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Newcomer-Band „Milky Chance“ : Ein Hit aus Kassel

  • -Aktualisiert am

Internationaler Charterfolg und drei Echo-Nominierungen

Innerhalb eines Jahres erreichte die Single „Stolen Dance“, die mittlerweile knapp 62 Millionen Youtube-Klicks hat, die Spitze der iTune-Charts in 24 Ländern, unter anderem in Israel, Neuseeland und Namibia. Ihr Album hat in Deutschland und Australien Doppel-Platin-Status. Clemens’ Finger zwirbeln am Unterlippenbart, sein Blick streift das bewölkte Berlin. Er wirkt unbekümmert, rubbelt gedankenverloren seine Haare, die sich wie elektrisiert nach oben stellen. Dass er nun berühmt ist, merkt man ihm nicht an. „Ich verliebe mich in Sachen und trage sie so lange, bis sie kaputt sind“, sagt er. Zwei Paar Schuhe habe er, ein Paar für den Sommer, ein Paar für den Winter. Unter seinen Achseln ist die Lederjacke an der Naht aufgeplatzt. Sie ist ein Geschenk von Moritz, seinem besten Freund. Es erzählt viel über ihn, über seine Loyalität zu Dingen und Menschen, seinem Umfeld, das fast nur aus Freunden besteht, über seine Melancholie. „Ich erinnere mich gerne an meine Kindheit.“ Warum? „Dieses Gefühl“, sagt er, mehr nicht. Seine Kindheit scheint er durch die langjährigen Freundschaften zu konservieren. Fast 20 Freunde aus Kassel sind am Samstagabend backstage bei dem Konzert in Spandau dabei. Das Konzert in der Zitadelle bildet das Ende einer eng getakteten Konzert- und Promotour.

Dreimal waren sie in diesem Jahr für den Echo nominiert, gingen jedoch leer aus. Die Enttäuschung darüber hielt nicht lange an. Von März an waren sie in Frankreich, Italien, Belgien, Holland und Luxemburg auf Tournee, seit Juli bereisten sie die Schweiz und Österreich, spielten in Deutschland auf den großen Festivals. Nun haben Clemens und Philipp erst einmal Urlaub. Philipp möchte Freunde in den Vereinigten Staaten besuchen und surfen lernen. Für Clemens geht es zunächst zurück nach Kassel, im November dann vielleicht nach Indonesien. Vier kleinere Konzerte in den Vereinigten Staaten und in Kanada sind im Oktober geplant, in Australien spielen sie im Januar. Ihre Fans sind laut Facebook-Statistik vor allem zwischen 18 und 25 Jahre alt, 60 Prozent sind weiblich.

Auch in Spandau warten in den ersten Reihen vor allem Mädchen zwischen 16 und 20. Hinter der Bühne geht Philipp mit den Schlagzeughölzern auf einer blauen Mülltonne die Lieder im Kopf noch einmal durch. Nervös? Nein, sagt Clemens. „Einfach fallen lassen. Abhängen mit Freunden und eine Kippe, dann geht’s los.“ Die Band betritt die Bühne, die ersten Töne erklingen. Sie spielen vor 9000 Zuschauern, Höhepunkt ist ihr „Stolen Dance“, der die Mädchen aufkreischen lässt, als nur die ersten Takte zu hören sind. „Wir spielen den Song immer am Schluss, denn wir wollen natürlich auch auf die anderen Lieder aufmerksam machen.“ Einmal fiel am Ende die Technik aus, und sie konnten „Stolen Dance“ nicht spielen. Das gab jede Menge böse Facebook-Kommentare.

Für Milky Chance war „Stolen Dance“ der Schlüssel in die Welt der großen Konzerte, der Interviews und Fototermine. Dass sie sich einreihen könnten in die Reihe der zahllosen One-Hit-Wonder, der Bands mit nur einem Tophit, daran wollen sie nicht denken. Vor dem Konzert in Berlin bekommen sie eine goldene Schallplatte für ihr Debütalbum überreicht: 100 000 verkaufte Exemplare. Sie sind keine Jungs der großen Worte. Situationen wie diese liegen ihnen nicht. Den Erfolg, den sie gerade feiern, beruhigt zwar, er verschafft ihnen Zeit. Ob er anhält - wer weiß? „Meistens bin ich mit Freunden zusammen, da mache ich mir keine Gedanken darüber“, sagt Clemens. „Das ändert sich, wenn ich alleine bin.“

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