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Nicole Kidman im Gespräch : „Ich weiß, wie es ist, wenn die Liebe fehlt“

  • Aktualisiert am

„Ich habe leider kein Talent für Small Talk. Ich mag ,Big Talk‘“: Nicole Kidman beim Internationalen Filmfestival in Cannes. Bild: dpa

Mit einem Herrscher war sie zwar nie verheiratet, doch in ihrem Leben gibt es so manche Parallele zu Grace Kelly. Nicole Kidman über ihre jüngste Rolle, ihre Flucht aus Hollywood, ihre Kinder und ihre Nachtgedanken.

          7 Min.

          Die echten Stars geben ihre Interviews auf den Filmfestspielen nicht in Cannes, sondern in Badehütten in Cap D’Antibes. Natürlich sind das keine gewöhnlichen Hütten. Hier heißen sie „Cabanas“, gehören zum legendären Luxushotel „Eden Roc“ und stehen in einem traumhaft schönen Garten am Meer mit Blick über die Bucht vor Cannes. Cabana 509, in der das Gespräch gleich stattfinden soll, befindet sich noch in einem sympathisch unaufgeräumten Zustand. Schnell schiebt eine Pressedame eine Liege mit Handtuch beiseite und improvisiert einen Interview-Tisch mit zwei Stühlen. Wenig später steht Nicole Kidman in der „509“ und wirkt in der kleinen Holzedelbude besonders groß.

          Es ist kurz vor dem offiziellen Start der 67. Filmfestspiele; der Eröffnungsfilm: „Grace of Monaco“ mit Kidman in der Titelrolle. Wie es sich für einen Eröffnungsfilm gehört, bestimmt das Werk seit Wochen die Schlagzeilen. Leider sind es ungute: Ein ständig verschobener Starttermin, der Streit zwischen dem Regisseur und den Produzenten um die endgültige Fassung, uncharmante Kritiken und ein erzürntes Fürstenhaus in Monaco sind die äußeren Zutaten des Dramas, das die Geschichte der legendären Schauspielerin Grace Kelly erzählt, die 1956 Fürst Rainier III. von Monaco heiratete.

          Frau Kidman, Sie haben die Fürstenfamilie Grimaldi mit Ihrem Film dermaßen verärgert, dass die nicht nur die Premiere zum Auftakt des Festivals boykottiert, sondern auch zum Boykott von „Grace of Monaco“ aufruft. Wie gehen Sie mit dieser Reaktion um?

          Für mich ist das eine sehr eigenartige und schwierige Situation. Als Schauspielerin kann ich mich in die Lage der Familie hineinversetzen. Das ist ja mein Beruf. Ich sehe es aber so: Diese Frau ist faszinierend, und die Rolle ist ein unglaubliches Geschenk. Regisseur Olivier Dahan hat sie mir auf dem Tablett überreicht und einen Rahmen für mich geschaffen, um sie zu erforschen. Ich habe meine Arbeit mit Liebe gemacht und versucht, die Essenz dieses Menschen zu finden. Keine Ahnung, ob mir das gelungen ist. Aber ich habe mein Bestes gegeben, und unsere Absichten waren aufrichtig.

          Und jetzt?

          Die Kinder von Rainier und Grace wollen natürlich nicht, dass das Leben und die Ehe ihrer Eltern auf diese Weise noch einmal publik werden, in all dieser Intimität. Denn letztendlich geht das niemanden etwas an. Das kann ich verstehen. Meine Kinder würden wahrscheinlich ähnlich reagieren, um uns zu verteidigen. Obwohl bestimmt nie ein Film über Keith und mich gemacht wird. Wenn die Grimaldis den Film doch eines Tages sehen, werden sie hoffentlich erkennen, dass wir gute Absichten hatten. Der Film hat nichts Bösartiges.

          Haben Sie jemals – so wie Grace Kelly – einen Heiratsantrag von einem Herrscher bekommen, vielleicht aus dem Mittleren Osten oder wenigstens von einem Baron oder Fürsten?

          Formulieren wir es mal so: Einen Antrag aus einem der Königshäuser gab es nie. Aber ich sage ja immer, ich habe „Country-Royalty“ geheiratet. In Nashville ist mein Mann...

          Der Country-Star Keith Urban.

          Ja, er ist ganz sicher ein „Royal“. In der Welt der Country-Musik ist er enorm berühmt.

          Wie haben Sie sich nach der Hochzeit 2006 „bei Hof“ in Nashville eingefügt?

          Ich fand es von Anfang an phantastisch, dass Keith in Nashville lebt. Mein Leben fand damals zwischen New York und Los Angeles statt. Als ich Keith kennengelernt habe, war ich auf der Suche nach Frieden. Keith konnte ihn mir bieten. Nach Nashville zu gehen, das war das genaue Gegenteil meines Lebens im Goldfischglas, in dem mich jeder beobachtete.

          Fürstlich: Kidman mit Tim Roth in „Grace of Monaco“
          Fürstlich: Kidman mit Tim Roth in „Grace of Monaco“ : Bild: dpa

          Sie waren zu diesem Zeitpunkt auf der Flucht?

          Ja. Ich wollte einfach untertauchen, und das habe ich auch getan. Ich war schwanger, bekam mein Baby und habe eine Zeitlang keine Filme mehr gemacht. Ich musste einfach wieder Wurzeln schlagen. Ehrlich gesagt, war ich mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr sicher, ob ich überhaupt wieder vor der Kamera stehen wollte.

          Wer oder was hat Sie umgestimmt?

          Keith und meine Mutter. Sie meinten, ich solle meine Karriere nicht aufgeben und meine Leidenschaft leben: Schauspielern, Schreiben und Produzieren. Also bin ich wieder ins Wasser gesprungen, und hier sitze ich nun, in Cannes.

          Warum haben Sie sich Frieden gewünscht?

          Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Ich hatte eine gescheiterte Ehe hinter mir, zwei Kinder und kein richtiges Zuhause mehr. Ich habe in dieser Zeit viel gearbeitet. Das tat mir gut, denn ich konnte mich in meinen Rollen verlieren. Das hatte aber auch den Effekt, dass ich mich irgendwie aufgelöst habe. Der Sinn für mein eigentliches Ich ist mir abhandengekommen. Ich konnte meinen Kern nicht mehr definieren.

          Was haben Sie seitdem gelernt?

          Es ist gut, sich ernsthaft zu fragen, was man ohne einen Teil seines Lebens, den man für unverzichtbar hält, tun würde. Wie würde ich weiterexistieren ohne diesen Beruf und alles, was dazugehört? Ich habe geprüft, wer ich wirklich bin. Wohin passe ich? Was liebe und genieße ich noch, außer der Arbeit beim Film? Durch diese kritische Phase habe ich neue Antworten gefunden.

          Welche?

          Die Fragen erledigten sich zu einem großen Teil von selbst, als ich mein Kind bekam. Inzwischen ist meine Tochter beinahe sechs Jahre alt. Durch sie bin ich ganz von selbst zur Ruhe gekommen. Die Schwangerschaft hat mich dazu gezwungen, und das war gut. Eigentlich sollte ich mit Stephen Daldry „Der Vorleser“ machen. Ich war schon fertig zur Abreise nach Deutschland. Und dann musste ich Stephen anrufen und ihm mitteilen: Ich bin schwanger und kann leider nicht kommen.

          Er war bestimmt begeistert...

          Er war ganz zauberhaft. Denn er wusste, dass ich mein ganzes Leben lang versucht habe, schwanger zu werden. Er war so großzügig, ich werde ihm das niemals vergessen. Außerdem wollte jede andere Schauspielerin auf diesem Planeten die Rolle spielen. Ich wusste, er hat kein Problem, sie neu zu besetzen. Für mich war es aber ein Statement, denn ich habe mich für mein Kind entschieden. Und damit habe ich mich auch entschieden, ganz still zu sein.

          Ganz still?

          Während der Schwangerschaft habe ich eigentlich nur geschlafen. Und ich habe tatsächlich Wurzeln geschlagen. Wir haben gemeinsam unser Landhaus eingerichtet. Ich konnte meditieren und einfach loslassen. Das Resultat ist mein phantastisches Kind. Sie ist ein unglaublich liebenswerter kleiner Mensch. Mein zweites Kind ist natürlich genauso liebenswert. Aber sie ist erst drei Jahre alt, und meine Erstgeborene ist schon etwas weiter.

          Haben die Schwestern ein ähnliches Temperament?

          Sie sind vollkommen unterschiedlich! Die Ältere nennen wir den „Firecracker“ – Knallfrosch. Sie ist voller Energie und springt den ganzen Tag durch die Gegend. Sie sieht ihrem Vater sehr ähnlich. Die Kleine ist besonnen und ruhig und hat das Aussehen von mir geerbt.

          Was ist Ihnen in Ihrem neuen Leben am wichtigsten?

          Ich hoffe, ich klinge jetzt nicht zu kitschig, aber es ist eindeutig Liebe. Ich weiß, wie es ist, wenn die Liebe im Leben fehlt. Als ich meinen Oscar gewonnen habe, kam ich nach Hause und hatte niemanden. Ich hatte mich noch nie so einsam gefühlt. Am wichtigsten ist es mir, jemanden an meiner Seite zu haben, mit dem ich „spielen“ kann. Das ist meine Definition für eine gute Beziehung. Wir sind jetzt neun Jahre zusammen und lieben es immer noch, zu spielen.

          Was meinen Sie mit „Spielen“?

          Zusammen im Meer schwimmen, Essen genießen, gemeinsam schlafen, gute Filme sehen, über Politik reden und unsere tiefsten, dunkelsten Gedanken austauschen. Ich bin jemand, der lieber zu Hause, zu zweit oder im kleinen Kreis bleibt, als auf große Partys zu gehen. Ich habe leider kein Talent für Small Talk. Ich mag „Big Talk“. Vielleicht liegt es an meiner Arbeit, die so intensiv ist. Ich mag Gespräche mit Substanz. Die leichten, oberflächlichen Themen strengen mich irgendwie an, und dann langweile ich mich schnell. Aber wenn ich etwas spannend finde, können Sie mich nicht mehr bremsen. Dann kann ich zwei Stunden am Stück reden.

          Grace Kelly war 26 Jahre alt, als sie ihre Karriere aufgab, um in Monaco Fürstin zu werden. Wer waren Sie mit 26 Jahren?

          Ich war drei Jahre in erster Ehe verheiratet. Wir hatten gerade unser erstes Kind bekommen. Eigentlich war ich in einer ganz ähnlichen Situation wie sie.

          Sie haben keinen Fürsten geheiratet...

          Aber einen Hollywoodstar.

          Ja, Tom Cruise. Und damit den Grundstein für eine öffentliche Beziehung gelegt. Wie haben Sie diesen Schritt erlebt?

          Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Grace sich gefühlt haben muss, weil es da eben tatsächlich Parallelen gibt. Plötzlich wird alles sehr groß, weil Hollywood eine überdimensionierte Welt ist. Und auch in dieser Welt existiert ein Protokoll. Ich hatte zwar keine Karriere aufgegeben. Aber ich war noch sehr jung. Und plötzlich stand mir die Welt nicht mehr so offen wie vorher. Mit Anfang zwanzig war ich Single, frei und konnte tun und lassen, was ich wollte. Es war diese Parallelität der Gefühle, die mir geholfen hat, Grace zu spielen. Olivier Dahan kannte meine Biographie, und ich glaube, er wollte mich auch deswegen für die Rolle. Und er wollte nicht, dass ich in irgendeiner Form versuche, Grace zu imitieren. Ihn interessierten Gefühle. Er sagte zu mir: „Ich möchte deine Gefühle durch deine Haut lesen.“ Bei den Dreharbeiten ist es mir gar nicht so aufgefallen, weil ich so in meine Arbeit vertieft war. Aber wenn ich heute die Nahaufnahmen sehe, bin ich selbst etwas geschockt, wie intim sie sind. Aber wir wollten eben keine Ikone zeigen, sondern einen Menschen. Damit steht und fällt der ganze Film.

          Grace Kellys goldener Käfig war Monaco. Ihrer war Hollywood?

          Ja. Aber es hat auch immer in meiner Natur gelegen, dagegen zu kämpfen. Das spiegelt sich in meinen Rollen. Ich spiele nicht gern nach den Regeln. Und ich wäre nicht glücklich, wenn ich nur in Filmen mitspielen würde, die ausschließlich das Gute präsentieren. Mich interessiert die ganze Skala menschlicher Gefühle. Vieles davon habe ich selbst mitgemacht. Das alles arbeitet in mir. Und oft wache ich mitten in der Nacht auf und fange an nachzudenken. Ich kann die Essenz dieser Gefühle ausdrücken, wenn ich Filme mache.

          Worüber denken Sie denn nachts nach?

          Warum sind wir hier? Wo werden wir enden? Was passiert, wenn ich gehe und meine Kinder in dieser Welt zurücklassen muss? Im Zusammenhang damit denke ich viel über Verlust nach. Der Tod beschäftigt mich sehr. Michael Hanekes Film „Amour“ hat mir deswegen so unglaublich gut gefallen: die Geschichte dieses Paares, in der ein Partner in eine andere Welt wechselt und der Hinterbliebene trotzdem weiter in der alten Welt existieren muss.

          Durch die Summe Ihrer Filme, in denen Sie oft emotionale Frauen spielen, haben Sie das Image einer zerbrechlichen Mimose. Im wirklichen Leben sind Sie eine humorvolle, zugängliche Frau. Freuen Sie sich darüber, dass Ihr Schauspiel den Leuten so glaubwürdig vorkommt, oder fühlen Sie sich von der Welt missverstanden?

          Das ist interessant, denn Sie haben recht. Die Leute sind oft etwas verwirrt, was mich angeht, auch weil ich in meiner Rollenauswahl häufig unberechenbar und spontan bin. Privat bin ich ein sehr geerdeter Mensch und ziemlich patent. Ich reite, tauche und mag Fallschirmspringen. Ich jogge, spiele Tennis und gehe wandern. Ich bin gerne in Bewegung. Und ich beschäftige mich gerne mit Pflanzen. Auf unserer Farm habe ich einen Rosengarten. Ich lasse gerne Dinge wachsen. Es ist ein einfaches, schönes Leben. Gerade habe ich einen Film mit Werner Herzog in Marokko gedreht. Und wissen Sie was? Ich kann jetzt sogar Kamele reiten und spreche etwas Arabisch! Das werde ich sofort in meinen Bewerbungsunterlagen ergänzen.

          Wussten Sie, was Sie erwartet, oder hatte Ihnen Herzog das Kamel erst einmal verschwiegen?

          Ich bin in Marokko gelandet, zehn Stunden durch die Wüste zum Set gefahren, und eine Stunde später saß ich auf dem Kamel. Na ja, schließlich spiele ich eine Entdeckerin und Forscherin um die Jahrhundertwende: Getrude Bell. Kamele sind ganz schön störrische Biester. Sie sind schwerer zu bändigen als Pferde.

          Wo bringen Sie Ihre Töchter unter, wenn Sie arbeiten?

          Die sind immer dabei. Ich engagiere für die Zeit während der Dreharbeiten einen Lehrer. Zur Schule gehen sie in Nashville und Sydney. Im Moment führen wir ein richtiges Zigeunerleben. Ich weiß, es kommt der Tag, an dem sie dazu keine Lust mehr haben. Dann muss Mama eben Filme in Nashville machen. Im Moment lieben sie allerdings noch das Abenteuer. In Marokko hatten wir ein drei Monate altes Löwenbaby namens Umba als Haustier. Ich habe Fotos, auf denen die beiden mit ihm herumtoben. Und bevor die Leute sich jetzt aufregen: In diesem Alter hat das Tier noch keine Klauen.

          Apropos gefährlich. Der rote Teppich macht vielen Ihrer Kollegen Angst. Was ist der Trick, da entspannt auszusehen?

          Normalerweise habe ich immer jemanden dabei, an dem ich mich festhalten kann. Optimal ist es, wenn Keith an meiner Seite ist. Dann bin ich tiefenentspannt, und aus der Sache wird eine Art Date. Allein kann ich ganz schön nervös werden; das geht sogar so weit, dass ich zittere. Ich bin nun mal kein extrovertierter Mensch. Keith stellt sich vor 20.000 Menschen auf eine Bühne. Er ist nie nervös. Aber dazu habe ich nicht die Nerven.

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