartoffelparty ist?

          Nein, ich habe erst hier erfahren, dass das die Feier ist, wenn man offiziell deutscher Staatsbürger wird. Ich habe mich sehr amüsiert. Diese Neuschöpfung ist fantastisch und könnte durch „Contra“ zum geflügelten Wort werden.

          Sie selbst sind in Deutschland geboren, als Kind polnisch-pakista­nischer Eltern – eine nicht ganz ­alltägliche Kombination. Wie kam die zustande?

          Mein Vater wollte mit 18 Jahren aus Pakistan raus, am liebsten nach Amerika. Er zog los und blieb dann in Deutschland. In einem Randbezirk von Berlin sah er in einem ganz normalen BVG-Bus meine Mutter und machte ihr kurz darauf einen Heiratsantrag.

          Und Ihre Mutter?

          Ist die jüngste von zehn Geschwistern aus Polen. Sie fuhr immer die gleiche Strecke im Bus und war gar nicht interessiert an meinem Vater. Aber der war hartnäckig. Nach dem sechsten Antrag hat sie doch „Ja“ gesagt.

          Wie wurden Sie von den unter­schiedlichen Kultursubstraten Ihrer Eltern geprägt?

          Vom Pakistanischen kommt bei mir am deutlichsten die Optik durch. Leider hat mein Vater es versäumt, mir die Sprache beizubringen. Der polnische Einfluss ist mir deutlicher anzumerken, bei Essen, Sprache, Kultur und Mentalität. Durch unser kulturelles Kuddelmuddel haben wir gelernt, immer Kompromisse zu finden: Papa hat zugestimmt, dass wir getauft werden, weil Mama das wichtig war. Dafür hat Mama zugestimmt, dass wir zu Hause kein Schweinefleisch essen, eine Regel aus dem Islam. Heute sehe ich es als riesiges Geschenk, dass ich mit beiden Welten aufgewachsen bin und für beide Verständnis aufbringen kann.

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          Haben Sie je Erfahrungen mit Rassismus gemacht, ob latent oder direkt?

          Glücklicherweise löst meine Kombination eher Neugier und Interesse aus. Direkte Angriffe habe ich nie erlebt, aber durchaus Alltagsrassismus. Oft sind es Äußerungen, die den Menschen gar nicht auffallen. Eine Kostümbildnerin meinte mal: „Ihr habt immer so schöne Namen.“ Ich weiß, das war als Kompliment gemeint. Aber was meint sie, wenn sie „ihr“ sagt? Wer sind „wir“? Ich höre auch so was wie: „Guck mal, ich habe mir extra für dich diese Ohrringe angezogen“ – und dann sind das orientalische Ohrringe. Klar ist das nicht böse gemeint, aber was soll mir das sagen? Ich bin in vielen Belangen deutscher als alle anderen.

          Wie reagieren Sie dann konkret in diesen Situationen?

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