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Newcomer-Band „Milky Chance“ : Ein Hit aus Kassel

  • -Aktualisiert am

Milky Chance: Philipp Dausch (links) und Clemens Rehbein Bild: Jens Gyarmaty

Clemens Rehbein und Philipp Dausch haben als „Milky Chance“ die Charts in Dutzenden Ländern gestürmt. Ob es mehr als ein Sommermärchen wird, muss sich noch zeigen.

          4 Min.

          Clemens sitzt auf einer umgedrehten blauen Wasserkiste. Er ist müde, sein Blick geht ins Leere. Die Haare strecken sich in alle Himmelsrichtungen, hinter ihm ist der Berliner Fernsehturm zu sehen. Das letzte Europa-Konzert für dieses Jahr von Milky Chance steht kurz bevor. Danach gibt es erst einmal eine Pause, und die beiden Chartstürmer Clemens Rehbein und Philipp Dausch können zur Ruhe kommen.

          Die Geschichte von Milky Chance verdient das Etikett „hausgemacht“. Offenbar treffen Clemens und Philipp mit ihren melancholischen Zeilen und elektronischen Rhythmen den Musiknerv der Zeit: der 21 Jahre alte Philipp am Mischpult und der gleichaltrige Clemens am Mikrofon und an der E-Gitarre. „Ich war schon damals ein verträumter Einzelgänger“, sagt Clemens. Was ihm an Leidenschaft und Ehrgeiz in der Schule fehlte, steckte er in die Musik. Sechs Jahre nahm er Gitarrenunterricht. Mit 15 schrieb er seine ersten Texte auf Englisch, dazu Musik, die beeinflusst ist von Reggae, Jazz und Rock. Zu Hause im Kinderzimmer am PC, mit E-Gitarre und Verstärker, begann auch die Geschichte von Milky Chance. Das Zimmer ist sein Labor geblieben, wo er für sich sein kann, sich ausprobiert, übt und komponiert. „Ich hatte sehr tolerante Nachbarn“, erzählt der Wuschelkopf. „Aber auch ältere, die nicht mehr so gut hören konnten und sich an der lauten Musik nicht störten.“

          Auf dem Gymnasium in seiner Heimatstadt Kassel lernte er Philipp kennen, zusammen mit drei anderen gründeten sie die Jazz-Band Flown Tones. Bass spielen brachte er sich selbst bei. Sie probten einmal in der Woche in der Garage eines Freundes, die Mutter versorgte sie mit Schnittchen. Nach dem Abitur trennte sich die Band. Clemens machte weiter Musik, jobbte bei der Documenta und hatte trotzdem viel Zeit und diesen schlummernden Traum.

          Der Sänger und Gitarrist Clemens Rehbein auf einem Festival in den Niederlanden
          Der Sänger und Gitarrist Clemens Rehbein auf einem Festival in den Niederlanden : Bild: dpa

          Im Frühjahr 2012 lud er bei Youtube drei Lieder hoch, unter anderem „Stolen Dance“, dazu einen Künstlernamen, den er sich schon mit 15 ausgedacht hatte: Milky Chance. „Der Name klang schön, genau kann ich mich nicht daran erinnern, wie ich darauf kam.“ Die Lieder sind eine Mischung aus Akustik-Rock, elektronischen Beats und Folk. Die Klickzahlen explodieren, knapp 800 000 sind es innerhalb eines Jahres, obwohl es noch kein Video gab. Sein Freund Moritz hatte einfach ein abstraktes Mohnfeld aus Ölfarben gemalt, „damit es nach was aussieht“. Das Bild wird später das Cover ihres Debütalbums „Sadnecessary“.

          „An einem Sommertag saßen Moritz, Philipp und ich auf einer Bank und haben entschieden, ein Label zu gründen“, erzählt Clemens. Es sei eine „Auf-der-Bank-sitzen-und-Wein-trinken-Idee“ gewesen. Die Freunde wurden über Nacht von Abiturienten zu Pressesprechern, Produzenten und Künstlern. Der Abstellraum in Clemens’ Elternhaus wurde zum Tonstudio, als Lärmschutz verkleideten sie die Wände und Decken mit Schaumstoff. „Dafür nahmen wir noch das Geld von meiner Konfirmation“, sagt Philipp. Innerhalb einer Woche nahmen sie die Lieder für ihr Debütalbum auf. Für die ersten 3000 Tonträger liehen sie sich von ihren Eltern, von Bekannten und Freunden Geld, um die Kosten zu decken: knapp 5000 Euro. Die Tonträger lagerten sie bei einem Freund, die Bestellungen nahmen sie in ihrer Facebook-Gruppe an. „Wir haben uns einmal in der Woche getroffen, die CDs verpackt, ein paar Sticker von uns dazugelegt und das Ganze verschickt“, erzählt Clemens.

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