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Niedrigwasser : Kleiner Rhein, großer Wein

  • -Aktualisiert am

Die Fahrrinne wird für die Binnenschiffe, wie hier in Düsseldorf, immer schmaler. Bild: dpa

Die Trockenheit versetzt die Winzer am Rhein in Hochstimmung – und wird für die Binnenschiffer zum Ärgernis. Denn der Rheinpegel sinkt immer weiter und lenkt den Blick der Schiffer auf eine Passage im Rheingau.

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          Die Winzer am Rhein sind zufrieden. Die Reben haben den heißen Sommer gut wegsteckt, und die Trockenheit während der meist sonnigen Weinlese lässt einen guten bis sehr guten Jahrgang 2015 erwarten.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Freude der Winzer aber ist das Leid der Binnenschiffer. Gute Weinjahrgänge sind die Folge warmer, trockener Jahre, die den Binnenschiffern wegen des dann unausweichlichen Niedrigwassers Sorgenfalten auf die Stirne zeichnen. „Wenn der Fisch schwitzt und runzelt, und der Weinbauer schmunzelt, und die Schiffer machen lange Schnuten, dann gibt’s Guten!“

          Inzwischen allerdings gärt der Wein längst in den Kellern – aber die Trockenheit hält an. Das Niedrigwasser gibt immer mehr Sand- und Kiesbänke frei sowie Munitionsreste und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg; so entdeckte ein Spaziergänger bei Mainz eine Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg im Flussbett.

          Die Rheinfähre bei Lorch hat ihren Betrieb wegen des Niedrigwassers schon eingestellt. Die Binnenschiffer blicken mit Bangen nach Oestrich im Rheingau. Dort ist die breiteste und flachste Passage des Rheins zu durchfahren. Damit bestimmt der Rheinpegel Oestrich bei Rheinkilometer 518 mehr als jeder andere die Schifffahrt auf dem Rhein. Wer in Rotterdam oder Köln, Mannheim oder Karlsruhe sein Frachtschiff für die Rheinpassage belädt, muss sich am Wasserstand in Oestrich orientieren, um den ausreichenden Tiefgang zu berechnen.

          Ökonomie gibt Ausschlag für Schifffahrtsbetrieb

          Nicht die Wasserschutzpolizei beschränkt bei Niedrigwasser die Rheinschifffahrt, sondern die Ökonomie des Transports. Wer wegen des geringen Tiefgangs seinen Kahn nur noch zur Hälfte oder gar einem Drittel beladen kann, der bleibt irgendwann vor Anker liegen. Den Reedern stellt sich nur noch die Wahl, auf den nächsten Regen zu warten, die Ladung zu deutlich höheren Kosten auf zwei oder mehr Schiffe zu verteilen oder auf Lastwagen und Güterzüge umzuladen. Gefährlich ist das Niedrigwasser aber nicht. Nach Angaben der Wasserschutzpolizei Rüdesheim gibt es bei geringen Pegelständen sogar weniger Zwischen- und Unfälle als bei Normalwasser, weil dann alle Schiffsführer mit besonderer Aufmerksamkeit auf dem Strom unterwegs sind und keiner mit der höchstzulässigen Ladung pokert.

          Betroffen sind aber auch die weiterhin boomenden Binnenkreuzfahrten, wenn die Schiffe am flachen Ufer nicht mehr anlegen können. Das bedeutet schnell handfeste wirtschaftlichen Einbußen für die touristisch ausgerichteten Orte am Fluss. In Rüdesheim beispielsweise legen jährlich rund 1800 Hotel- und Ausflugsschiffen an, deren Passagiere den Gastronomen und Andenkenläden gute Umsätze bescheren. Den Reedereien bleibt bei weiter sinkenden Pegelständen nur der Weg, Schiffe mit besonders niedrigem Tiefgang einzusetzen oder vor besonders flachen Stellen zu stoppen und die Passagiere von einem Schiff auf ein anderes umzuquartieren.

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          Am Dienstag sank der Pegel Oestrich unter die Marke von 75 Zentimetern. Der mittlere Pegel liegt bei 191 Zentimetern, und bis zum Donnerstag sagt die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes einen Wert von 65 Zentimetern voraus. Das war zuletzt 2009 der Fall und führte zur Einstellung weiterer Fährverbindungen am Rhein.

          Im herausragenden Weinjahr 2003 waren die Leiden der Binnenschiffer allerdings noch größer. Der Oestricher Pegel fiel damals auf den Tiefstwert von nur noch 50 Zentimetern. Die Pegelstände sind nicht die Werte für die Wassertiefe in der Fahrrinne, aber der Schiffsverkehr auf dem Rhein kam dennoch streckenweise zum Erliegen, und die Industrie sorgte sich öffentlich um die ausreichende Versorgung der Tanklager und Raffinerien mit Nachschub. Am Ende regnete es wieder. Doch die Binnenschiffer klagten über Verluste. Die Winzer strahlten. Sie hatten Trockenbeerenauslesen mit bis dahin nicht gekannten Mostgewichten im Keller. Kleiner Rhein, großer Wein.

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