https://www.faz.net/-gum-7tof3

New York : Showdown für Sheriff Woody

Wenn die Touristin nett ist, kramt sie nach dem Foto für jede Figur ein eigenes Trinkgeld aus der Geldbörse – selbstverständlich ist das aber nicht Bild: AFP

Am Times Square herrscht unter den Darstellern von Filmfiguren ein harter Verdrängungswettbewerb: Immer mehr Gestalten kämpfen für ein karges Auskommen um Aufmerksamkeit. Manche fallen dabei aus der Rolle.

          4 Min.

          Als ob hier nicht genug los wäre! Nun kommt auch noch die Koreanerin, die vollmundig Jesus preist. Und der Mann mit dem Schild, das auf den „Irish Pub“ um die Ecke hinweist, in dem es auch Warsteiner gibt. Und der Mann mit der lebenden Schlange um den Hals, der ebenfalls für ein spannendes Freizeitvergnügen wirbt.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Was soll Spongebob da sagen, der Schwammkopf aus der Zeichentrickserie? Und Mickey Mouse, der Held aller amerikanischen Kinder? Und Minnie Mouse, die ihm treu zur Seite steht? Und all die anderen lebenden Zeichentrickfiguren, die am Times Square, mitten in Manhattan, darauf hoffen, dass die Touristen sie wahrnehmen, sich mit ihnen fotografieren lassen und einen Dollar in ihren schlaffen Stoffbeutel werfen, auf dem in dicken Lettern „Tip“ steht, „Trinkgeld“?

          Sheriff Woody zieht seine Maske hoch und fällt kurz aus seiner Rolle, die ihm der Computeranimationsfilm „Toy Story“ in mehreren Folgen seit 1995 zugedacht hat. Woody, der Mann mit dem breitkrempigen Hut, den großen Augen und dem hyperaktiven Lachen, ist nun ein Einwanderer aus Lateinamerika, der sich den Schweiß von der Stirn reibt. Was also soll Hector Inga sagen über die neuen Zeiten auf dem Times Square?

          Ironie der Geschichte

          Auf Englisch ohnehin nicht viel, denn er kommt aus Peru. Also ruft er Spongebob als Übersetzungshilfe herbei. Doch dessen Schwammkostüm ist so dick, dass es erstens all das schluckt, was man hineinruft, und zweitens all das, was als Übersetzung herausruft. Spongebob kann sich auch nicht so einfach seinen Körperaufbau absetzen wie Mickey Mouse seinen Kopf, wenn er mal Luft holen oder Dampf ablassen will.

          „Yeehaw!“: Unter der Maske steckt der ganz und gar nicht immer fröhliche Hector Inga aus Peru Bilderstrecke
          „Yeehaw!“: Unter der Maske steckt der ganz und gar nicht immer fröhliche Hector Inga aus Peru :

          Hector Inga weiß sich aber auch so mitzuteilen. Das Geschäft, obwohl Sonntag ist, läuft mäßig. „Die Ferien sind vorbei.“ Wie viel er heute eingenommen hat, will er nicht sagen. Da dröhnt es aus Spongebob heraus, dass man hier nur rund 200 Dollar in der Woche verdiene.

          Hector Inga, der schon mit 39 Jahren ein von Sorgen zerfurchtes Gesicht hat, ist diese Zahl ein bisschen peinlich. Aber warum sonst hätte er gestern demonstriert? Eine bunte Koalition von Putzfrauen der New Yorker Flughäfen, Küchenhelfern aus Schnellrestaurants und erstmals auch Darstellern von Filmfiguren – die meisten von ihnen Lateinamerikaner – demonstrierten am Samstag auf der Fifth Avenue gegen Niedriglöhne von oft weniger als zehn Dollar pro Stunde.

          Da wurde deutlich, dass man an den Figuren außer ihrer Rolle auch ihre Position in der amerikanischen Gesellschaft ablesen kann. Mit einer bitteren Pointe: Die Einwanderer, die von Spenden leben müssen, stellen ausgerechnet jene Figuren dar, die für den amerikanischen Hang zur Unterhaltung stehen – unter den riesigen Laufbändern, die mit den Nasdaq-Kursen dem Kapitalismus den Takt vorgeben.

          Wenn das Krümelmonster ausfallend wird

          Viele Filmfiguren wären froh, wenn sie an diesem Sonntag auf acht, neun Dollar die Stunde kämen. Denn die Konkurrenz hat zugenommen. Noch vor einem Jahrzehnt gab es hier nur den „Naked Cowboy“, der dem Showdown vielleicht schon entflohen ist, denn heute ist er nicht zu sehen. Oder er ist für Werbeaufnahmen unterwegs – zuletzt pries er Toilettenpapier an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.