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Studie zur Lebenserwartung : Warum manche älter werden als andere

Ältere Menschen auf einer Bank: Eine neue Studie untersucht die Lebenserwartung in verschiedenen Landkreisen. Bild: dpa

It’s the economy, stupid: Die unterschiedliche Lebenserwartung in Deutschland ergibt sich nicht aus der Geographie, sondern aus der Benachteiligung.

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          Armut kann sich auf die Gesundheit und somit auch auf die Lebenserwartung auswirken. Das an sich ist keine neue Erkenntnis. Dennoch führt eine Studie nun noch einmal vor Augen, was das bedeutet. In Deutschland durchgeführt haben sie Roland Rau, Professor für Demographie an der Universität Rostock und Max-Planck-Fellow am Max-Planck-Institut für demografische Forschung, und Carl Schmertmann, Professor für Ökonomie an der Florida State University.

          Mit einer neuen statistischen Methode, die Zufallsschwankungen in Gegenden mit geringerer Bevölkerungsdichte weitgehend ausschließt, haben die beiden die Lebenserwartung in einzelnen Landkreisen untersucht. Denn, so schreiben sie in ihrer Studie, die im „Ärzteblatt“ erschienen ist, kleinräumige Schätzungen seien entscheidend, um „marginalisierte Regionen zu identifizieren“. Die Ergebnisse sind einerseits überraschend, andererseits auch wieder nicht. Denn im wohlhabenderen Süden Deutschlands leben die Menschen durchschnittlich länger. Bei Frauen liegt die Spanne zwischen den Lebenserwartungen in ganz Deutschland bei knapp vier Jahren, bei Männern bei etwas mehr als fünf. Frauen im Landkreis Starnberg südlich von München werden mit durchschnittlich 85,7 Jahren am ältesten. Frauen im Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt haben mit durchschnittlich 81,8 Jahren die niedrigste Lebenserwartung. Bei den Männern findet sich die höchste Lebenserwartung mit 81,2 Jahren im Landkreis München, die niedrigste mit 75,8 Jahren in Bremerhaven.

          Infografik Im Süden lebt man länger – Geschätzte Lebenserwartung in Deutschland
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          Überraschend findet Roland Rau, dass einige Faktoren, von denen man annehmen könne, sie hätten einen Einfluss auf die Lebenserwartung, keine allzu große Rolle spielten. So korrelierten Bevölkerungsdichte, Durchschnittseinkommen und Zahl der Ärzte pro 100.000 Einwohner nicht sehr ausgeprägt mit der Lebenserwartung. Ob Menschen auf dem Land oder in der Stadt lebten, wirkte sich also nicht unbedingt auf ihre Lebenserwartung aus. Wer in Ostdeutschland auf dem Land lebe, habe zwar eine durchschnittlich geringere Lebenserwartung als ostdeutsche Städter, sagt Rau. Im Westen sei das aber nicht so. Hier seien es eher Städte wie Essen, Duisburg oder Gelsenkirchen, die eine geringere Lebenserwartung aufwiesen.

          Benachteiligung hat Auswirkungen

          Eine stärkere Korrelation sahen die Forscher zwischen einer geringeren Lebenserwartung und extrem benachteiligten Bevölkerungsschichten. Zwischen einer geringeren Lebenserwartung und der Tatsache, dass Menschen Hartz IV beziehen oder es mehr Kinderarmut gibt, sei eine größere Korrelation zu beobachten. Das bedeute aber nicht, dass zwischen beiden Dingen notwendigerweise ein Kausalzusammenhang bestehen müsse: „Wir haben die Daten auf Kreisebene erhoben. Und man kann nicht von Kreisen auf Individuen schließen“, sagt Rau.

          Der Wissenschaftler findet die Ergebnisse „desillusionierend“. Denn Studien zeigten immer wieder, dass sozioökonomische Unterschiede bei der Lebenserwartung nicht nur in Ländern wie Großbritannien oder den Vereinigten Staaten eine Rolle spielten, sondern auch in solchen, die für ihre Sozialpolitik bekannt seien: in Dänemark oder Schweden. Die Studie der Wissenschaftler lässt das nun auch für Deutschland vermuten. Selbst wohlhabende Bundesländer wie Bayern seien nicht homogen, sagt Rau, auch hier gebe es Unterschiede: In Kreisen im Nordosten von Bayern ist die Lebenserwartung ebenfalls vergleichsweise gering.

          Um diese regionalen Unterschiede genau herauszuarbeiten, haben Rau und Schmertmann zwei Jahre an ihrem statistischen Modell gearbeitet. Denn ein Problem sei häufig, dass in Gegenden mit geringer Bevölkerungsdichte Zufälle stärker ins Gewicht fielen. „Das ist, wie wenn Sie eine Münze werfen: Wenn die von zehnmal zweimal auf die eine Seite fällt, dann dürfen Sie daraus nicht schließen, dass die Wahrscheinlichkeiten auch so verteilt sind. Je öfter Sie die Münze werfen, desto genauer wird es“, sagt Rau. Zahlen aus einem Landkreis wie Berlin seien deshalb deutlich genauer als die aus einer ländlichen Gegend. Um das auszugleichen, habe man bekannte Daten in die Bewertung mit einfließen lassen: „Wir wissen, dass Frauen älter werden als Männer. Wenn das in einem Kreis nicht der Fall ist, können wir davon ausgehen, dass das vermutlich Zufall ist“, sagt Rau. Je mehr Daten man habe, desto geringer sei das Gewicht des Vorwissens und umgekehrt.

          Die Studie habe zwei Ziele gehabt, sagt Rau. Einerseits hätten die Forscher ihr Modell anwenden wollen. Außerdem habe man herausfinden wollen, ob sich auf Kreisebene eine Korrelation zwischen sozioökonomischen Faktoren und der Lebenserwartung feststellen lässt. Aus den Ergebnissen könne er nun keine konkrete Handlungsanweisung schließen, sagt Rau. Dennoch schreiben die Wissenschaftler: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Maßnahmen, die die Lebensstandards für ärmere Teile der Bevölkerung verbessern, am ehesten dazu geeignet sind, die existierenden Unterschiede in der Lebenserwartung zu reduzieren.“

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