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Neue Vogelart entdeckt : Smartphone ruft Orthotomus

Neue Art entdeckt: Simon Mahood zieht mit dem Spektiv über der Schulter zum Beobachten ans Ufer des Tonle Sap Bild: Scott Howes

Entdeckungen scheinen eine Sache der Vergangenheit. Doch Vogelkundler Simon Mahood hat geschafft, was für ihn ist wie ein Lottogewinn: Er hat eine neue Art beobachtet.

          Als sich auf dem Fluss Tonle Sap in Phnom Penh die Morgensonne spiegelt, haben sich am Ufer schon Grüppchen zur Frühgymnastik eingefunden. Simon Mahood ist aber nicht um 4.50 Uhr aufgestanden, um sich das Treiben der Kambodschaner auf der Promenade anzuschauen. Der Brite, der für eine amerikanische Naturschutzorganisation arbeitet, ist auf der Suche nach einem Lebewesen mit einer Körperlänge von nur zehn Zentimetern. Es hat einen rostroten Schopf, weiße Wangen, eine schwarz-weiße Kehle, ein schiefergraues Federkleid, einen hellgrauen Bauch und einen schmalen Schnabel, der sich an der Spitze scheinbar beleidigt nach unten biegt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Ins Deutsche übersetzt lautet sein Name „Kambodschanischer Schneidervogel“. Mit diesem Tier fühlt sich Simon Mahood zurzeit vielleicht sogar mehr verbunden als mit den Menschen auf der Promenade, deren Sprache er kaum spricht. Auch wenn es aus der Perspektive der Tiere anders aussehen dürfte: Aus Menschensicht ist Simon Mahood ihr Entdecker. Für einen Vogelkundler wie Simon Mahood zählt das Auffinden einer unbekannten Art sogar mehr als ein Lottogewinn. Denn eigentlich sieht es so aus, als seien alle Lose verkauft, die Ziehungen gelaufen und die Gewinne schon vergeben.

          Knapp 4000 Spezies beobachtet

          Entdeckungen scheinen eine Sache der Vergangenheit. Die Beobachtung beschränkt sich meist auf bekannte Arten. Das hält die „Birdwatcher“ aber nicht davon ab, in einen Wettbewerb miteinander zu treten. Wer die meisten Exemplare gesehen hat, führt das Rennen an. Simon Mahood, der sich seit Kindesbeinen für Vögel interessiert, hat in seinen 31 Jahren schon knapp 4000 Spezies auf der ganzen Welt beobachtet. Aber keine davon lässt sich mit dem Zwerg vergleichen, den er vor den Toren Phnom Penhs im Gestrüpp fand. „Ich habe immer schon gedacht, das Tollste wäre es, eine neue Art zu finden“, sagt der Brite, als sich das Auto langsam aus Phnom Penh hinausbewegt.

          „Aber ich hätte nie erwartet, dass es in Kambodscha passieren würde, so nah an meinem Zuhause und den Millionen Menschen.“ Das Auto fährt etwa eine halbe Stunde an Häusern und Hütten vorbei über eine Brücke durch ein Tor, das mit seinen Betonsäulen den Eingang zu einem Neubaugebiet markiert. Dass Simon Mahood den Fund nicht im tiefen Dschungel oder an den endlosen Ufern des Mekong gemacht hat, sondern am Rande einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, macht ihn aus seiner Sicht noch wertvoller. Auf einer Wiese steht das Gerippe eines Hochhauses, das wohl ein Casino werden soll, daneben gibt es einen Golfplatz, und weiter hinten werden Wohnhäuser hochgezogen.

          Der Vogel: Orthotomus chaktomuk Bilderstrecke

          Ein unebener Weg aus roter Erde führt bis an den Rand eines kleinen Sees. Hier sieht es aus wie in Nordeuropa: plattes Land und flaches Grün. Simon Mahood steigt aus, hängt sich ein Fernglas um den Hals und legt sich sein Spektiv über die Schulter, das Beobachtungsfernrohr der Vogelkundler. Er läuft durch den Matsch am See entlang, vorbei an einem Müllhaufen und weggeworfenen Flipflops, bis zu einer Stelle, an der ein überschwemmtes Areal mit dichtem, hüfthohem Gestrüpp liegt. Das ist der Lebensraum des „Kambodschanischen Schneidervogels“, der in der Flutebene von Tonle Sap und Mekong im südlichen Kambodscha vorkommt.

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