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Nicolette Krebitz : Am Tisch mit schönen Frauen

Nicolette Krebitz in Berlin-Mitte Bild: Julia Zimmermann

Die Schauspielerin Nicolette Krebitz ist seit mehr als 20 Jahren im Geschäft. Nur hübsch zu sein reichte ihr nicht. Das It-Girl der Neunziger hat sich den Erwartungen entzogen. Sie führt Regie und spielt komplizierte Figuren.

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          Auf den ersten Blick spielt Nicolette Krebitz in ihrem neuen Film die Sorte Frau, die aus ihr hätte werden können, wenn sie nicht Nicolette Krebitz wäre: eine erwachsene Version des It-Girls. In „Unter dir die Stadt“, der seit Donnerstag im Kino läuft, trägt sie modische Kleider und hohe Absätze, sie raucht im Museum und macht auf Vernissagen und Stehpartys eine gute, mitunter etwas gelangweilte Figur. Geld, Zeit und auch Arbeit sind kein Thema für diese attraktive, mit einem aufstrebenden Jungbanker verheiratete Frau irgendwo in den Dreißigern. Und natürlich schreitet der mächtigste Mann der Finanzwelt schon bald neben ihr über den Rasen seiner Villa und sagt: „Ich möchte mit Ihnen schlafen.“ Auch dabei wird sie später eine gute, mitunter etwas gelangweilte Figur abgeben.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf den ersten Blick, sagt Nicolette Krebitz, könne diese Frau „wie so ein Paradiesvogel“ wirken, wie eine „popkulturelle Dame“. Aber Äußerlichkeiten interessieren die Schauspielerin nicht. Lange habe sie keinen so ernsthaften Film mehr gemacht, sagt sie, und schwärmt von Regisseur Christoph Hochhäusler. Die gemeinsame Arbeit habe darin bestanden, die Unabhängigkeit und Verletzlichkeit ihrer Figur herauszuschälen.

          Ein It-Girl aus Berlin

          Zehn Jahre ist es her, da galt Krebitz als It-Girl Berlins, vielleicht der Republik. Sie schmückte das Plattencover der Manchester-Kult-Band „New Order“: ein Mädchen mit zerzausten Haaren in Jeans und Männer-T-Shirt. „Nicolette Krebitz wartet“, sang die Gruppe „Fettes Brot“ mit - laut Liedtext - weichen Knien. Journalisten, die die Schauspielerin zum Interview trafen, überschlugen sich anschließend in schmachtenden Formulierungen, mit denen sie die Schönheit und das Geheimnis dieser Frau zu ergründen versuchten. Krebitz aber drehte mit „Jeans“ ihren ersten eigenen Film, in dem sie Jungs dabei zusah, wie sie sich durch den Sommer in Berlin-Mitte treiben ließen. So dokumentierte sie das Lebensgefühl einer Stadt, einer Szene, einer Generation und einer Zeit, für die sie selbst seitdem steht. What a girl.

          Das It-Girl der Neunziger hat sich den Erwartungen entzogen
          Das It-Girl der Neunziger hat sich den Erwartungen entzogen : Bild: Julia Zimmermann

          „Dieser Versuch, mich als It-Girl darzustellen, war auch ein Neutralisierungsversuch“, sagt Nicolette Krebitz und meint: Wer über das Aussehen von Frauen redet, wenn es eigentlich um ihre Arbeit gehen sollte, untergräbt ihren Wert und ihre Position. Krebitz sitzt im Berliner „Café Einstein“ Unter den Linden, trinkt Mineralwasser mit Kohlensäure und bestellt Eier im Glas. Das ist alles so angesagt wie gediegen und beliebig, und was das Aussehen angeht: Die großen Augen sind ungeschminkt, die Lippen schlagen beim Sprechen faszinierende kleine Wellen. Wenn ein Lachen ihre Sätze überholt, klingt es frei und aufrichtig amüsiert. Im Herbst wird sie vierzig.

          „Es ist tragisch, wenn schöne Frauen am Tisch mit einem sitzen, die erste Viertelstunde vorbei ist, das Gerüst zerbröckelt und herauskommt, wie es denen wirklich geht. Den meisten geht es eben nicht so gut“, sagt Krebitz. Und: „Für niemanden ist es gut, immer etwas sein zu müssen, was so vergeht.“

          Frühe Erfolge

          Vor zehn Jahren, als Krebitz als Nachwuchshoffnung des deutschen Films gefeiert wurde, spürte sie selbst diese Gefahr, hohl zu werden, weil man nur noch Projektionsfläche für fremde Erwartungen und fremdes Begehren ist, oder, wie sie es nennt: die Gefahr, abzutreiben wie auf einem Floß. Spätestens nach dem Publikumserfolg von „Bandits“ (1997) oder großen Fernsehproduktionen wie „Der Tunnel“ (2001) hätte sie immer so weitermachen können: einen Job an den nächsten reihen, dann eine Eigentumswohnung kaufen „oder vielleicht sogar ein Haus mit Garten“, heiraten, am besten einen Mann mit Ferienhaus in Südfrankreich, Kinder. „Und dann hätte ich echt nur aufpassen müssen, dass ich mich gut halte. Das fand ich deprimierend.“

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