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Zwei auf einem Drahtseil : Balanceakt im Big Apple

Bild: Reuters

Auf einem Drahtseil in rund 80 Meter Höhe sind Nik und Lijana Wallenda über den New Yorker Times Square getanzt. Diesmal ging alles gut – in der Vergangenheit musste die Artistenfamilie aber schon schwere Unglücke verkraften.

          Es war ein fast anachronistisch wirkendes Spektakel. Keine hochmoderne Technik, keine digitalen Tricks, keine Virtual-Reality-Welt. Nur ein Drahtseil, zwei Artisten mit Balancierstangen und, als Zugeständnis an die städtischen Behörden, ein Sicherheitsgurt, ohne den Nik und Lijana Wallenda an diesem Abend in New York keinen Schritt hätten tun dürfen – jedenfalls nicht in rund 80 Meter Höhe, dort, wo die Geschwister ihr Drahtseil quer über den kreischbunten Times Square in Manhattan gespannt hatten.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          So aber durften die Wallendas am Sonntagabend vor zahlreichen Zuschauern an entgegengesetzten Enden das knapp 400 Meter lange Seil beschreiten. Schritt für Schritt balancierten sie aufeinander zu, in luftiger Höhe, 25 Stockwerke über dem Boden, umgeben von grell leuchtenden, hell blinkenden Werbeflächen, bis sie sich schließlich in der Mitte trafen – zum emotionalen Höhepunkt des Drahtseilakts, wie Nik Wallenda später sagte: „Es war schwer, da die Konzentration zu behalten.“

          Lijana Wallenda setzte sich langsam auf das Seil. Sie beugte sich nach vorne, und ihr Bruder stieg mit einem großen Schritt über sie hinweg. Danach hatte Lijana noch kurz Schwierigkeiten beim Wiederaufrichten, aber sie sei ruhig geblieben, erzählte sie danach. „Ich kann das“, habe sie sich nur gesagt. Nach knapp 40 Minuten hatten beide den Balanceakt bewältigt – unter dem lauten Applaus des begeisterten Bodenpersonals. Manche Zuschauer waren schon Stunden zuvor zum Times Square gekommen, um sich die besten Plätze für die überirdische Show zu sichern.

          In der Mitte des knapp 400 Meter langen Seils steigt Nik Wallenda in rund 80 Meter Höhe über seine Schwester Liljana

          Für die 42 Jahre alte Lijana Wallenda war die Highline in New York der erste öffentliche Auftritt nach einem schweren Trainingsunfall vor zwei Jahren. Damals, im Februar 2017, arbeitete sie an einer dreistöckigen Pyramidenfigur auf dem Hochseil mit sieben weiteren Artisten für den Circus Sarasota im Bundesstaat Florida, als die menschliche Figur plötzlich zusammenstürzte. Drei Artisten, unter ihnen Nik Wallenda, konnten sich noch am Seil festhalten. Fünf andere aber fielen zu Boden und wurden zum Teil schwer verletzt. Lijana Wallenda erlitt zahlreiche Knochenbrüche.

          Es war bei weitem nicht das erste schwere Unglück in der Geschichte der Familie. Die Wallendas haben eine lange Artistentradition, Berichte über Auftritte auf Jahrmärkten gibt es schon aus dem 18.Jahrhundert. International bekannt machte die Familie der 1905 in Magdeburg geborene Karl Wallenda, der Urgroßvater des heute 40 Jahre alten Nik. Karl machte sich nach seiner Auswanderung 1928 als Zirkusartist, Balancekünstler und Hochseilakrobat einen glänzenden Namen in der amerikanischen Unterhaltungsbranche. Er erfand die Pyramidenfigur auf dem Hochseil und erregte mit waghalsigen Skywalks über Schluchten und Sportstadien Aufsehen – immer ohne Sicherheitsnetz.

          Seine Laufbahn wurde aber auch von schweren Unglücken überschattet. 1962 kamen beim Einsturz einer Pyramidenfigur sein Neffe und ein weiterer Artist ums Leben, sein Adoptivsohn Mario blieb von der Hüfte abwärts gelähmt. Im März 1978, bei einem Auftritt in Puerto Rico, verunglückte Karl Wallenda selbst tödlich: Auf einem Seil, das zwischen zwei Strandhotels gespannt war, verlor der damals 73 Jahre alte Akrobat bei starkem Wind den Halt und stürzte ab.

          Heute führt vor allem Nik Wallenda die Hochseiltradition der Familie fort. Er stellte zahlreiche Rekorde auf dem Hochseil auf, balancierte unter anderem im Juni 2012 über die Niagara-Fälle und ein Jahr später auf einem mehr als 400 Meter langen, fünf Zentimeter breiten Seil über die Hunderte Meter tiefe Schlucht des Little Colorado River, nicht weit vom Grand Canyon National Park. In Chicago gelang ihm im November 2014 trotz starker Böen ein Hochseilgang zwischen zwei Wolkenkratzern, 200 Meter über dem Boden – den zweiten Teil legte er mit verbundenen Augen zurück.

          Im Gedenken an den Begründer Karl Wallenda balancierte er im Juni 2011 an dem Ort, an dem sein Urgroßvater in Puerto Rico tödlich verunglückt war, mit seiner Mutter Delilah über ein Hochseil.

          Mit seinen Aktionen, sagt Nik Wallenda, wolle er Menschen inspirieren, groß zu träumen, sich auch von unmöglich wirkenden Vorhaben nicht abschrecken zu lassen. Was seine eigene Zukunft angeht, hatte er da in New York schon die nächste Idee. Es würde ihn sehr reizen, sagte er, einmal über einen aktiven Vulkan zu balancieren.

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